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Gespräch mit Yogeshwar und Bendig : Kinder, lernt Programmieren!

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„Die Schere im Kopf müssen wir lösen, die uns immer sagt, Programmieren ist schwer“: Ranga Yogeshwar Bild: dpa

Start coding: In Deutschland startet die Initiative „Jeder kann programmieren“ – ein Aufruf zur kreativen Nutzung der Informationstechnologie. Ranga Yogeshwar und Thomas Bendig erläutern die Idee.

          Programmieren wird in der Initiative als „Sprache des 21. Jahrhunderts“ angekündigt. Ist es also wie Schreibenlernen, oder doch eher wie eine zusätzliche Fremdsprache zu verstehen?

          Ranga Yogeshwar: Programmieren heißt ja eigentlich nur, eigene Gedanken so zu übersetzen, dass man eine Aufgabe löst. Damit kann man sehr früh beginnen. Da gibt es schon Angebote im Netz, wie die Programmiersprache „Scratch“. Sie ist grafisch aufgebaut und wurde für 8- bis 16-Jährige entwickelt. Für ein Kind, das zum Beispiel eine kleine Katze nach seinen Vorstellungen über den Bildschirm springen lässt und dabei beispielsweise die Farbe verändert. Die Grundbotschaft ist entscheidend: Du bist nicht nur passiver Konsument, sondern kannst deine Welt selber gestalten, du bist nicht nur der Knopfdrücker und Tabletstreichler. Programmieren ist Ausdruck unserer Mündigkeit in einer modernen Welt. Die globalen Entwicklungen der IT prägen zunehmend unseren Alltag, und da sollten wir in Europa nicht im Beifahrersitz verharren.

          Thomas Bendig: Programmieren ist im Grunde gar keine Fremdsprache, sondern überall gültig. Es geht darum, ein Grundverständnis für die Technologie zu entwickeln, zu wissen, wie so was im Inneren grundsätzlich funktioniert. Das wird künftig nichts mehr Fremdes sein.

          Wenn es so einfach ist, warum haben ausgerechnet wir in Deutschland den Anschluss verpasst?

          Bendig: Das hat mit der Aufbereitung und Verpackung zu tun. Lange Zeit war es ein Thema von Informatikern für Informatiker. Es müssen jetzt ganz neue Zugänge geschaffen werden. Die Hürden der klassischen Programmierung sind hoch, bis man das erste funktionierende Programm schreibt. Das ist etwas sehr Formales. Der Benutzungskomfort muss besser werden. Neue Zugänge können zum Beispiel Robotikbaukästen für kleine Kinder sein.

          „IT-Experten haben einige der größten Innovationen der letzten 30 Jahre hervorgebracht“: Thomas Bendig will mehr Faszination am Programmieren entfachen
          „IT-Experten haben einige der größten Innovationen der letzten 30 Jahre hervorgebracht“: Thomas Bendig will mehr Faszination am Programmieren entfachen : Bild: Die Hoffotografen

          Die Initiative wirkt sehr amerikanisch.

          Yogeshwar: In den Vereinigten Staaten hat es vor einem Jahr eine ähnliche Initiative gegeben mit der Bezeichnung code.org. Sie hat in kürzester Zeit mehr als zehn Millionen Dollar zusammenbekommen, das Einführungsvideo war wochenlang die Nummer eins auf Youtube, Prominente wie Zuckerberg oder Bill Gates, aber auch Präsidenten wie Obama oder Clinton engagieren sich; und selbst von prominenten Basketballspielern wie Chris Bosh hört man die Aufforderung „Learn to code!“ Der Erfolg der Initiative spricht für sich, denn in einem Jahr haben über 37 Millionen Menschen die „One Hour of Code“ ausprobiert. In fünf amerikanischen Bundesstaaten wird das Programmieren inzwischen in den Schulunterricht eingebettet. Zum Vergleich: Zwei meiner Kinder haben vor kurzem in Deutschland Abitur gemacht und nicht eine einzige Zeile programmiert!

          Die Defizite liegen also in der Schule?

