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Veröffentlicht: 14.03.2017, 11:37 Uhr

Amerikas Nationalismus Der lange Schatten des Rassismus

Donald Trump versetzt mit seiner Einwanderungspolitik die halbe Welt in Schrecken. Doch im Grunde schreibt er mit seinem xenophoben Nationalismus nur amerikanische Traditionen fort. Ein Gastbeitrag.

von Hartmut Berghoff
© EPA Donald Trump, der Enkel eines Einwanderers, könnte eigentlich ein Fürsprecher der Immigration sein und setzt dennoch die Tradition der Abschottung fort.

Der 3. Oktober 1965 war eine Sternstunde der amerikanischen Geschichte. Symbolträchtig am Fuße der Freiheitsstatue sitzend, unterzeichnete der demokratische Präsident Lyndon B. Johnson ein neues Einwanderungsgesetz, das die bisherigen, extrem illiberalen Regelungen ersetzte. Diese passten nicht mehr zu einem Land, das sich anschickte, Rassenschranken niederzureißen. Johnson wollte Amerika von Grund auf modernisieren. Das neue Gesetz verbot jede Diskriminierung potentieller Einwanderer nach ihrer Nationalität, Herkunft oder Ethnizität. Mit überwältigender Mehrheit und der Unterstützung vieler Republikaner passierte es den Kongress.

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Momentan erleben wir einen Rückfall hinter die damaligen Errungenschaften. Donald Trump diffamierte im Wahlkampf Einwanderer aus Mexiko pauschal als Verbrecher und Muslime als Terrorverdächtige. Möglichst viele der etwa elf Millionen illegalen Migranten sollen deportiert werden, obwohl sie auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Aktuell fürchten die kalifornischen Plantagenbesitzer um ihre Ernte und viele Bürger um die Grundwerte ihres Staates, der seit seiner Gründung Religionsfreiheit, die Gleichheit aller Menschen und universale Freiheitsrechte hochhält. Ein neues Einwanderungsregime entsteht, das oft als historische Zäsur beschrieben wird. Tatsächlich knüpft es aber an eine lange Tradition der Diskriminierung von Einwanderern an.

Antikatholizismus gehörte zum kulturellen Repertoire

Bis 1875 gab es keinerlei rechtliche Barrieren für Immigranten. Zwischen 1840 und 1914 kamen 24 Millionen Einwanderer in die Vereinigten Staaten. Die Politik der offenen Tür war für das aufstrebende Land sinnvoll, wurden Arbeitskräfte doch händeringend gesucht. Trotzdem begrüßte die eingesessene Bevölkerung die Immigranten keineswegs mit offenen Armen. In den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts entstand eine nativistische Partei, die gebürtige Amerikaner vor den Neuankömmlingen schützen wollte. Viele ihrer Mitglieder waren Protestanten, die gegen Katholiken aus Irland und Deutschland agitierten. Der Antikatholizismus gehörte seit der Kolonialzeit zum kulturellen Repertoire des Landes, wirkt sich aber politisch erst seit jenen Jahren aus, als Hungersnöte Hunderttausende von Iren und Deutsche über den Atlantik trieben. In manchen Städten geriet die eingesessene Bevölkerung in die Minderheit. Wohnungsnot und verschärfte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt waren die Folge.

Verschwörungstheorien grassierten. Die Einwanderer schienen die Vorhut des Papstes zu sein. Seine Armee, so die damaligen Fake News, würde Amerika bald angreifen und in Cincinnati einen neuen Vatikan errichten. Katholiken seien aufgrund ihres Gehorsamsgelübdes gegenüber dem Papst unzuverlässig und nicht integrierbar. In den Zentren der katholischen Einwanderung in Neuengland kam es wiederholt zu blutigen Übergriffen. Katholische Priester wurden geteert und gefedert, ihre Kirchen Brand gesteckt. Seit dem Bürgerkrieg verlor der Nativismus an Bedeutung. Gleichwohl blieben Katholiken Bürger zweiter Klasse. Erst 1961 bezog mit John F. Kennedy der erste und bis heute einzige Katholik das Weiße Haus.

Das Feindbild des Chinesen

Ende des neunzehnten Jahrhunderts schnellten die Zahlen der Einwanderer wieder hoch. Damit war der Nährboden für ein Wiederaufleben des Nativismus bereitet. Die Ressentiments blühten auch deshalb wieder auf, weil sich der Schwerpunkt der Auswanderung nach Ost- und Südeuropa verschoben hatte und sich damit neue ethnische Gräben auftaten. Katholiken aus Polen und Italien sowie orthodoxe Juden aus Russland waren der protestantischen Mehrheitsgesellschaft zutiefst suspekt.

In den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts geriet zudem eine viel kleinere Gruppe ins Visier der Nativisten, nämlich die Chinesen. Sie lebten vor allem an der Westküste. Als Arbeiter auf den Baustellen der transpazifischen Eisenbahn hatten sie unter großen Opfern die Grundlage der modernen Infrastruktur gelegt. Den meisten Amerikanern europäischer Abstammung galten Chinesen als minderwertig und bedrohlich. Sie schienen Rauschgift, Prostitution und Krankheiten einzuschleppen. Da nur wenige von ihnen zum Christentum konvertierten und Englisch sprachen, blieben sie Außenseiter. Der Staat benachteiligte sie durch Sondersteuern und die Verweigerung der Einbürgerung. Es kam wiederholt zu pogromähnlichen Rassenunruhen. Mord, Brandschatzung und Vertreibung blieben keine Einzelfälle.

