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Veröffentlicht: 16.08.2007, 07:30 Uhr

Wikipedia in der Kritik Die Entwurzelung des Wissens

Darf das Internetlexikon Wikipedia als seriöse wissenschaftliche Quelle dienen? Die Geschichtswissenschaft liefert derzeit eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen - und Wikipedia muss sie fürchten.

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© Wikipedia Was geschah wann? Antworten von Wikipedia

Zur Rechtfertigung seines basisdemokratischen Ansatzes bei der Erweiterung des Wissens beruft sich das Internetlexikon Wikipedia gern auf James Surowieckis Theorie von der Weisheit der Vielen. Wenn es um die Schätzung eines Wertes geht, etwa die Höhe eines Raumes, so ist nach Surowiecki die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein arithmetisches Mittel sich dem exakten Wert annähert, umso höher, je größer die Zahl der Befragten ist. Die Masse schätzt in einfachen Fragen genauer als Einzelne oder Wenige.

Thomas Thiel Folgen:

Die hier betriebene Demokratisierung der Wahrheitsfindung ist dem wissenschaftlichen Verstand, der dem esoterischen Expertengedanken verpflichtet ist, verdächtig: Die Erde wäre wohl heute noch eine Scheibe, wenn man das Urteil über ihre Form einer Demokratie überlassen hätte. Dennoch sieht sich die Wissenschaft zunehmend zur Auseinandersetzung mit Wikipedia gezwungen, je weiter es in die Bereiche institutionell gesicherten Wissens vordringt. Zumal manche Mitarbeiter von Wikipedia ihre Plattform offen zu politischen Zwecken nutzen und dem Anspruch der akademisch anerkannten Wissenschaft widersprechen.

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Als Quelle abgelehnt, aber vorhanden

Mit der Verfügung „Don't cite Wikipedia“ machte im April dieses Jahres das amerikanische Middlebury College von sich reden. An deutschen Universitäten wird Wikipedia als Quelle meist abgelehnt, ist aber faktisch vorhanden. Fachhochschulen, schreibt die Hamburger Historikerin Maren Lorenz, sehen sich mittlerweile studentischen Arbeiten gegenüber, die bis zu 90 Prozent ihrer Nachweise aus Wikipedia bestreiten. Viele Universitätsbibliotheken hätten das Lexikon in ihre Verzeichnisse aufgenommen, ohne Kommentar zur Problematik seiner fluiden Form.

Die Geschichtswissenschaft liefert derzeit eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem Phänomen, und Wikipedia muss sie fürchten. Entsprechend seinen Produzenten, die vornehmlich aus dem Bereich der Technik- und Naturwissenschaften stammen, vertrete Wikipedia, so Lorenz, ein positivistisches Geschichtsverständnis. Dies zeige sich beispielhaft an seiner Rubrik „Was geschah am . . .?“, die sich auf die zusammenhanglose Nennung von historischen Daten beschränkt: Wer möchte wirklich wissen, dass „am 13. Juli 2005 die EU-Wettbewerbshüter die Übernahme von VA Technologie durch die Siemens AG genehmigten“?

Fetischisierung des Einzelfaktums

Geschichte wird auf das Format von Infoleinwänden reduziert. Auf den Schmalspurbegriff des Wissens geeicht, betreibt Wikipedia eine Fetischisierung des Einzelfaktums, die, wie man gesagt hat, mangelnde Einsicht in die Konstruktion des Tatsächlichen offenbart, und treibt eine Entwurzelung des Wissens voran: Solange seine Beiträger anonym bleiben, fehlt die wissenschaftlich unerlässliche Bedingung eindeutiger Autorschaft.

Der Brugger Historiker Jan Hodel löst den Zwiespalt der klammheimlichen Verwendung und der öffentlichen Verdammung Wikipedias in eine patente Lösung auf: Wikipedia sei als Einstieg tauglich, nicht aber als zitierfähiger Beleg, zumal sich eine Seite schnell ändern könne. Als zeithistorisches Forschungsinstrument könne es hingegen Verwendung finden, etwa bei der Ermittlung von Trends und Konjunkturen.

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