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Veröffentlicht: 16.12.2015, 13:03 Uhr

Wort des Jahres „Flüchtling“ Hier endet das Gendern

Klingt das Wort „Flüchtling“ für sprachsensible Ohren abschätzig? Eine weibliche Form jedenfalls kann mit ihm nicht gebildet werden. Doch was gäbe es für Alternativen?

von Peter Eisenberg
© dpa Auch die Alternative zu „Refugees“ hat ihre Tücken

Wie zu erwarten, wurde „Flüchtlinge“ zum Wort des Jahres 2015 gewählt. Die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) schreibt dazu: „Das Substantiv steht nicht nur für das beherrschende Thema des Jahres, sondern ist auch sprachlich interessant. Gebildet aus dem Verb ,flüchten‘ und dem Ableitungssuffix ,-ling‘ (‚Person, die durch eine Eigenschaft oder ein Merkmal charakterisiert ist‘), klingt ,Flüchtling‘ für sprachsensible Ohren abschätzig.“ Das ist eine Behauptung, die zwar ins Bild passt, aber durch nichts belegt wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach trifft sie nicht zu. Das Wort ist alt und, wie Sprachwissenschaftler sagen, lexikalisiert im Sinne von „nicht mehr transparent“. Diese Eigenschaft teilt es mit zahlreichen anderen Formen wie Findling, Liebling, Rundling, Stichling, Sämling, Frühling. Unter den mehr als dreihundert Wörtern mit der Endung -ling findet jeder, was er gerade braucht.

Interessant ist, dass „Flüchtlinge“ sich bei genauerem Hinsehen als politisch inkorrekt erweist. Es handelt sich um eine Personenbezeichnung im Maskulinum, die von der Bedeutung her eigentlich einem Femininum zugänglich sein sollte wie bei „Denker/Denkerin“, „Dieb/Diebin“. Aber die Form „Flüchtlinginnen“ gibt es nicht. Es kann sie auch nicht geben, ihre Bildung ist ausgeschlossen. Der Grund für das zunächst rätselhafte Verhalten von -ling ist systematischer Natur.

Das Sprachsystem lässt das Gendern nicht zu

Die Wortbildungssuffixe des Deutschen sind an eine feste Reihenfolge gebunden, die semantisch begründet ist. Von links nach rechts folgt sie der „Belebtheitshierarchie“, die besagt, dass das „belebteste“ Element am weitesten links steht und die Belebtheit nach rechts abnimmt. Das führt dazu, dass Abstraktheitssuffixe niemals links von solchen stehen, die Personenbezeichnungen bilden. Die Hierarchie ist von allergrößtem Interesse für viele grammatische Phänomene in vielen Sprachen, im Deutschen beispielsweise auch für die Grundreihenfolge von Satzgliedern wie in „weil der Student seiner Universität schwere Vorwürfe macht“.

Einem Verbstamm folgt in der Wortbildung als belebtestes Element unmittelbar das Suffix -er zur Bildung von Nomina agentis wie Denker, Fahrer, Angler. Es folgen in der Hierarchie -in (Movierung, Beispiel „Denkerin“), -schaft (Kollektivum, „Denkerinnenschaft“), danach das überall verwendbare Diminutivsuffix -chen und schließlich das Pluralsuffix. Es kommt vor, dass in einer solchen Hierarchie zwei Suffixe sozusagen parallel geschaltet sind und dann nur alternativ auftreten, niemals aber gemeinsam, egal in welcher Reihenfolge. Das gilt für -in und -ling. Beide bilden im Gegenwartsdeutschen Personenbezeichnungen, das eine Maskulina, das andere Feminina. Das System sieht sie als miteinander unverträglich an. Es gibt also Fälle, in denen das Sprachsystem die vielleicht verbreitetste Form des Genderns nicht zulässt. Das sollte jeder, der auf diesem Gebiet tätig wird, wissen und akzeptieren.

Stigmatisierung ohne Grund

Als Ausweg steht dann nur die Propagierung eines Wortes mit anderer Struktur zur Verfügung. Für Flüchtlinge ist bereits „Geflüchtete“ im Schwange. Die GfdS schreibt, neuerdings sei „öfters alternativ von ,Geflüchteten‘ die Rede. Ob sich dieser Ausdruck im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.“ „Geflüchtete“ ist dem Gendern zugänglich, zeigt aber auch, wo das Kernproblem dieser wie der meisten anderen willkürlichen Normsetzungen liegt: Die beiden Wörter bedeuten nicht dasselbe. Auf Lesbos landen Tausende von Flüchtlingen, ihre Bezeichnung als Geflüchtete ist zumindest zweifelhaft. Umgekehrt wird auch ein aus der Adventsfeier Geflüchteter nicht zum Flüchtling.

Das Deutsche ist so bildungsmächtig, dass man sich andere Wörter als Ersatz vorstellen kann: Vertriebene, Geflohene, Zwangsemigranten, Entheimatete und viele weitere, von denen eins schöner ist als das andere. Aber es bleibt dabei: Sie alle bedeuten etwas anderes als Flüchtlinge. Der etablierten Genderei sind solche Erwägungen ziemlich gleichgültig. Natürlich ist ein Denkender nicht dasselbe wie ein Denker, ein Dichtender nicht dasselbe wie ein Dichter. Aber ein Studierender soll (bis auf die Genderbarkeit) dasselbe sein wie ein Student, ein Auszubildender dasselbe wie ein Lehrling. Von außen erzwungene Wortersetzungen mögen im Einzelfall erfolgreich sein, nur beruht jede von ihnen auf Missachtung sprachlicher Gegebenheiten.

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Das Deutsche hat aus sehr guten Gründen seine Partizipien neben den verschiedenen Typen von Wortbildungen per Suffix. Gerade auf den Feinheiten der strukturellen Unterschiede beruht seine differenzierte Ausdruckskraft. Sogar ein unschuldiges Wort wie Flüchtlinge wird so zum Ansatz für Sprachkritik.

Was einen Sprachwissenschaftler am etablierten Gendern selbst dann beunruhigt, wenn er die sprachliche Sichtbarmachung von Frauen freudig begrüßt, ist dreierlei. Erstens: Die Sprache wird nicht akzeptiert, wie sie ist, sondern sie gilt als manipulierbarer Gegenstand mit unklaren Grenzen dieser Manipulierbarkeit. Zweitens: Die Kenntnis des Gegenstandes, an dem man Veränderungen vornimmt, geht nicht sehr weit. Drittens: In vielen Fällen stigmatisiert man Wörter, ohne dass es brauchbare Alternativen gäbe.

Haben wir denn nichts aus dem Desaster der Orthographiereform gelernt, die im Kern ja auch nichts anderes als ein unüberlegter Eingriff ins Sprachsystem war?

Peter Eisenberg ist emeritierter Sprachwissenschaftler und war von 2005 bis 2013 Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, den er aus Protest verließ.

Quelle: F.A.Z.

 

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