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70. Jahrestag des Kriegsendes : Das Leben ist eine einfache und grausame Sache

  • -Aktualisiert am

Losmarschieren, um zu sterben: Leningrader Fabrikarbeiter ziehen freiwillig an die Front (1941). Bild: Prisma Bildagentur

Mein Vater hat den Krieg überlebt, fünf seiner Brüder sind gefallen. Meine Mutter hat die Deutschen trotzdem nicht gehasst – ich kann das bis heute nicht begreifen. Ein Gastbeitrag.

          Mein Vater mochte, ehrlich gesagt, an dieses Thema eigentlich nicht rühren. Es war eher so: Ich war, wenn die Erwachsenen miteinander sprachen und Erinnerungen austauschten, einfach dabei. Alles, was ich über den Krieg erfuhr und darüber, was mit meiner Familie geschah, entnahm ich diesen Gesprächen. Manchmal wandten sie sich freilich auch direkt an mich.

          Mein Vater absolvierte den Wehrdienst in Sewastopol, in einem U-Boot-Trupp, er war Matrose. 1939 wurde er einberufen. Nach seiner Rückkehr arbeitete er in einer Fabrik und wohnte mit meiner Mutter in Peterhof. Sie bauten dort, glaube ich, sogar ein Häuschen.

          Bei Kriegsbeginn arbeitete er in einem Rüstungsbetrieb, dessen Mitarbeiter vom Armeedienst freigestellt waren. Er stellte aber einen Antrag auf Parteibeitritt und schrieb ein weiteres Gesuch, dass er an die Front wollte. Man teilte ihn einem Diversionstrupp des NKWD zu. Er sagte, dass sie 28 Mann waren. Sie wurden ins nahe Hinterland geschickt, wo sie Diversionsakte durchzuführen hatten, Brücken und Eisenbahngleise sprengen... Allerdings gerieten sie fast sofort in einen Hinterhalt. Jemand hatte sie verraten.

          Sie kamen in ein Dorf, zogen von dort ab, und als sie wieder zurückkamen, warteten die Faschisten schon auf sie. Sie wurden durch den Wald verfolgt. Er blieb am Leben, weil er sich im Sumpf vergrub, mehrere Stunden darin blieb und durch ein Schilfrohr atmete. Wobei er sagte, dass, als er, im Sumpf eingegraben, durch dieses Schilfrohr atmete, er hörte, wie deutsche Soldaten ganz nah an ihm vorbeigingen, buchstäblich einige Schritte von ihm entfernt, dass er hörte, wie Hunde kläfften....

          Kampf um den Newski-Brückenkopf

          Hinzu kam, dass der Herbst begonnen hatte, es war kalt... Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie er mir erzählte, dass seine Gruppe von einem Deutschen angeführt wurde. Es war zwar ein Sowjetbürger, aber ein Deutscher. Vor ein paar Jahren ließ man mir aus dem Verteidigungsministerium die Akte über diese Gruppe zukommen. Bei mir zu Hause in Nowo-Ogarjewo liegt eine Kopie dieser Akte. Die Liste der Gruppe: Nachnamen, Vornamen, Vatersnamen, kurze Beurteilungen. Ja, es waren 28 Mann. An der Spitze ein Deutscher. Es war genau so, wie mein Vater es erzählt hatte. Von diesen 28 Mann an der Frontlinie kehrten vier zurück. 24 kamen um.

          Die Übriggebliebenen wurden danach wieder an die Front versetzt, zum Newski-Brückenkopf. Das war der wohl am heftigsten umkämpfte Ort während der gesamten Blockade. Unsere Truppen hielten einen kleinen Brückenkopf. Er war vier Kilometer breit und gut zwei Kilometer tief. Man meinte, dies sei der Brückenkopf für den künftigen Durchbruch der Blockade. Doch die Blockade wurde an einem anderen Ort durchbrochen. Dennoch wurde der Newski-Brückenkopf gehalten, es gab sehr schwere Kämpfe. Die Kommandohöhen befanden sich ringsum, der Brückenkopf wurde völlig zerschossen. Auch den Deutschen war klar, dass der Durchbruch dort gelingen könnte, sie versuchten, den Newski-Brückenkopf dem Erdboden gleichzumachen. Es gibt Berichte, wie viel Metall jeder Quadratmeter dieses Bodens enthält.

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