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Kommentar zum Web-Erfinder : Das Manifest, das die Konzerne fürchten

Er hat einen Plan: Tim Berners-Lee. Bild: dpa

Tim Berners-Lee hat das World Wide Web erfunden. Dass daraus eine Geld- und Machtmaschine wurde, treibt ihn um. Mit seinem Plan tritt er gegen die Großen an.

          Man mag es kaum glauben, aber erfunden hat das Internet nur einer: Tim Berners-Lee, geboren 1955 in London, Informatiker, Professor am Massachusetts Institute of Technology. Als er Ende der achtziger Jahre beim europäischen Kernforschungszentrum Cern arbeitete, entwickelte er das Internet quasi nebenbei. Berners-Lee wollte die Kommunikation unter seinen Wissenschaftskollegen und dann unter allen Menschen verbessern. Er entwickelte eine Computersprache, die Webadresse, entwickelte einen Browser und setzte einen Server auf. Fertig war das World Wide Web anno 1991.

          Mit dem Internet von heute, in dem Google, Facebook, Microsoft, Apple und Amazon das Sagen haben, hat das nur technisch noch etwas zu tun, dem Wesen nach hat es sich in einer Weise entwickelt, die dem Unitarier Berners-Lee ganz und gar nicht passt. Deswegen hat er jetzt eine Magna Carta für das Internet angelegt, damit diese digitale Welt so werde, wie er es sich erhofft hatte. Eine Welt, zu der alle Menschen Zugang haben, in der alle Menschen gleiche Rechte besitzen, in der Recht und Gerechtigkeit herrschen und Gewinnmaximierung nicht die herrschende Maxime des Handelns ist.

          „Contract for the Web“ nennt Berners-Lee seinen Vorschlag, der sich an Regierungen, Unternehmen und Bürger richtet, in der ihm eigenen Nüchternheit. Die Regierungen will er darauf verpflichten, dass jedermann Zugang zum Internet erhält, dass alles im Netz zugänglich ist und dass das Recht auf Privatsphäre gilt. Unternehmen sollen ebenfalls allen den Zugang zum Netz ermöglichen, die Privatsphäre und persönliche Datenhoheit gewährleisten und Technologien entwickeln, die „das Beste der Menschheit“ fördern und das Schlechteste bekämpfen. Von den Bürgern schließlich erwartet Berners-Lee, dass sie sich als Schöpfer und Mitwirkende des Internets verstehen, „starke Gemeinschaften“ bilden, die den zivilen Diskurs und die Menschenwürde achten und „für das Web kämpfen“.

          Er hat einen Traum: Tim Berners-Lee, der „Vater“ des World Wide Web.

          Für seine Magna Carta sucht Berners-Lee Mitstreiter, man kann seine Unterstützung kundtun und sie online unterzeichnen. Das haben schon einige getan, das „Afghan Girls Robotics Team“ zum Beispiel, die französische Regierung oder der Milliardär Richard Branson. Auf der Liste der Unterzeichner finden sich aber auch Konzerne wie Google und Facebook.

          An diesem Punkt wird es besonders interessant. Denn die Idee von Berners-Lee läuft den Geschäftsinteressen der weltweit agierenden Online-Giganten entgegen. Diese gewichten Menschenrechte bekanntlich relativ um ihres wirtschaftlichen Erfolgs willen. Für den Marktzugang in China etwa entwickelt Google gerade unter dem Decknamen „Dragonfly“ eine Suchmaschine, die den Vorgaben der Zensur gehorcht.

          Das weiß Berners-Lee selbstverständlich, und deshalb hat er einen Plan B, den er kürzlich mit der Ankündigung „Ein kleiner Schritt für das Web“ vorstellte. Fünfzehn Jahre hat Berners-Lee an diesem Plan gearbeitet, das Ergebnis ist das Projekt „Solid“. Der Name steht als Abkürzung für „Social Linked Data“. Daten, mit denen die Konzerne bislang Milliarden verdienen, sollen auf „soziale Weise“ gesammelt und vernetzt werden. Will heißen: Jeder Bürger – Berners-Lee spricht im Gegensatz zu den Konzernen von Bürgern, nicht von „Nutzern“ oder gar „Kunden“ – soll seine eigenen Datensilos aufbauen, sogenannte „Pods“, die auf lokalen Servern gespeichert sind und nicht bei den Datenkonzernen. Alle Daten, alles, was Menschen im Internet an Informationen preisgeben, können sie per App mit Unternehmen teilen, diesen Zugriff gewähren und wieder entziehen oder ihn vollständig blockieren. Einen Pod kann sich jeder nach Anleitung von Tim Berners-Lee selbst einrichten, man kann ihn aber auch bei der Firma „Inrupt“ herunterladen, an welcher der Informatiker beteiligt ist. Inrupt wiederum lässt sich, anders als die vorherrschenden Digitalkonzerne, seine Dienstleistung eben gerade nicht mit dem Zugriff auf die Daten der Nutzer entgelten.

          Damit werden die Unternehmen der „Gafa“ (Google, Amazon, Facebook, Apple), welche die heimliche Regierung der digitalen Welt bilden, ultimativ herausgefordert. Für wie ernst gemeint man die Unterschrift von Facebook und Google unter Berners-Lees „Contract“ halten soll, ist insofern die Frage. Schließlich will Berners-Lee den Geist, den er aus der Flasche gelassen hat und mit dem findige Kaufleute wie Jeff Bezos, Mark Zuckerberg oder Larry Page Macht und Milliarden anhäufen, wieder zurückholen. Auf dem Web Summit in Lissabon hat Tim Berners-Lee seinen Plan unter dem Rubrum „#ForTheWeb“ vorgestellt. Nähme er Gestalt an, würde sich das Internet, wie wir es kennen, fundamental wandeln. Es käme einer Revolution gleich. Doch die gelingt nur, wenn die von dem Netzpionier Angesprochenen mitmachen: Regierungen per Gesetzgebung und Rechtspflege, Bürger durch Engagement und Teilhabe, die ihnen die Online-Konzerne durch totalen Service, durch vermeintliche Leichtigkeit und Kostenfreiheit bislang abkaufen. Dann würden wir sehen, was aus den Unterschriften von Facebook und Google unter den „Contract“ von Tim Berners-Lee folgt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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