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Verleumdungsaktion „Pizzagate“ : In Amerika herrscht die Lüge

  • -Aktualisiert am

Aufmarsch der Polizei: Nach den Schüssen im Pizzarestaurant „Comet Ping Pong“, dessen Besitzer auch Opfer der Fake-News-Kampagne wurde. Bild: dpa

Erst erfindet jemand die Story, Hillary Clinton habe etwas mit einem Pädophilenring zu tun, dann schießt ein junger Mann in einer Pizzeria um sich: Das Beispiel von „Pizzagate“ zeigt, was den Vereinigten Staaten droht.

          Als vergangene Woche ein bewaffneter junger Mann die Pizzeria „Comet Ping Pong“ in Washington D.C. betrat und um sich schoss, markierte das die bislang haarsträubendste Zuspitzung der Fake-News-Epidemie in Amerika. Edgar Maddison Welch war aus North Carolina nach Washington gereist, um einer Geschichte „auf den Grund zu gehen“, die seit Ende Oktober in sozialen Netzwerken und in den Medien kursiert.

          Demnach sei die Pizzeria geheimer Treffpunkt eines Pädophilenrings um Hillary Clinton und ihren Wahlkampfmanager John Podesta. Das gehe aus den geleakten Clinton-E-Mails hervor. In den E-Mails, so die Verschwörungstheoretiker, fänden sich Codeworte: „Pizza“ stehe für Mädchen, „Hotdog“ für Jungs, „Sauce“ für Orgie, und so weiter. Beweise gab es keine, Zeugen auch nicht, dafür sinnfreies Geraune über geheime Symbole und „verdächtige“ Fotos. „Pizzagate“ verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit im Netz. James Alefantis, Eigentümer der Pizzeria, erhielt Morddrohungen, das FBI schaltete sich ein, das Portal Reddit blockierte den Suchbegriff „pizzagate“ schließlich. Die Verschwörungstheoretiker frohlockten: Das sei der letztgültige Beweis, dass sie recht hätten. Der Wahnwitz mit Methode wäre nicht der Rede wert, hätte er nicht solche Kreise gezogen und nicht Verweischarakter: Hier zeigt sich ein Muster, das die amerikanische Öffentlichkeit unter Trump prägen könnte.

          Woher kommt „Pizzagate“?

          Der „New Yorker“ vermutet, „Pizzagate“ rühre von den Vorwürfen gegen Donald Trump her, mit sexuellen Übergriffen auf Frauen geprahlt zu haben. Trump verteidigte sich mit Verweisen auf Vergewaltigungsvorwürfe gegen Bill Clinton. Das Troll-Heer seiner Anhänger verschärfte die Angriffe. Geleakte Clinton-E-Mails aus dem Laptop des wegen eines Sex-Skandals mit Minderjährigen unter Druck stehenden Anthony Weiner waren Auslöser für die Spekulationen über einen Kinderpornoring.

          Die Gerüchte über Hillary Clinton gingen, wie das Portal „Buzzfeed“ nachzeichnet, von einem Neonazi-Twitter-Account aus, landeten auf dem Verschwörungsforum „Godlike Productions“ und Aggregats-Seiten wie „Your News Wire“ und „True Pundit“, auf die der ursprüngliche Twitterer mit dem Zirkelschluss verlinkte: „Meine Quelle hatte recht!“

          Vor dem Angriff ist nach dem Angriff

          Mit dem Angriff im Restaurant ist die Sache längst nicht vorbei. Michael Flynn junior, der Sohn von Trumps designiertem Sicherheitsberater Michael Flynn und selbst Mitglied des Übergangsteams, wurde entlassen, als er am Tag nach den Schüssen im „Comet Ping Pong“ auf Twitter bekundete: „Bis #Pizzagate als unwahr bewiesen ist, bleibt es eine Nachricht.“ Michael Flynn senior hatte die Pädophilie-Gerüchte vor Wochen via Twitter noch selbst befeuert: „Entscheiden Sie - New York Police Department enthüllt neue Hillary E-Mails: Geldwäsche, Sexverbrechen mit Kindern, etc. Muss man gelesen haben!“ Es folgte ein Link zu der „True Pundit“-Story, in welcher der namenlose Autor behauptete, „hochrangige Beamte des New Yorker Police Department“ hätten genügend Beweise gegen Hillary Clinton, „um sie lebenslang hinter Gitter zu bringen.“ Enthüllt wurde indes nichts.

          Clinton war im Wahlkampf von ihren Gegnern unter anderem als Chefin eines Pädophilenrings bezeichnet worden, der sich in einem beliebten Pizzarestaurant in Washington treffe.
          Clinton war im Wahlkampf von ihren Gegnern unter anderem als Chefin eines Pädophilenrings bezeichnet worden, der sich in einem beliebten Pizzarestaurant in Washington treffe. : Bild: AFP

          Dummerweise geht die Entprofessionalisierung der amerikanischen Nachrichtenmedien Hand in Hand mit dem Zynismus, mit dem Fake-News-Autoren auf ihren Websites für lukrative Klick-Reichweiten sorgen. Die „Washington Post“ veröffentlichte kürzlich ein Interview mit dem Nachrichtenerfinder Paul Horner, der bekannte, Trumps Präsidentschaft sei insofern gut fürs Geschäft, als „man inzwischen nichts mehr schreiben kann, was die Leute nicht glauben“. So sei Trump an die Macht gekommen - indem er schlicht irgend etwas behauptete. Sein Wahlkampfteam verbreitete unter anderem eine Horner-Falschmeldung über eine bezahlte Anti-Trump-Demonstrantin.

          Mit dem Einwand, dass etwas nicht stimmt, mit der Frage nach Belegen oder auch dem Gegenbeweis kommt man in den Vereinigten Staaten inzwischen keiner Falschdarstellung oder Lüge mehr bei. Das hat auch damit zu tun, dass der Begriff „Fake News“ im Nu seine Bedeutung gewandelt hat. Als „Fake“ gilt - hüben wie drüben des politischen Spektrums -, nicht nur eine falsche Sachdarstellung, sondern eine abweichende Meinung. Das macht es den Rechtsextremen von der Alt-Right-Bewegung leicht, den Begriff als Synonym für das vermeintliche Bemühen der „Mainstream-Medien“ auszugeben, den Bürgern die Ansichten des Establishments einzutrichtern. Vielzitierter „Beweis“ dafür sind die falschen Wahlprognosen. Doch macht jemand einen handwerklichen Fehler und gesteht diesen mit einer Richtigstellung ein, wie man sie in Zeitungen findet, wird das als Zugabe zur Lüge aufgefasst. Lassen sich für ein Gerücht keine Belege finden, beweist das nach Ansicht der Verschwörungstheoretiker erst recht das Geschick der „Eliten“. So wird das Nachdenken über Wahrheit und Wahrhaftigkeit in der öffentlichen Debatte von Beginn an erstickt, Kategorien wie „richtig“ und „falsch“ verschwinden. Am Ende steht „Pizzagate“, und das ist wahrscheinlich nur der Anfang.

          Quelle: F.A.Z.

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