28.09.2010 · In Leipzig trafen sich erstmals Wikipedia-Autoren und Wikipedia-Forscher, um gemeinsam über die Zukunft der Online-Enzyklopädie zu diskutieren. Der Überschrift „Kritische Auseinandersetzung“ wurden die Diskussionen nur ansatzweise gerecht.
Von Levke ClausenWikipedia ist eines der größten Wissensprojekte unserer Zeit und mit Sicherheit das größte, das von seinen Nutzern selbst hergestellt wird. Die enorme Wirkungsmacht, die Wikipedia innehat, macht eine kritische Auseinandersetzung deshalb besonders nötig. „Critical Point of View“ lautete denn auch das Motto der Leipziger Tagung vom vergangenen Wochenende, bei der zum ersten Mal deutschsprachige Autoren des Online-Lexikons, also die Wikipedianer, auf Wikipedia-Forscher, die Wikipedisten, trafen. Wie geht Wikipedia mit Konflikten und kulturellen Differenzen um? Welche Bedeutung hat Wikipedia für die politische Bildung? Und welche Machtstrukturen existieren in der Wikipedia? Das waren die Leipziger Fragen.
Rund hundert Teilnehmer waren gekommen. Das Interesse war auch deshalb so groß, weil Wikipedia gegenwärtig einen wichtigen Wandel durchlebt. Die erste, euphorische Phase ist vorüber, die ursprüngliche Idee des Sammelns alles Wissens tritt in den Hintergrund, von nun an soll es um die Qualitätssicherung gehen. Wer sagt bei Wikipedia, was Qualität ist und was nicht? Unter den Forschern herrscht Einvernehmen: Über Relevanz und Qualität bestimmen sogenannte „Elite User“, die hohe Anforderungen an die Qualität von Artikeln stellen und die eingehenden Texte gegebenenfalls stark bearbeiten. Sie entscheiden oft darüber, ob ein Artikel überhaupt veröffentlicht oder ob er gelöscht wird. Das Machtmonopol der Administratoren führt immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen: „Löschkriege“ und „Sperrwahn“ haben das Mitmachinteresse bei Wikipedia gesenkt. Wikipedia ist zu einem Club geworden.
Ein gutes Produkt will nur noch gute Beiträger
Denen, die ihm angehören, erscheint er offen, Außenstehenden als geschlossenes System. Der Soziologe Christian Stegbauer brachte die Clubregeln auf die Formel: „Wer hier reinwill, muss sich anpassen.“ Das komplexe und teilweise in sich widersprüchliche Regelwerk macht dies jedoch sehr schwierig, da oft nur noch Insider mit Spezialwissen die Strukturen verstehen können. So wird die Teilnahme für Neuankömmlinge schwer bis unmöglich. Wikipedia, die 2001 gegründete „freie Enzyklopädie“, hat im Lauf ihrer Institutionalisierung die eigenen Ansprüche verändert: War anfangs jeder willkommen, um Wissen zu erzeugen und zu akkumulieren, so steht nun das Wissen als Produkt im Zentrum – und ein gutes Produkt will auch nur noch gute Beiträger.
Für eine stärkere Beteiligung von Wissenschaftlern tritt Wikipedia deshalb ein – Experten, so die Devise, erzeugen Qualität. Was viele Wissenschaftler bisher von einer Mitarbeit abhält, ist die Befürchtung, der eigene Artikel könne von jedermann bearbeitet werden. Zudem bezahlt Wikipedia nicht und veröffentlicht die Artikel anonym, macht also die individuelle Leistung nicht sichtbar. Besonders prädestiniert scheinen Wissenschaftler für die Überblicksartikel zu einzelnen Fachgebieten zu sein. Just deren gegenwärtige Qualität kritisierte der Historiker Peter Haber. Am Beispiel „Frühmittelalter“ zeigte er, dass die Fakten zwar korrekt seien, die Struktur des Artikels aber gerade nicht als Einstieg ins Thema tauge. Potential jedoch, resümierte Haber, sei durchaus vorhanden.
„Wir sind resistent gegenüber der Wissenschaft“
Es gibt also Spannungen zwischen Wikipedisten und Wikipedianern. Sie wurden in Leipzig aber eher unter den Teppich gekehrt. Themen wie „Digitale Governance“, „Edit-Wars“ oder „Relevanzdiskussionen“ sprach man zwar an, debattierte sie aber nur unzureichend. Der langjährige Wikipedianer und Administrator Martin Rulsch erklärte dieser Zeitung gegenüber: „Ich werde eigene Arbeiten überdenken. Menschen zu ändern ist aber sehr kompliziert. Wir versuchen ja, freundlich zu bleiben. Leider klappt das nicht immer.“ Einer seiner Kollegen sagte indes während einer Debatte: „Wir sind resistent gegenüber der Wissenschaft.“
Bei der Podiumsdiskussion fielen dann aber doch schärfere Töne. Für sie sorgte die Bloggerin Anne Roth: „Wikipedias Machtstrukturen“, sagte sie, „sind abschreckend. Ich würde mich nicht mit Artikeln beteiligen, weil sie eh direkt wieder gelöscht würden.“ Aus dem Publikum hielt ihr ein Wikipedianer entgegen, es sei nicht das Problem der Enzyklopädie, wenn sich Neuankömmlinge nicht in die Wikipedia-Kultur integrieren wollten. „Doch“, sagt Anne Roth, „genau das ist es.“ Die Abneigung gegenüber der Community zeige nur, wie tief das Kind bereits in den Brunnen gefallen sei.
Wert auf Meinungsunterschiede
Wie sieht die Zukunft von Wikipedia aus, wie soll es weitergehen? Geert Lovink, der die Tagung leitete, forderte einen neuen Dialog: „Die interessante Debatte findet nur auf den internen Seiten und unter den Wikipedianern statt. Es muss aber Wert auf Meinungsunterschiede gelegt werden.“ Es gebe schließlich nicht die eine und einzige Wahrheit. Anne Roth plädiert dagegen dringend für eine neue Image-Offensive: Wikipedia müsse wieder offensiv auf die Außenwelt zugehen und sagen: „Wir wollen euch haben. Wir brauchen euch.“
Ulrich Johannes Schneider, der Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek, brachte die Situation auf den Punkt: „Die Unterstützung, die Wikipedia jetzt braucht, muss sie sich holen.“ Deshalb sei es wichtig, innere Widersprüche zuzugeben und auszutragen. Wikipedia, so Schneider, benötige die Kompetenz der Wissenschaftler. Gehe man offen auf sie zu, dann kämen sie auch.
In Adminpedia umbenennen
Joel Hopingman (Tut_nix_zur_Sache)
- 28.09.2010, 13:52 Uhr
wikipedia ist so demokratisch wie eine DDR-Enzyklopaedie
Hans-Joachim Mueller (hansprag)
- 28.09.2010, 15:00 Uhr