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Widerstand gegen Datenschnüffelei Seid Sand im Getriebe!

Eine völlig neue ökonomische und soziale Logik bildet sich heraus: Ihr Wesen ist Überwachung. Der Mensch wird als reiner Datenlieferant genutzt und zu vorauseilendem Konformitätsdenken gezwungen. Es ist an der Zeit, der Arroganz des Silicon Valley etwas entgegenzusetzen.

© ddp images Schon vor den jetzt bekannt gewordenen Datenschnüffeleien hielten nur acht Prozent der Amerikaner die sozialen Medien für vertrauenswürdig

Edward Snowden hat den Schleier ein wenig gelüftet, und wir erblicken die jüngste Inkarnation eines uralten Traums: totale Macht durch Allwissenheit. Von An, dem Himmelsgott der Sumerer, den Gipfeln des Olymp, von Jeremy Benthams Panoptikum und der Spitze des Schicksalsbergs über Edgar J. Hoovers FBI bis hin zu den unsichtbaren Wächtern der National Security Agency (NSA) ist dieser Traum von Macht durch grenzenlose Kontrolle der Sirenengesang der Menschheit. Wie Tolkien in den frühen fünfziger Jahren schrieb: „Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“.

Die Deutschen wissen besser als die meisten anderen, dass dieser Traum, wie nahe er der Realität auch gekommen sein mag, nicht von Dauer war. Es liegt an uns allen, dafür zu sorgen, dass er auch diesmal keine Macht über uns gewinnt. Wir müssen politische Antworten finden, also demokratische Kontrolle der Überwachungsmaßnahmen fordern und die Unternehmen dazu bringen, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Und wir müssen öffentlich sagen können, was Recht und was Unrecht ist.

Das Informationspanoptikum

Dass der Traum alt und einflussreich ist, zeigt, dass er kein technisches Produkt ist und nichts mit Computern oder dem Internet zu tun hat. Er zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte, Jahrhundert auf Jahrhundert, und wartet im Verborgenen, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt.

Zehn Jahre, von 1978 bis 1988, habe ich mich mit der Computerisierung der Arbeitswelt beschäftigt, woraus mein erstes Buch „In the Age of the Smart Machine“ entstanden ist. Schon damals wurde mir klar, dass die Informationstechnologie das nächste Vehikel für den Machttraum sein wird. Ich hatte von den Erlebnissen des englischen Ingenieurs und Schiffbauers Samuel Bentham in Russland gelesen und von seinem Panoptikum. Bentham, vom Fürsten Potemkin als Verwalter der südrussischen, einst zum Großherzogtum Litauen gehörenden Provinzen eingesetzt, überlegte sich, wie sich die Produktivität von Fabriken erhöhen ließe, in denen Leibeigene aus den eroberten Territorien arbeiten mussten und Dutzende von Sprachen gesprochen wurden. Seine Lösung war ein polygonaler Bau mit einem zentralen Beobachtungsturm, von dem aus ein paar Kontrolleure viele Arbeiter beaufsichtigen konnten, ohne selbst gesehen zu werden.

Für seinen Bruder, den Philosophen und Sozialreformer Jeremy Bentham, war das eine hervorragende Methode, auch in Gefängnissen, Irrenanstalten, Hospitälern, Schulen und Armenhäusern für Ordnung und Disziplin zu sorgen. Das angestrebte Verhalten glaubte er durch permanente Beobachtung der Insassen erreichen zu können. Da sie nie wussten, ob sie gerade beobachtet würden, verhielten sie sich so, als stünden sie unter permanenter Aufsicht. Sie verinnerlichten ihren Status als beobachtete Objekte.

In den Fabriken und Büros, in denen ich Mitte der achtziger Jahre meine Studien betrieb, wurde überall mit Computersystemen gearbeitet, die dazu dienten, die Effizienz zu steigern, die Arbeitsprozesse zu steuern, die Kommunikation und innerbetriebliche Organisation zu verbessern. Die Aufseher, Manager und Chefs, die sich der neuen Kontroll- und Disziplinierungstechniken bedienten, fielen dem alten Traum anheim. Ich sah, genau wie Foucault, die phantasievolle Macht des Panoptikums am Werk, eine stumme Macht, die jedermanns Denken beeinflusste und das Verhalten quasi vorbewusst bestimmte. Ein Arbeiter sagte mir: „Wir wissen, dass wir durch irgendetwas genau beobachtet werden, deshalb klotzen wir noch mehr ran“, während die Manager von Wandbildschirmen schwärmten, auf denen noch der kleinste Arbeitsschritt detailliert dargestellt wurde. „Per Tastendruck kann ich mir alle Daten besorgen, die ich benötige.“

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Veröffentlicht: 25.06.2013, 09:01 Uhr

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