03.06.2009 · Die Situation in Kalifornien ist pervers: Menschen müssen ihre Häuser verlassen, weil sie ihre Kredite nicht bezahlen können, die Immobilien fallen an die Bank - die diese Immobilien nicht verkaufen kann und verfallen lässt. Der Staat denkt jetzt über Containerstädte nach: Ein Besuch im Westen der Zukunft.
Von Niklas MaakDylan Moliano hatte seinen Campingbus zwischen dem Pacific Coast Highway und der Lagune geparkt, er hatte sein Surfbrett aus dem Wagen geholt und war in die Wellen gegangen, während sein Sohn und seine Frau vor dem Bus spielten. Es war ein warmer Morgen, an der Lagune hockten die Pelikane, weiter draußen tummelte sich ein Delfin. Nachdem Moliano aus den Wellen gekommen war, hatte er sich in den Bus gelegt und eine Runde geschlafen. Als er wieder aufwachte, standen zwei Leute vor seinem Camper; einer trug eine Kamera, ein anderer ein Mikrofon. Der Mann mit dem Mikrofon wollte wissen, ob, und wenn, wie er, Moliano, sein Haus verloren habe. Wie es sich hier lebe. Und wie das Kind damit klarkäme.
Moliano hat eine Wohnung, dem Kind geht es gut - und schuld an der seltsamen Befragung ist die Talkmasterin Oprah Winfrey, die in einer ihrer Sendungen einen Bericht über Amerikas neue Wohnungsnot gebracht hatte; eine Reporterin hatte eine Zeltstadt in Sacramento besucht, in der nicht mehr nur Obdachlose leben, und was das Fernsehpublikum vor allem entsetzt hatte, war die Tatsache, dass diejenigen, die man hier sah, Menschen waren, die in der Finanzkrise ihr Haus verloren hatten und zum Beweis ihrer Zugehörigkeit zur Welt der normalen Amerikaner Führerscheine und Fotos ihrer Häuser in die Kamera hielten, unter ihnen ein arbeitsloser Witwer und Vater von fünf Kindern, den sie unglaublicherweise aus seiner Wohnung geworfen hatten.
Surfen gegen die Wirtschaftskrise
Die Botschaft des Films war klar: Es kann jeden treffen; der Weg von der kreditfinanzierten Mittelklasse-Existenz mit Doppelgarage und Flachbildschirm zu einem Dasein, das an Flüchtlingscamps der Dritten Welt erinnert, ist so kurz wie nie zuvor. Die Bilder gleichen einer bösen Rückkopplung - was man hier sieht, ist eine dystopische Neuauflage der Bilder von Siedlerkarawanen, die mit ihren Planwagen nach Westen zogen. Der Effekt der Sendung war gewaltig - Arnold Schwarzenegger versprach, den Vergessenen des amerikanischen Traums zu helfen, für warmes Essen und Waschmöglichkeiten zu sorgen. Seither berichten die Medien wöchentlich über die neue Wohnungsnot - die aber vor allem eine unsichtbare ist. Viele, die Job und Wohnung verloren, kommen bei Freunden unter, einige leben in geborgten Campinganhängern und -bussen, und seit in einer Sendung gezeigt wurde, dass die Camper, die an den Straßen von Venice Beach und Malibu stehen, Opfer der Krise beherbergen, laufen immer mehr Reporter auf der Suche nach preiswürdigen Storys durch die Fahrzeugreihen und gehen den Campern auf die Nerven.
Die meisten, die an diesem Morgen am Strand von Malibu parken, scheinen relativ sorglose Surfer zu sein - obwohl, historisch gesehen, die Surfkultur viel mit der Krise zu tun hat. Der kalifornische Kulturgeschichtler Craig Stecyk beschreibt in dem Buch „Surfing San Onofre to Point Dume“, wie diejenigen, die in der Wirtschaftskrise um 1930 ihre Arbeit verloren hatten, vor der Alternative standen, entweder in Downtown L. A. depressiv oder am Strand braun zu werden; sie wohnten in Hütten, surften, fingen Fische und warteten am Strand auf Jobs; so sei die Surfkultur aus der Krise heraus geboren worden.
Nirgendwo verbanden sich Hedonismus und existentielle Not so eng wie in Malibu. Das ist heute nicht anders. Nur ein paar Minuten von den Surfstränden entfernt, steht der Container des Malibu Labor Exchange, und obwohl es noch früh ist, warten dort rund achtzig Arbeitssuchende. „So was habe ich noch nicht erlebt“, sagt Oscar Nundragon, der Arbeitsvermittler. „Seit der Krise kommen doppelt so viele Leute wie vorher, 120 statt 60 am Tag, und deutlich mehr Frauen, auch aus der Mittelschicht. Die versuchen, irgendwelche Jobs anzunehmen, sie gehen putzen, um ihr Auto, ihr Haus zu halten - was hier zu Spannungen führt: dass Leute um Arbeit fragen, die so aussehen wie die, die hier früher herkamen, um jemandem Arbeit zu geben.“
Die Situation ist pervers
Vor dem Container wartet einer, der Luis heißt, ein Mexikaner, er arbeitete auf dem Bau, aber seit der Krise wird nichts mehr gebaut. Jetzt wohnt er in South Central, in einem Zimmer bei Bekannten, das ihn 400 Dollar kostet. Sein Sohn ist 15 Jahre alt, Luis möchte ihm Kleidung kaufen, deswegen macht er jeden Job, den er bekommen kann. Neben ihm sitzt Michele Stingelin, eine Brasilianerin aus Curitiba; auch sie wohnt bei Bekannten, in einem Zimmer für 420 Dollar. Nicht alle kommen bei Freunden unter. Michele hat einen Bekannten, Dan, er verlor seine Arbeit auf dem Bau, seine Mutter das Haus. Was ihm blieb, sagt Michele, sei sein Auto, ein Chevy Silverado mit Ladefläche und King-Size-Kabine für sechs Personen. In der wohnen sie gerade: Die Mutter schläft auf der Rückbank, er vorn, auf der Ladefläche stapeln sich, unter einer Plane, die Lieblingsmöbel der Mutter, den Rest mussten sie weggeben. Vielleicht, sagt Michele, kämen sie nächsten Monat bei Bekannten unter, vorausgesetzt, er verdiene ein wenig Geld.
