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Brief aus Istanbul : Und plötzlich war es Geheimnisverrat

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Ehrbarer Geschäftsmann oder Spion? Reza Zarrab im Jahr 2013 in Istanbul. Bild: AFP

Vom staatlich anerkannten Geschäftsmann zum Spion – das geht in der Türkei ganz schnell. Der jetzt in Amerika vor Gericht stehende Reza Zarrab wurde Präsident Erdogan offenbar zu gefährlich.

          In meinem heutigen Brief will ich versuchen, Ihnen einen der interessantesten Helden der jüngeren Geschichte der Türkei vorzustellen. Unser Held taucht zunächst als romantischer Songwriter auf, dann und der Reihe nach als Bestechungsgelder verteilender Geschäftsmann, wohltätiger Unternehmer, preisgekrönter Export-Unternehmer, als Verräter und schließlich als Spion. Keine Sorge, es handelt sich keineswegs um eine Verwechslung. Lehnen Sie sich zurück, und verfolgen Sie das Märchen der neuen Türkei, in der ein Akteur von einer Rolle in die nächste schlüpft.

          Zur türkischen Fassung der Kolumne
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          Die Türkei hatte Reza Zarrab, den aserbeidschanischen Geschäftsmann mit iranischer Staatsangehörigkeit, der jetzt überall in den Schlagzeilen ist, bereits vor Jahren im Fernsehen in Paparazzi-Shows kennengelernt. Damals ging es weder um Politik noch um Diplomatie. 2008 war er als Texter romantischer Songs auf dem Bildschirm. Erst versorgte er die Sängerin Ebru Gündeş mit Texten, dann verlor er sein Herz an sie. In dem Lied „Unsterbliche Lieben“ hieß es: „Was du ein langes Leben nennst, besteht aus wenigen Erinnerungen/Wie viele Sultane liegen da, in der schwarzen Erde/Glaubst du, die Welt würde dir gehören?“

          Amerikanisches Embargo umgangen?

          Zarrab nahm die türkische Staatsangehörigkeit an und heiratete die Sängerin 2010. Nun war er im Fernsehen als Geschäftsmann zu sehen, der seine Gattin mit teuren Geschenken überhäuft – Gemälde für Millionen, Villen am Bosporus, Luxuslimousinen, Rennpferde. Ebru Gündeş reagierte auf die Journalisten, die über die teuren Gesten ihres Mannes berichteten, mit Ironie: „Wer sich fragt, was mein Mann mir als Nächstes schenkt, dem verrate ich schon jetzt: Er besorgt den Mars für mich.“

          Bülent Mumay
          Bülent Mumay : Bild: privat

          Zarrab, damals Ende zwanzig, tauchte einige Jahre später wieder auf: Wir sahen, wie er am Morgen des 17. Dezember 2013 im Zuge von Korruptionsermittlungen von der Istanbuler Polizei festgenommen wurde. Gemeinsam mit ihm wurden auch die Söhne der damaligen Minister für Inneres und für Wirtschaft verhaftet. Um heimlich das amerikanische Embargo zu umgehen, habe Zarrab, so der Vorwurf, iranisches Geld in der Türkei gewaschen und vier Minister sowie deren Angehörige mit Millionen Dollar bestochen, um ungestört seinen Geschäften nachgehen zu können. Im Zentrum der Korruptionsoperation stand eine der größten staatlichen türkischen Banken. Razzien im Haus des Generaldirektors brachten Schuhkartons mit Millionen Dollar ans Licht. Auch in den Häusern der festgenommenen Ministersöhne wurde ein Vermögen aufgetan. Es waren derartig große Summen im Spiel, dass man in den Häusern sogar größere Tresore und Geldzählmaschinen vorhielt. Auf den Ermittlungsaufnahmen der Polizei war zu sehen, wie Geld in Taschen und Koffern zu den Ministern geschafft wurde. Auf Mitschnitten von Telefongesprächen, die dann im Internet auftauchten, fanden sich Einzelheiten darüber, wie Zarrab Prostituierte für die Beamten, denen seine Zuwendungen galten, besorgt hatte.

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