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Wissenschaftssprache Dümmer auf Englisch

Die Verödung der Wissenschaftssprache schreitet voran: An deutschen Universitäten ist Englisch inzwischen in 250 von insgesamt 1976 weiterführenden Studiengängen („Master“) alleinige Unterrichtssprache. Was ist zu tun? Vorschläge von Stefan Klein („Die Glücksformel“).

© Sven Paustian Vergrößern Stefan Klein

Vor kurzem tagte in Berlin eine Konferenz mit dem schönen Titel „Gedankenforscher“. Es ging um die Frage, ob und wie man mit neuen Verfahren der Neurowissenschaften Gedanken und Gefühle künftig direkt aus dem Gehirn herauslesen kann. Im Auditorium saßen Wissenschaftler, Vertreter von Stiftungen und des Nationalen Ethikrats, auch das Bundeskriminalamt hatte eine Abordnung entsandt. Alle Referenten - sechs Deutsche, drei aus den Vereinigten Staaten, ein Brite - waren hervorragend. Und alle sprachen Englisch oder, im Fall der deutschen Redner, mitunter auch so etwas Ähnliches. Seltsam gewählte Worte und verschlungene Sätze ließen so manchen Vortrag weniger brillant wirken, als er inhaltlich war.

Wer aber sprach im Publikum Englisch? Niemand. Und auch die vier ausländischen Redner hätten einen deutschen Vortrag ohne Mühe verstanden, denn überall lagen Kopfhörer für die Simultanübersetzung bereit. Selbstverständlich habe man es sich gewünscht, dass die einheimischen Redner Deutsch sprächen, erklärte mir die finanzierende Stiftung. So wäre die Resonanz in der Öffentlichkeit stärker gewesen. Aber die Professoren wollten es anders. Ihr Argument: Nur eine Veranstaltung mit Konferenzsprache Englisch nehme man ernst. Nun könnte man grübeln über das Selbstbewusstsein von Forschern, die meinen, ihre Glaubwürdigkeit hänge an einer Fremdsprache. Oder sich ärgern über die Missachtung des Publikums, wenn für die Organisatoren nur das Ansehen bei ihresgleichen zählt. Immerhin hatten die „Gedankenforscher“ Geld für eine öffentliche, nicht für eine Fachtagung bekommen.

Es geht um die Demokratie

Vor fünfhundert Jahren verabschiedete sich Luca Pacioli, ein Pionier der modernen Mathematik und des Rechnungswesens, einhundert Jahre später auch Galileo Galilei von der damaligen Wissenschaftssprache Latein. Sie schrieben auf Italienisch, und ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit bestand darin, in der Volkssprache erst einmal Begriffe für die neuen Konzepte zu schaffen. Der Zugang zum Wissen sollte jedem offenstehen.

Heute sind die Wissenschaftler dabei, Paciolis Revolution rückgängig zu machen. Aber wie wollen sie Verständnis in einer Gesellschaft finden, mit der sie nicht einmal mehr die Sprache verbindet? Und werden wir bald auf Deutsch überhaupt nicht mehr über neue Forschungsergebnisse sprechen können, weil uns die Worte fehlen? Die Gesellschaft droht sich zu spalten zwischen den Nutzern einer Elitesprache und all den anderen, an denen die aktuellen Entwicklungen vorübergehen. Ob Deutsch eine Wissenschaftssprache bleibt oder nicht, ist darum keine Frage des Nationalstolzes. Es geht um viel mehr: um die Demokratie.

Wer Wissenschaft nur in einer Fremdsprache begegnet, bezahlt selbst dann mit Verlusten, wenn er dieses Idiom hervorragend beherrscht. „We are dumber in English“, zu diesem Schluss kamen Untersuchungen in Schweden und den Niederlanden, wo Kinder von ihrem ersten Schultag an mit dem Englischen vertraut gemacht werden. Vorlesungen auf Englisch sind dort Teil jedes Studiums, doch die Prüfungsergebnisse fallen im Schnitt zehn Prozent schlechter aus als bei Lehrveranstaltungen in der Muttersprache. In englischen Seminaren stellen und beantworten die Studenten weniger Fragen, sie wirken insgesamt hilfloser. Weder Studenten noch Lehrern ist das Problem gewöhnlich bewusst, weil alle ihre Gewandtheit im Englischen überschätzen.

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