Auch wenn nicht jeder überladene Truck in Malibu eine solche Geschichte verbirgt, sind die Zahlen dramatisch: Laut der „nationalen Allianz gegen Obdachlosigkeit“ sind eineinhalb Millionen Menschen ohne festen Wohnsitz, darunter zunehmend alleinerziehende Mütter. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Zwangsversteigerungen um 45 Prozent gestiegen, hunderttausend Menschen mehr haben ihr Haus verloren. Vor den Städten wachsen neue „Hoovervilles“, so benannt nach Präsident Hoover, der nach dem Crash von 1929 außerstande war, die Wohnungsnot in den Griff zu bekommen; sogar im Central Park gab es damals solche Barackenlager. Allerdings lag 1933 die Arbeitslosenquote bei 25 Prozent, heute bei achteinhalb. In der Verwaltung wächst trotzdem die Angst davor, was passieren könnte, wenn in den neuen Hoovervilles, die es auch in Detroit und New Jersey gibt, der Winter kommt.
Die Situation ist pervers: Menschen müssen ihre Häuser oder Wohnungen verlassen, weil sie ihre Kredite nicht abbezahlen können, die Immobilien fallen an die Bank - die diese Immobilien nicht verkaufen kann und verfallen lässt, während Tausende von Betroffenen untergebracht werden müssen. Aus dem „stimulus package“ sollen eineinhalb Milliarden für „emergency housing“ zur Verfügung gestellt werden. Das Schlagwort „emergency architecture“ geistert durch die Zeitungen - wobei sich dahinter ganz unterschiedliche Dinge verbergen: Einmal die Unterbringung von Obdachlosen, den unmittelbaren Schutz vor Kälte; für diese Form der Notarchitektur stehen die „paper emergency shelters“, schnell errichtbare Schutzbauten des Architekten Shigeru Ban, der sich unter anderem auch beim Wiederaufbau des im Hurrikan Katrina zerstörten Lower Ninth Ward in New Orleans engagiert.
Spaß und Sparzwang beieinander
Die zweite Form der Notarchitektur stellt andere Fragen - wie man den Menschen in prekären Zeiten mit ihrer Behausung nicht nur Kälteschutz, sondern auch ihre Würde zurückgibt. Mehrere Architekten in Los Angeles arbeiten daran, aus Containern, die wegen der Krise ungenutzt in den Pazifikhäfen vor sich hingammeln, Siedlungen zu bauen, deren Vorbild unter anderem die Container Cities von Urban Space Management sind: Dort kostet ein Container um die 120 Dollar Miete. Soeben haben die in Berlin und Los Angeles ansässigen Graft-Architekten den Prototyp eines solchen Containers präsentiert, der jenseits von Krisenzeiten auch für Singles, Familien mit geringem Einkommen und Studenten geeignet wäre und mit dem man verdichtete kleine Mikrostädte bauen könnte.
Die Fragen, die diese neue architettura povera sich auch jenseits von Amerikas Krise stellt, lauten: Was für eine Architektur kann die Gemeinschaft sich in Zukunft noch leisten - ökonomisch wie ökologisch: Wie viel Platz braucht man wirklich zum Leben, wie kann das Wesentliche auf engem Raum verdichtet werden; wäre eine kostensparende, flexible, demontier- und ergänzbare Architektur denkbar, mit der man temporäre Orte gestalten kann, Plätze, an denen sich Privatheit und Öffentlichkeit neu sortieren?
Amerika hat jenseits der Krise ein Wohnproblem. Der Mittelstand begreift, dass die Zeit der auf Pump gekauften Häuser, deren Doppelgaragen so groß wie das eigentliche Haus waren, vorbei sind. Schon heute gibt es viele Ansätze für das Bauen mit beschränkten Mitteln: Tempohousing entwarf tausend Studentenwohnungen, gebaut aus chinesischen Containern, Sean Godsell ein Container-Nothaus, das auch als Kunstwerk durchginge; das Redondo Beach House von Peter DeMaria, der sein Büro am Manhattan Beach Boulevard in Los Angeles hat, macht aus dem Container eine Wohnskulptur, die an die luxuriöse Reduktion der berühmten Case Study Houses erinnert - und wie eng auch hier Spaß und Sparzwang beieinanderliegen, ist, bei allem Grund zur Sorge, sogar ein Anlass zur Hoffnung.
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