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Muslimische Diktaturen : Weltbürger zweiter Klasse

  • -Aktualisiert am

Ensaf Haidar kämpft seit Jahren für die Freilassung ihres Mannes, des inhaftierten saudischen Bloggers Raif Badawi Bild: Reuters

Wer meint, für den Kampf gegen negative Folgen der Globalisierung auch theokratische Regime in Schutz nehmen zu müssen, schadet damit den Bewohnern der muslimischen Welt. Ein Gastbeitrag.

          Über die letzten Jahre begannen die westlichen Länder, die muslimische Welt anders wahrzunehmen. Sie erkannten auf einmal gesellschaftliche Vielfalt, wo sie lange nur geschlossene und konservative Gemeinschaften gesehen hatten. Was gewiss nicht überraschend war, gibt die muslimische Welt mit ihren zahlreichen Krisenherden und Kriegsschauplätzen, bei denen der Islam nicht selten im Zentrum der Konflikte steht, doch tatsächlich überwiegend ein beklagenswertes Bild ab. Und dennoch: Spätestens mit dem mutigen Widerspruch des Bloggers Raif Badawi gegen das saudische Regime, für den er mit zehn Jahren Haft und tausend Peitschenhieben bestraft wurde, erschien es plötzlich so, als ob die arabische und muslimische Welt ein neues, vorher unbekanntes Gesicht erhalten hätte.

          Die Globalisierung von Informationen und Ideen in den letzten zwanzig Jahren spielte bei diesem Wandel eine große Rolle. Sie war der Katalysator für viele Bewohner der muslimischen Welt, nach Emanzipation und Selbstaufklärung zu streben. Wir hatten das Glück, einer Generation anzugehören, die dabei zusehen konnte, wie die Mauern der Zensur im arabisch-islamischen Raum von den digitalen Medien langsam eingerissen wurden. Die Zeiten, in denen der Staat autoritär darüber befand, was die Leute lesen konnten, sind mittlerweile in vielen Teilen der Welt Vergangenheit – trotz der Versuche in vielen Ländern, die Zensur aufrechtzuerhalten. Ob sie damit Erfolg haben werden, ist zweifelhaft, aber noch ungewiss. Denn das Internet hat zwar neue Ideen verbreitet, bislang aber noch nicht zur Bildung von stabilen Institutionen und politischen Gruppen geführt, die den neuen Gedanken zur Durchsetzung verhelfen. Heute gebrauchen es auch Autokraten und Terroristen für ihre Zwecke.

          Beherzte Auseinandersetzung mit Literatur und Wissenschaft

          Mental bedeutete es aber zunächst einmal eine Befreiung. Kritische Bücher, die eine Bedrohung für Theokratien darstellten und deshalb zensiert oder verboten wurden, können nun problemlos beschafft und gelesen werden. Die Globalisierung der Ideen und Gedanken errichtete nicht nur eine Brücke zwischen der muslimischen und der übrigen Welt, sondern auch zwischen uns selbst und unserer Vergangenheit. Die Leute konnten auf einmal die Werke Kants, Freuds und Nietzsches lesen und sich mit den Denkern des Goldenen Zeitalters des Islams kritisch auseinandersetzen. Letztere wurden in alten Schulbüchern oft verzerrt dargestellt, um die Schüler in die Irre zu führen. Die religiöse Skepsis mancher großer Philosophen wurde verschwiegen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Ibn Rushd, bekannt unter dem Namen Averroes (1126 bis 1198), der die griechische Philosophie den Koranschriften vorzog und meinte, dass die religiösen Schriften „allegorisch neu interpretiert werden sollten, wenn sie mit Erkenntnissen von Philosophen wie Aristoteles in Konflikt stehen“. Bei Unstimmigkeiten in der Interpretation sollte bei Averroes der Rationalismus obsiegen.

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          Diese beherzte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gegenwart der philosophischen Literatur und der Wissenschaft inspirierte viele Menschen, ihre Stimme zu erheben. Kurzum: Der Ruf nach universellen Menschenrechten wäre nicht möglich gewesen, wenn das Internet als Werkzeug des kulturellen Austauschs und der Globalisierung nicht existiert hätte.

          Reaktionäre Mächte waren von diesem technologischen Übergang und den neuen Möglichkeiten nicht sonderlich begeistert. Die Islamisten zum Beispiel setzten alles daran, jeden Versuch eines Aufrufs nach universellen Menschenrechten als einen fremden, imperialistischen Plan zu verunglimpfen, der den Islam bekämpfe und Muslime kulturell kolonialisieren wolle. Abdul-Azeez bin Baaz, der ehemalige Großmufti von Saudi-Arabien, schrieb beispielsweise ein Buch, in dem er den vermeintlichen imperialistischen Angriff auf die muslimische Welt verurteilte. Er sah „die Förderung des Spracherwerbs westlicher Sprachen und die Errichtung westlicher Universitäten in muslimischen Ländern als eines der Mittel, mit denen der Westen seine Ideale und Ansichten verbreiten möchte.“

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