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Googles Debattenkultur : Auf grenzenlose Empörung folgt ein wenig Umdenken

  • -Aktualisiert am

Gilt bei Google das Prinzip der Meinungsfreiheit noch? Bild: Reuters

Die aufgeheizte Kontroverse um das vermeintliche antifeministische „Manifest“ des gekündigten Google-Mitarbeiters James Damore ist aus dem Ruder gelaufen. Zieht Google daraus eine Lehre?

          „Bullshit Arguments“, ruft die Frau in die Kamera, und damit es auch wirklich jeder versteht, erscheinen die Worte ganz groß über ihr. Bullshit Arguments sei das, was der Google-Programmierer James Damore in seinem Text geschrieben habe, und die gleichen Argumente benutzten auch die dazu eingeblendeten Eugeniker und rassistische Nazis. Es ist der 12. August 2017. Fast eine Woche zuvor wurde dem Technikblog Gizmodo ein zehnseitiger Text aus der Feder des 23-jährigen James Damore aus dem Intranet von Google zugespielt.

          „Gizmodo“ entfernte alle Grafiken und Links, Belege und Fußnoten zu wissenschaftlichen Forschungen und verbreitete das Dokument mit einer Verurteilung als „sexistisch“ im Netz. Am Samstag legte „Gizmodo“ mit diesem Video nach, in dem Damore auf eine Ebene mit Nazis gestellt wird. Zu diesem Zeitpunkt ist „Gizmodo“ in den Vereinigten Staaten bereits in der Defensive.

          Die ersten Tage nach der Veröffentlichung beherrschte grenzenlose Empörung den digitalen Raum. Aus dem Google-Campus, wo Damore arbeitete, wurde bekannt, dass einige Mitarbeiterinnen so verunsichert waren, dass sie daheim bleiben mussten. Eine frühere Mitarbeiterin, die sich mit Google juristisch überworfen hatte, prangerte offenen Sexismus an.

          Google : Mitarbeiter nach sexistischem Text entlassen

          Medien schrieben das Memo zum Anti-Diversity-Manifest hoch, obwohl nie an eine Veröffentlichung gedacht war. Die „Süddeutsche Zeitung“ behauptete, Damore hätte Frauen die biologische Befähigung für technologische Berufe abgesprochen. Nina Bovensiepen meinte dort, Damores „antifeministisches Manifest“ sei „rückständig und dumm“ und bekomme Applaus, „weil er die Ängste vieler weißer Männer vor den Veränderungen im Arbeitsumfeld anspricht“. „Spiegel Online“ wollte folgenden Inhalt des Schreibens ausgemacht haben: „Frauen seien aus ,biologischen Gründen‘ weniger geeignet für den Job. Männer hingegen verfügten über ,natürliche Fähigkeiten‘, die sie zu besseren Programmierern machten.“ Und die „Zeit“ fragte: „Treibt die Nerds die Angst vor dem Statusverlust?“ um die Antwort gleich zu liefern: „Manche fürchten um ihre Privilegien.“

          Bei „Gizmodo“ wird nicht argumentiert, sondern gebrüllt: „Bullshit“.
          Bei „Gizmodo“ wird nicht argumentiert, sondern gebrüllt: „Bullshit“. : Bild: Screenshot

          Damit war das Narrativ fixiert: Ein Mann hasst Frauen, hält sie für minderwertig und unfähig für Berufe im Techniksektor, hat Angst um seine Vormachtstellung und sollte gefeuert werden – und viele „weiße Männer“ dächten genauso. Tatsächlich kam der Vorstandschef von Google diesem Wunsch nach. Der Schriftsteller John Scalzi hatte wörtlich gefragt, wann Google den „ignorant sexist shitball“ feuern werde. Google entließ Damore wegen „advancing harmful gender stereotypes“. Damit wurde Damores These eindrucksvoll belegt, dass Andersdenkende bei Google tatsächlich zum Schweigen gebracht werden.

          Erst danach setzte sich langsam die Erkenntnis durch, wer da eigentlich was veröffentlicht hatte: „Gizmodo“ ist wie seine Partnerblogs für schrille und nicht immer saubere Geschichten bekannt. Früher gehörte es zum Blognetzwerk „Gawker“, das 2015 spektakulär scheiterte: „Gawker“ hatte den Investor Peter Thiel als Homosexuellen geoutet und sich mit dem Catcher Hulk Hogan mit der Veröffentlichung pornographischen Materials angelegt. Unterstützt von Thiel, klagte Hogan „Gawker“ und dessen Gründer Nick Denton in die Insolvenz.

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          Die überlebenden Blogs versuchen weiterhin, an der Spitze der progressiven Meinungsbildung zu bleiben. Letztes Jahr fand eine ähnliche Hetzjagd gegen den Sicherheitsexperten und TOR-Mitarbeiter Jacob Appelbaum statt. „Gizmodo“ ließ sich von den drei Hauptanklägern berichten, wie es gelungen sei, Appelbaum ein bereits belästigtes Opfer zu entreißen. Das Portal hätte vielleicht vorher bei der Betroffenen nachfragen sollen. Das angebliche Opfer meldete sich selbst zu Wort und beschuldigte die angeblichen Retter und „Gizmodo“ der Lüge: Sie sei gut befreundet mit Appelbaum, der mit ihr immer respektvoll umgegangen sei. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Appelbaum das Opfer einer gezielten Intrige geworden ist.

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