01.06.2009 · Österreich will den Ägypter Faruk Hosni wegen antisemitischer Bemerkungen mit einer Gegenkandidatin als Unesco-Chef verhindern, Paris und die Vereinigten Staaten spielen auf Zeit. Hosni entschuldigt sich halbwegs. Der Unesco steht eine weitere Belastungsprobe bevor.
Von Jürg Altwegg, GenfMindestens acht Kandidaturen (unter anderem aus Russland und Brasilien) sind bei der Unesco für das Amt des Generalsekretärs eingereicht worden. Am Pfingstsonntag lief die Frist für die Bewerbungen ab. In letzter Minute präsentierte Österreich seine Kommissarin in Brüssel, die frühere Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) – und zwar ausdrücklich mit dem Hinweis, dass der ägyptische Kandidat Faruk Hosni umstritten sei.
Nach dem japanischen Amtsinhaber wäre nach den Usancen der Kulturorganisation der Vereinten Nationen turnusgemäß die arabische Welt an der Reihe. Ein Offener Brief der Intellektuellen Claude Lanzmann, Elie Wiesel und Bernard-Henri Lévy lenkte wenige Tage vor Fristablauf die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Einwände gegen den Kandidaten, die Israel seit dessen Nominierung erhoben hatte, aber mittlerweile nicht mehr vertritt (siehe Das größere Übel: Der zukünftige Generalsekretär der Unesco ).
Rhetorisches Mittel der Hyperbel
Hosni, ein Kunstmaler, der seit 1987 als Kulturminister Ägyptens amtiert und vorher die Ägyptische Akademie in Rom leitete, hat unterdessen gegenüber der englischsprachigen ägyptischen Zeitung „Al-Ahram Weekly“ einige der ihm vorgehaltenen Äußerungen über Israel erläutert und andere bestritten. Der Satz, man solle ihm israelische Bücher in ägyptischen Bibliotheken zeigen, damit er sie eigenhändig verbrenne, sei in der Hitze eines parlamentarischen Streits gefallen. Ein Abgeordneter der Muslimbrüder habe behauptet, die Bibliotheken seien voll von israelischen Büchern. Zur Zurückweisung dieser Behauptung, so der Minister, habe er sich des rhetorischen Mittels der Hyperbel bedient. Noch am gleichen Tag habe er aber im ägyptischen Fernsehen gefordert, israelische Bücher ins Arabische zu übersetzen. Er habe dabei darauf hingewiesen, dass die Israelis viele arabische Bücher übersetzten. „Sie verstehen uns besser als wir sie.“ Als Kulturminister könne er das Verbrennen von Büchern gar nicht anordnen.
Der Darstellung des Simon-Wiesenthal-Zentrums, er lehne die Errichtung eines ägyptischen Museums der jüdischen Geschichte ab, setzte Hosni einen Tätigkeitsbericht entgegen: Als Minister habe er die Restaurierung jüdischer Tempel und Papyri angeordnet. Den Vorwurf des Antisemitismus beantwortete Hosni gegenüber der ägyptischen Zeitung ausweichend, mit einem Wortspiel, dessen fingierte Naivität aus der Geschichte antisemitischer Apologetik bekannt ist: „Wie könnten wir gegen uns selbst kämpfen? Wir sind Semiten.“
Einladung eines Holocaust-Leugners
Zu einem Punkt der Eingabe des Wiesenthal-Instituts an die Unesco aus dem Mai 2008, den die europäische Öffentlichkeit wohl besser gewichten kann als den Stand der Arbeiten bei der Ausgrabung jüdischer Altertümer in Ägypten, nimmt Hosni gegenüber „Al-Ahram“ nicht Stellung. Er bestreitet nicht, den französischen Philosophen Roger Garaudy eingeladen zu haben, auf der Buchmesse von Kairo 1998 sein Buch über die „Gründungsmythen der israelischen Politik“ vorzustellen. Wenige Tage nach seinem umjubelten Auftritt in Kairo wurde Garaudy in Paris als Holocaust-Leugner verurteilt.
Einen anderen Ton als gegenüber „Al-Ahram“ hat Hosni in einer von „Le Monde“ publizierten Antwort auf Lanzmann, Wiesel und Lévy angeschlagen. In diesem eher mutlos wirkenden Artikel spricht er sein Bedauern über den Bücherverbrennungs-Satz aus, wobei er ausdrücklich davon absieht, den Satz mit dem in „Le Monde“ nicht näher erläuterten polemischen Äußerungskontext zu entschuldigen.
Unklar ist die Position der Vereinigten Staaten
Ägypten hält an Hosnis Kandidatur fest und lässt verlauten, dass es der Unterstützung durch Frankreich sicher sei. Paris spielt auf Zeit. Das Außenministerium unterstreicht, dass die Kandidaten die Prinzipien der Toleranz und der kulturellen Vielfalt garantieren müssten. Die französische Unesco-Botschafterin Catherine Colonna sagt, es sei „für eine Stellungnahme zu früh“.
Unklar ist die Position der Vereinigten Staaten, die unter Präsident Obama ihre Rolle in den internationalen Organisationen überdenken. Die Kandidatur von Frau Ferrero-Waldner hat unter österreichischen Intellektuellen eher Erstaunen ausgelöst, da die Außenpolitikerin nicht unbedingt mit Kultur in Verbindung gebracht wird. Ohne Absprache mit anderen europäischen Staaten ist der Vorstoß wohl nicht erfolgt. Die Unesco wird die Kandidaten in den nächsten Wochen anhören, danach schlägt der Exekutivrat einen neuen Generalsekretär vor. Diesen muss die Vollversammlung im Oktober wählen. Paris steht ein heißer Sommer bevor – und der Unesco eine weitere Belastungsprobe.