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Wiens Hochhausbaupläne : Selbstzerstörung einer Kulturstadt

  • -Aktualisiert am

Derzeit pachtet der Eislaufverein das Gelände. Auch nach der Bebauung soll im Winter dort Schlittschuh gelaufen werden. Bild: Entwurf Isay Weinfeld und Sebastian Murr

Im historischen Zentrum von Wien ist der Bau eines Apartmentturms geplant. Die Stadt verspricht sich, zukunftsfit zu werden und gibt dafür ihr Weltkulturerbe preis.

          Mehr als dreihundert österreichische Künstler und Intellektuelle haben binnen einer Woche in einer Petition den sofortigen Stopp des umstrittensten Wiener Bauvorhabens der letzten Jahrzehnte gefordert: Zwischen Stadtpark und Konzerthaus, also noch in der Zone des Weltkulturerbes „Historisches Zentrum von Wien“, plant der Hedgefonds-Manager Michael Tojner einen siebzig Meter hohen Turm mit Luxusapartments. Das Grundstück, das der Wiener Eislaufverein pachtet und nutzt, hatten Geschäftsfreunde des Investors 2008 von der öffentlichen Hand unter dubiosen Umständen um weniger als die Hälfte des erzielbaren Preises erworben – und 2012 Tojner übertragen. Dieser brachte noch im selben Jahr auch das benachbarte Hotel Intercontinental in seinen Besitz.

          Nichts hielt die rot-grüne Stadtregierung davon ab, sich voll und ganz hinter sein Projekt zu stellen – obwohl die Welterbe-Kommission der Unesco von Beginn an klargestellt hatte, dass ein Neubau nicht höher werden dürfe als die sanierungsbedürftige Hotelscheibe aus dem Jahr 1964 mit ihren 43 Metern. Damit zeigte sich die Unesco vergleichsweise generös, hatte doch nur vier Jahre zuvor der damalige Planungsdezernent Hochhäuser an diesem Standort kategorisch ausgeschlossen – und das Stadtplanungsamt noch 2012 den Maßstab der umgebenden Gründerzeithäuser als Maximum für eine etwaige Bebauung definiert.

          Die Unesco droht mit Streichung aus der Welterbe-Liste

          Doch zählt das architektonische Erbe wenig, wenn die Kommunalpolitik ein stadtstrukturell belangloses Projekt als richtungsweisend für die Modernisierung der Donaumetropole hochstilisiert. So erklärte Oberbürgermeister Michael Häupl, der sich stets dann in Stadtentwicklungsthemen einmischt, wenn Investoren die Felle davonzuschwimmen drohen, die „Neuorganisation“ des in die Jahre gekommenen Eislaufvereinsgeländes für notwendig, „um Wien zukunftsfit zu machen“. Seine Wirtschafts- und Finanzdezernentin Renate Brauner wiederum schwang gegenüber den zahlreichen Gegnern die klassische sozialdemokratische Keule und dichtete dem Bauvorhaben „Tausende von Arbeitsplätzen“ an, zumal der Investor nicht nur Luxuswohnungen, sondern im Intercontinental auch noch ein Spielcasino plane.

          Was zählt schon das kulturelle Erbe, wenn Grundstücke mittels Freunderlwirtschaft verschachert und luxuriös bebaut werden? Blick vom Belvedere auf den geplanten Wohnturm.
          Was zählt schon das kulturelle Erbe, wenn Grundstücke mittels Freunderlwirtschaft verschachert und luxuriös bebaut werden? Blick vom Belvedere auf den geplanten Wohnturm. : Bild: Entwurf Isay Weinfeld und Sebastian Murr

          Überrascht waren unabhängige Architekten und Planer, Anrainer, Denkmalschützer und kritische Bürger jedoch, als auch die Stadtplanungsdezernentin, Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou von den Grünen, entgegen dem deklarierten Willen der eigenen Basis in den Chor der Projektbefürworter einstimmte. Während ihre Partei in der Zeit der Opposition gegen solcherart Investorenstädtebau Sturm lief, betont sie nun den öffentlichen Mehrwert des Vorhabens, im Zuge dessen der Freiraum attraktiver und außerhalb der Eislaufsaison öffentlich zugänglich werde. Hat dieses politische Engagement für den Investor vielleicht damit zu tun, dass Michael Tojner sein Casino-Hotel-Konzept gemeinsam mit Medienmogul Christoph Dichand verfolgt?

          Die Familie Dichand beherrscht mit ihren beiden Boulevardzeitungen „Krone“ und „Heute“ die öffentliche Meinung im Land. Um das unpopuläre Hochhausprojekt aber nicht selbst verantworten zu müssen, regte das Rathaus ein „kooperatives Verfahren“ an, im Zuge dessen „externe Experten“ ab Mitte 2012 herausfinden sollten, welche bauliche Entwicklung auf dem Areal prinzipiell möglich sei. Die wesentlichsten Vorgaben dafür stammten allerdings nicht von der Wiener Stadtplanung, sondern vom Investor: Das bestehende Hotel könne umgebaut oder durch einen Neubau ersetzt werden. Die Eisfläche müsse erhalten bleiben, könne aber verlagert werden, um Platz für den Luxuswohnbau zu schaffen. Dieser solle dem prominenten Standort entsprechend „von internationalem architektonischen Format“ sein und „als Landmark über die Landesgrenzen hinaus Bedeutung erlangen“. Schnell war klar, dass diese Parameter nur in Form eines Hochhauses jenseits der 43 Meter realisierbar wären – weshalb die Unesco unmissverständlich mit der Streichung der Wiener Innenstadt aus der Welterbe-Liste drohte.

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