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Raubkunst aus Osteuropa : Nehmt mit, was ihr tragen könnt

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Wehrmachtssoldaten plünderten an der Ostfront und nahmen nicht nur Kleidung und Nahrung, sondern auch „Souvenirs“ mit. Wie viel geraubtes Kulturgut aus Osteuropa befindet sich in deutschen Haushalten? Ein Gastbeitrag.

          Überbleibsel aus der NS- und Kriegszeit gibt es vermutlich in fast jedem deutschen Haushalt. Dazu gehören Dinge, die während des Zweiten Weltkrieges auf unterschiedliche Weise den Besitzer wechselten. Die Künstlerin Maria Eichhorn formuliert mit ihrem Projekt „Rose-Valland-Institut“ auf der Documenta 14 den Anspruch, „die Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europas und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart“ zu erforschen und zu dokumentieren. In einem Open Call hat sie die Öffentlichkeit aufgefordert, Informationen zu Objekten, auch zu Grundbesitz oder Immobilien, bei denen ein NS-Raubgutverdacht besteht, an ihr „Institut“ weiterzugeben. Man werde dann dokumentieren, recherchieren, diskutieren und restituieren. Bis zum 17. September ist Zeit, denn bis dahin hat das Institut seinen Sitz in der Neuen Galerie in Kassel.

          Ist das Vorhaben überambitioniert oder künstlerische Provokation? Die im Fall Gurlitt eingerichtete Taskforce mit siebzehn Mitgliedern und dreißig externen Experten konnte nach zwei Jahren Recherche im Januar 2016 von 499 Bildern, bei denen ein Verdacht auf „NS-verfolgungsbedingten Entzug“ bestand, bei elf Bildern die Provenienz abschließend klären. Nur eine Handvoll Werke wurde bislang restituiert. Provenienzforschung ist also mühsam, zieht komplizierte juristische Fragen nach sich und sollte professionell betrieben werden.

          Die breite Spanne der Profiteure

          Wahrscheinlich geht es bei dem Projekt von Maria Eichhorn also um etwas anderes: deutlich zu machen, dass von der Enteignung der jüdischen Bevölkerung viele profitierten. Nicht nur NS-Bonzen, Großkonzerne und die deutschen Museen mit ihren Sammlungen, sondern auch ausgebombte Familien, die in Möbellagern Ersatz für den Hausstand suchten oder Bibliophile, die sich langgehegte Bücherwünsche im Antiquariat erfüllen konnten. Mit der Betrachtung auch der Dinge des Alltags, die den Besitzer wechselten, betrifft das Thema „NS-verfolgungsbedingter Entzug“ plötzlich fast jeden. Es fällt dann schwerer, sich selbstgewiss der allgemeinen öffentlichen Entrüstung und den schnell gefassten moralischen Urteilen wie im Fall Gurlitt anzuschließen.

          Wenn das Eichhornsche Projekt zum Umdenken aufrufen will, dann wundert man sich, warum nicht auch nach der Übernahme des Eigentums anderer verfolgter Bevölkerungsgruppen, besonders in Osteuropa und der Sowjetunion, gefragt wird. Der Krieg gegen die Sowjetunion war von vorneherein als Ausbeutungs- und Vernichtungskrieg gedacht. Die slawischen Menschen galten als Untermenschen, deren Vernichtung zwar nicht explizit geplant, aber einkalkuliert wurde. Die Opferzahl von mehr als zehn Millionen Toten in der sowjetischen Zivilbevölkerung spricht für sich. Was die Kunstschätze und Kulturgüter dieser Region betrifft, so gab es zu keinem Moment Zweifel oder Skrupel, dass sie, wie Rohstoffe und andere Ressourcen auch, dem deutschen Reich unbegrenzt zur Verfügung stehen würden.

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