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Wirtschaftskrise : Warum keiner mehr durchblickt

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Was sehen wir, wenn wir die Kurse fallen sehen? Bild: REUTERS

Wie erleben Menschen einen radikalen Epochenwandel? Gibt es überhaupt jemanden, der wüsste, wie die Krise zu bewältigen sei? Und wer haftet für die unfassbaren Summen, die das Schlimmste verhüten sollen? Der Sozialpsychologe Harald Welzer antwortet.

          Wie erleben Menschen einen radikalen Epochenwandel? Gibt es überhaupt jemanden, der wüsste, wie die Krise zu bewältigen sei? Und wer haftet eigentlich für die unfassbaren Summen, die jetzt das Schlimmste verhüten sollen? Fragen an den Sozialpsychologen Harald Welzer.

          Eine Talfahrt wie nie zuvor, die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg – was halten Sie davon, wie die Verantwortlichen die Krise beschreiben?

          Offenbar ist es schwierig, eine Krise zu kommunizieren. Hier haben wir nun schon seit längerem einen Stil, in dem uns angedeutet wird, dass auch diejenigen, die in Entscheidungspositionen sitzen, das Gefühl haben, dass diese Sache eine Dimension hat, die kaum noch zu bewältigen ist. Wir erleben Auftragsrückgänge von vierzig Prozent und mehr. Bedenken Sie, dass normalerweise schon bei wenigen Prozent Auftragsrückgang der Alarm schrillt und die Kurse einbrechen. Was gerade passiert, hätte vor einem halben Jahr niemand für möglich gehalten.

          „Ich wünsche mir oft, dass ich unrecht hätte”: Harald Welzer

          Ist nicht diese enorme Geschwindigkeit das Erschreckende?

          Ja, und für mich ist das nicht ohne Ironie: Ich beschäftige mich seit langer Zeit damit, wie sich Menschen rapiden gesellschaftlichen Wandlungen so anpassen, dass sie gar nicht merken, was sich alles radikal verändert. Wir nennen das „shifting baselines“ – man bemerkt die tiefgreifende Veränderung nicht, weil sich die eigene Wahrnehmung und auch die eigenen Werte mitverändern. Nun erlebe ich möglicherweise gerade selbst einen solchen extrem beschleunigten Veränderungsprozess. Zunächst glaubt man ja, dass man sowieso in der besten aller Welten lebt, dass es also schon nicht so wild wird, da ist alles abgesichert und abgefedert, aber dann kommt eben alles anders. Und während die Politiker noch an Schutzschirmen basteln, türmt sich im Hintergrund die Krise unbeeindruckt weiter bedrohlich auf. Da werden Milliarden gehandelt wie nichts, ganze Branchen stehen am Abgrund, aber ansonsten . . .

          . . . geht das Leben seinen Gang.

          Das fasziniert mich an sogenannten Epochenwenden. Nehmen Sie 1933: Die Nazis sind an der Macht, ein radikales Herrschaftssystem etabliert sich, aber im Alltag bleibt erst mal ja alles gleich. Die Autos fahren, Restaurants sind geöffnet, man feiert Geburtstag, die Welt ist nach wie vor in Farbe. Wie tief der Einbruch ist, wird gar nicht spürbar, weil 98 Prozent aller Stabilisierungsmomente des Alltags funktionieren wie gehabt. Wie jetzt: Busse fahren, Flugzeuge fliegen, Weihnachten steht vor der Tür. Diese Wahrnehmung stützt die trügerische Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm ist. Wird schon nichts passieren. Die kriegen das schon hin. Dabei weiß man de facto nicht, was passieren wird. Also ich weiß es jedenfalls nicht.

          Wenn die Politik es wüsste, könnte sie es denn offen sagen? Oder muss sie beruhigen, um Panik zu vermeiden?

          Ihrem Selbstverständnis nach natürlich nicht. Stellen Sie sich einen Finanzminister vor, der im Interview sagt: „Tut mir leid, keine Ahnung, was da läuft.“ Stattdessen sagt er, die Spargroschen sind sicher, und die Leute lassen das Geld brav auf der Bank. Obwohl diese Krise weder einen voraussehbaren Ablauf noch eine messbare Dimension hat, bleibt das Vertrauen in das System überraschend groß. Die politische Benutzeroberfläche wird ja auch gut bespielt, es gibt Gipfel, allerlei Maßnahmen. Nur eines geht offenbar nicht: das Abwarten.

          Nun heißt es immer, das Börsengeschehen sei angewandte Psychologie. Dann könnte man das so doch vielleicht zum Guten beeinflussen?

          Nein, denn hier wurde ja etwas Einzigartiges geschaffen, nämlich ein Finanzsystem, bei dem keiner mehr durchblickt. Es gibt da keine Experten mehr. So etwas ist bei uns systemisch ja gar nicht vorgesehen. Bei einem Reaktorunglück kann man irgendeinen Kernphysiker befragen, der erklärt dann, was passiert ist, aber bei dieser hochkomplexen Luftökonomie? Jetzt hat es seit sechs Wochen keine Talkshow mehr gegeben, in der einer sitzt und sagt: „Kinder, ich erklär’ euch das mal.“ Selbst die üblichen Experten wie Herr Sinn versteigen sich in absurde historische Vergleiche, oder sie schweigen vorsichtshalber gleich. Unsere Freunde aus der Ökonomie ducken sich alle weg. Das ist ein wissenschaftlicher Offenbarungseid! Das erlebt man auch nicht alle Tage.

          Kann man von einer doppelten Krise sprechen? Während wir pleitegehen, geht ja die Klimakrise munter weiter.

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