09.05.2006 · Warum werden Achtzigjährige nicht von der Einkommensteuer befreit? Der französische Schriftsteller Michel Tournier, Jahrgang 1924, wundert sich über den Mißbrauch des Alters.
Von Michel TournierWenn es ums Alter geht, sind es eher die runden Jahre, die wehtun. Zehn Jahre, zwanzig Jahre, fünfzig Jahre werden, hundert Jahre - das schockiert und öffnet die Augen. Den ersten Schock des Alters erlebte ich vor sehr langer Zeit, als mir zum ersten Mal ein junges Mädchen in der Metro ihren Platz überließ. Ich war bestürzt. Ich hätte entrüstet sein sollen. Ich bin nun in den Achtzigern, schon! Die Welt erscheint mir nicht mehr im selben Licht. Man muß einen Punkt machen - und sich daran gewöhnen.
Erste Feststellung: Ich habe keine Zukunft mehr. La Fontaine schrieb: „Baue noch weiter - aber pflanzen in deinem Alter?“ Sogar bauen in meinem Alter. In meiner Nachbarschaft steht ein wunderbares Haus zum Verkauf. Soll ich das Haus, in dem ich seit fünfzig Jahren wohne, verkaufen und mich dort niederlassen? Vor zehn Jahren hätte ich es vielleicht getan, als ich ein flotter junger Mann von siebzig Jahren war, aber heute kommt das nicht mehr in Frage. Nein, keine langfristigen Projekte mehr. Von einem Tag auf den anderen leben. So gefiel es mir und das war meine Gewohnheit, als ich jung war. Jetzt ist es meine Pflicht.
Es lebe die Frische
Es gibt aber den Blick der Anderen. Ich weiß, daß Kinder zwischen Dreißig und Achtzig kaum einen Unterschied machen. Für sie sind das die Alten. Trotzdem wundere ich mich über den offensichtlichen Wert, den ich in den Augen vieler bekommen habe. Manchmal verstehe ich aber auch, daß es ein Klima der Verachtung der Alten gibt. Das ist doch nur Kram zum Wegwerfen, also Platz den Jungen, es lebe die Frische und das Grün! Als Heranwachsender habe ich das nazistische Deutschland gekannt. Zu seiner Ideologie gehörte eine wahre Besessenheit von der Jugend.
Die „Partei“ war eine junge Partei, gemacht für die Jungen. Wenn man erlebt hat, was danach kam, denkt man an den Menschenfresser und seinen Appetit auf „Frischfleisch“. Der Krieg war stets ein gefräßiger Schlund für die Jungen.
Kult um die Greise
Abgesehen von der Werbung für Anti-Falten-Creme, sehe ich heute nichts, was dem entspräche. Im Kino ist die Liebe keineswegs ein Privileg der Erwachsenen. Der Sport hat seine halbwegs ergrauten Stars. Ein gewisser Respekt kommt ihnen entgegen. Manchmal muß man an den veritablen Kult denken, der die Greise in den meisten afrikanischen Gesellschaften umgibt. Denn in diesen Regionen ist das durchschnittliche Leben kurz, und man muß sehr stark sein - oder sehr intelligent -, um lange zu leben. Das ruft Bewunderung hervor.
Natürlich denken wir an die „Hundstage“ im August 2003 und an die rund fünfzehntausend Toten, die sie unter den Alten, zumal in den Altersheimen, gefordert haben. Diese Menschen waren mehr oder weniger allein gelassen, und sogar ihre Leichen sollten darauf warten, daß man sich ihrer annahm.
Das große Augustloch
Ich meine, daß dieser Skandal in einen französischen, einen typisch französischen Kontext versetzt werden muß, den des großen Augustlochs. In Frankreich ist es in etwa so: Im August schließt man ab und verschwindet. Auch das ein exklusiv französisches Phänomen. Wir wundern uns, wenn man uns sagt, daß in England und in Deutschland die Kinder im August zur Schule gehen! Eine amerikanische Zeitung veröffentlichte eine Karikatur, die Pariser bei der Rückkehr aus den Ferien am ersten September zeigte: Vor dem heruntergelassenen Gitter einer Bäckerei fanden sie die Leichen verhungerter amerikanischer Touristen. Vielleicht ist es etwas übertrieben, aber es trifft doch zu, daß es nicht immer leicht ist, sich im August in Paris mit Lebensmitteln zu versorgen.
Aber da gibt es noch einen Pferdefuß, an den niemand gedacht hat bei diesen in der Hitze der Hundstage sich selbst überlassenen Toten. Dabei ist es ganz einfach: Man braucht nur die Anzahl der Geburten in Paris im Juni, Juli, August und September zu vergleichen. Ich glaube zu wissen, daß die Statistik eine kräftige Hausse im Juli und eine entsprechende Baisse im August aufweist. Das beweist, daß die Hebammen alle Vorkehrungen treffen, um ihre Ferien sicherzustellen. Kommt das den Babys zugute?
Liebesbriefe und Telefonattacken
All dies betrifft mich sicherlich nicht. Im Gegenteil. Ich schreibe es, weil es wahr ist: Ich bin nie so geliebt worden wie seit der Zeit, als ich die berüchtigte Schwelle überschritten hatte. Man liegt uns in den Ohren mit Geschichten von Pädophilen. Aber wer sorgt sich um die Gerontophilie? An manchen Tagen könnte ich fast von sexueller Belästigung sprechen. Ich werde überschüttet mit Liebesbriefen und Telefonattacken. Nein wirklich, ich bin nie so belagert gewesen.
Victor Hugo hat es übrigens in seinem berühmten Gedicht „Booz schläft“ richtig gesehen. Er schreibt: „Die Frauen sahen in Booz nur mehr einen Jüngling / Denn der junge Mann ist schön, aber der Greis ist groß. / Und man sieht die Flamme in den Augen der Jungen / Während man im Auge des Greises das Licht sieht.“
Die Tröstungen des Alters
Eines Tages hörte ich, wie ein alter Kämpfer sagte: „Das Alter kennt nur drei Tröstungen: die Macht, den Reichtum und den Ruhm.“ Ich kenne keine dieser „Tröstungen“, und ich arbeite weiter und füge hinzu, daß der Fiskus mir auch weiterhin mehr als die Hälfte von dem, was ich verdiene, nimmt. Ich bitte Sie, warum? Damit Beamte, die meine Kinder, sogar meine Enkelkinder sein könnten, ihre Pensionen erhalten. Da steckt Prinzip dahinter: Man muß die Alten zum Arbeiten anhalten, um die Altersversorgung der Jungen zu bezahlen.
Wie wäre es, wenn man vom achtzigsten Lebensjahr an von der Einkommensteuer befreit wäre? Ich weiß, daß diese Forderung keine Chance hat, verstanden zu werden. Deswegen stelle ich eine andere, die nichts kosten würde und einer immer größer werdenden Schicht wirkliche Freude bereiten würde. Es geht einfach darum, den Autofahrern über achtzig das Recht zuzugestehen, die Behindertenparkplätze zu benutzen. Sie sind ohnehin fast immer frei. Was meinen Sie, Herr Minister?