Demütigung durch Segregation

Dabei lebten 1880 nur etwa 100.000 Chinesen in den Vereinigten Staaten. Es war abwegig, in ihnen den Hauptfeind von Millionen weißer Arbeiter zu sehen. Den größten Erfolg feierte die Sinophobie 1882 mit dem „Chinese Exclusion Act“, der erstmals Einwanderer aus einem bestimmten Land ausschloss. Die bereits in Amerika lebenden Chinesen durften bleiben, konnten sich aber vorübergehend nicht mehr frei im Land bewegen. Die Einreise ihrer in der Heimat verbliebenen Frauen und Töchter war schon 1875 verboten worden. Als der Oberste Gerichtshof entschied, dass dieses Gesetz aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ rechtens war, etablierte er ein bis heute verwendetes Argument. Er sprach von „riesigen Horden“ einer „anderen Rasse“, die sich „nicht assimilieren“ werde. Die Demütigungen wurden bald auch auf andere Asiaten ausgedehnt. Ihre Kinder hatten segregierte Schulen zu besuchen und blieben von vielen Berufen ausgeschlossen. Gesetze gegen „Rassenvermischung“, die seit der Kolonialzeit Verbindungen von Afroamerikanern und Weißen untersagten, galten auch für Asiaten. Endgültig aufgehoben wurden sie erst 1967.

Der „Chinese Exclusion Act“ hatte 61 Jahre lang Bestand. Er wurde 1943 abgeschafft, als die Vereinigten Staaten gemeinsam mit China gegen Japan kämpfte. Schon ein Jahr früher wurden japanischstämmige Amerikaner zu Feinden im eigenen Land. Anders als ihre deutsch- und italienischstämmigen Mitbürger, die fast durchweg als „echte Amerikaner“ galten, schienen sie arglistige Verräter zu sein. Mehr als 100.000 von ihnen wurden von der zur Sperrzone für Japaner deklarierten Westküste deportiert und in eilig errichtete Barackenlager im Landesinneren gesperrt. Es handelte sich um gesetzestreue, überwiegend im Land geborene Staatsbürger. Schon „ein Tropfen japanischen Blutes“ machte die Menschen suspekt. Bei bis zu einem Sechzehntel japanischer Abstammung ordneten die Behörden Internierungen an.

Amerika bezieht seine Stärke aus der Einwanderung

Bereits zuvor waren japanische Einwanderer Opfer rassistischer Diffamierung geworden. Xenophobe Gruppen wie die Asian Exclusion League und die Native Sons of the Golden West agitierten gegen die „gelbe Gefahr“. Japanern wurde der Erwerb von Grundeigentum erschwert. 1924 untersagte der „Immigration Act“ jedwede Einwanderung aus Japan und anderen Teilen Asiens. Zugleich entstand das bis 1965 bestehende, von Johnson aufgehobene System, das die jährliche Zahl der Einwanderer aus einem bestimmten Land auf zwei Prozent der bis 1890 eingewanderten Landsleute begrenzte. Diese Quoten drosselten die Immigration allgemein und diskriminierten gezielt bestimmte unerwünschte Gruppen wie Süd- und Osteuropäer, Araber und Afrikaner. Dem Gesetz lag die Furcht vor dem Verlust der angelsächsischen Dominanz und vor der Unterwanderung durch russische Kommunisten zugrunde. Die Quoten verdächtiger Länder waren aberwitzig niedrig. Syrien, Palästina und Ägypten bekamen je hundert Plätze und der gesamte afrikanische Kontinent 1200. Deutschland erhielt dagegen 51.277 Plätze.

Das Trump-Lager will das Land zu früherer Größe zurückführen. Daher spielt der Rückbezug auf die eigene Geschichte eine große Rolle. Im Januar lobte Jeff Sessions kurz vor seiner Ernennung zum Justizminister den „Immigration Act“ von 1924. Im November 2016 begründete der Trump-Anhänger Carl Higbie von der Lobbygruppe Great America PAC die bis 2015 auch von Trump erhobene Forderung nach der Registrierung aller Muslime in den Vereinigten Staaten mit dem Hinweis auf die Internierungspraxis im Krieg.

Die heutige Einwanderungspolitik ist nicht nur planlos und ideologisch aufgeladen, sondern auch voller bedrückender Kontinuitäten. Nationalismus und Xenophobie, Rassismus sowie die Diffamierung Andersgläubiger und kleiner Minderheiten sind keineswegs überwunden. Der Kult des weißen Amerikas lebt ebenso wie die Tradition des Nativismus. Dessen traurige Ironie ist es, dass die Eltern und Großeltern der „nativists“ fast immer selbst Migranten gewesen waren. Die Parallele zu Donald Trump drängt sich auf. Der Enkel eines Einwanderers heiratete zweimal eine Migrantin der ersten Generation und könnte eigentlich ein Fürsprecher der Einwanderer sein. Stattdessen verspricht er den im Land geborenen weißen Mittel- und Unterschichten, mit Hilfe von Protektionismus und Abschottung die Zeit zurückzudrehen, ohne übrigens zu sagen, in welche historische Epoche er eigentlich zurückkehren will. Der Schaden für ein Land, das seine Stärke stets aus der Einwanderung bezogen hat, wird immens sein, ganz zu schweigen von dem Leid der betroffenen Menschen.

Glosse

Die sanfte Tour

Von Edo Reents

Für das richtige Maß an männlicher Vollkommenheit reicht die vertraute Nassrasur längst nicht mehr aus. Aber rasieren die neuen Hightech-Wunder mit Aloe Vera überhaupt noch? Was wollen sie von uns? Mehr 4

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