          Yogeshwar: Da ist nicht nur die Schule gefragt, wir sollten unsere Haltung ändern. Das Programmieren ist nicht nur für Nerds – jeder kann programmieren! Wenn ich in Seattle in ein Café gehe, sehe ich junge Menschen, die mit ihren Laptops neue Apps entwickeln.

          Wir haben dieses Jahr das Wissenschaftsjahr der digitalen Gesellschaft. Ist damit schon etwas erreicht worden?

          Bendig: Es geht darum, die Faszination zu vermitteln. Man muss alte Klischees und Hürden überwinden. Wir zeigen, dass IT-Experten äußerst kreativ sein können und dass sie einige der größten Innovationen der letzten dreißig Jahre hervorgebracht haben. Die Leute sollen erkennen, dass man mit IT-Wissen die digitale Gesellschaft mitgestalten kann. Ein Nebeneffekt ist, dass sie mehr darüber nachdenken, wie und welche Dienste sie nutzen und wie sorglos sie mit ihren Geräten, Apps und Daten umgehen. Wer programmieren kann, entwickelt auch eine Sensibilität dafür, wo Daten anfallen und dass Daten auch irgendwo gespeichert werden.

          Leider ist ein großer Teil der Programme, die unser Leben bestimmen, abgeschottet. Wenn wir eine andere Haltung fordern, muss dann nicht auch Open Source der Standard werden?

          Yogeshwar: Der Trend geht immer stärker in Richtung offener Systeme, denn nur so entsteht diese großartige Dynamik des Miteinanders. Und vergessen wir nicht: Mit den Möglichkeiten des Programmierens kann man im wahrsten Sinne die Welt verändern. In den unterschiedlichsten Bereichen entstehen vielversprechende Projekte: In der Kunst hat man etwa die Plattform „processing“ entwickelt. Hierdurch lassen sich grafische Darstellungen leicht umsetzen. Die Schere im Kopf müssen wir auflösen, die uns immer sagt, Programmieren ist schwer.

          Ist eine Vielfalt an Programmiersprachen im Ergebnis nicht auch eine Hürde, weil ich mich ja auf verschiedene Systeme einlassen muss?

          Yogeshwar: Es gibt mit „Jeder kann programmieren“ eine Webseite, mit der man den Einstieg schafft. Man erhält eine Orientierungshilfe, wird mit anderen vernetzt, kann auf Foren und Tutorials zurückgreifen. Ich habe hier tolle Didaktiker wie Stefan Thiel erlebt, die sehr kompetent sind und enorm motivierend, weil sie selbst kreativ damit arbeiten. Es gibt hierzulande schon viele wunderbare Einzelinitiativen, denen allerdings bisher die Sichtbarkeit fehlt. Unsere Plattform will diese vielen Einzelinitiativen bündeln und vernetzen.

          Haben Sie genügend Unterstützung?

          Yogeshwar: Einige Unternehmen haben das Ziel verstanden und auch der Bundeswirtschaftsminister hat die Chance erkannt. Er wird zu unserer Kick-off-Veranstaltung in Berlin kommen. Aber natürlich brauchen wir noch viel mehr Unterstützer, die ins Portemonnaie greifen. Nur zum Vergleich: Code.org hat in den Vereinigten Staaten in einem Jahr zehn Millionen Dollar an Unterstützung erhalten und arbeitet inzwischen mit einem Team mit vierzehn Festangestellten und 36 freiberuflichen Mitarbeitern an dem Projekt. Auch deutsche Unternehmen müssen erkennen, dass diese Initiative eine Investition in die Zukunft unseres Landes ist. Wir wollen eine breite Bewegung auf die Beine stellen, und das geht nicht nur mit reinem Idealismus.

          Ranga Yogeshwar ist Wissenschaftsjournalist und Physiker.

          Thomas Bendig ist Geschäftsführer des Fraunhofer-Verbundes IUK-Technologie, der größten IT-Forschungsorganisation in Europa. Beide sind Mitinitiatoren des Vereins „Jeder kann programmieren“, der am 10. Juni seine Auftaktveranstaltung in Berlin hat.

          Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

          Quelle: F.A.Z.

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