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Mindestalter für Whatsapp : Facebooks doppeltes Spiel mit Teenagern

Schnief: Wer heute noch in der EU seine Emojis und anderes über Whatsapp verschicken möchte, muss mindestens sechzehn Jahre alt sein. Eigentlich. Bild: dpa

Anders als bei Facebook selbst hat der Konzern bei Whatsapp das Mindestalter erhöht, um keine Verantwortung für den Datenschutz von Jugendlichen zu tragen. Ein zynisches Kalkül.

          Es ist nicht etwa so, dass Whatsapp die Eltern im Stich ließe. Die auch unter Kindern und Jugendlichen populärste aller Messenger-Apps hatte ihre Nutzer schon einen Monat vor Inkrafttreten der neuen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) Ende Mai auf Veränderungen vorbereitet – und kurzerhand das Mindestalter für die Nutzung in der EU auf sechzehn Jahre heraufgesetzt. Whatsapp wird nicht nur von 97 Prozent der bei der aktuellen Mediennutzungsstudie Jim 2017 befragten sechzehn bis neunzehn Jahre alten Teenager täglich oder zumindest mehrmals pro Woche genutzt, sondern auch von 95 Prozent der vierzehn bis fünfzehn und von 85 Prozent der zwölf bis dreizehn Jahre alten Jugendlichen. Die müssten nun leider draußen bleiben – aus ihrem mit Abstand beliebtesten Kommunikationskanal, über den sich nicht allein jugendliche Freunde bevorzugt austauschen, sondern auch Familien, Sportvereine und Schulklassen.

          Die Schwelle, die es zu überwinden gilt, um den Messenger weiterhin zu nutzen, ist denkbar niedrig. Wer mit elf in einen Film ab zwölf Jahren will, muss immerhin auf Zehenspitzen an der Kinokasse stehen. Wer mit fünfzehn am Kiosk ein Bier kaufen möchte, muss markant gucken und das Glück haben, dass die Frage nach einem Altersnachweis dem leichtgläubigen Verkäufer unsinnig erscheint. Bei Whatsapp reicht ein Tippen auf den Smartphone-Bildschirm, schon hat der Nutzer bestätigt, dass er mindestens sechzehn Jahre alt ist. Einzelne Jugendliche, berichtet Beate Kremser vom medienpädagogischen Jugendtreff „Infocafé“ in Neu-Isenburg, hätten sich zwar gesorgt, ihr Whatsapp-Konto könnte gelöscht werden. Der Großteil der Nutzer allerdings hat lediglich die Schultern gezuckt und sich über eine Restriktion hinweggesetzt, deren Kontrolle einzig bei den Eltern liegt.

          Die müssen ihren unter sechzehn Jahre alten Kindern jetzt nicht etwa das Smartphone entwinden, um das Whatsapp-Konto und die App zu löschen. Sie können ihr Kind auch beim Unternehmen anzeigen, unter der eigens eingerichteten Adresse agereport@support.whatsapp.com. Alles, was verlangt wird, ist ein Eigentumsnachweis für die Mobilfunknummer, mit der das Whatsapp-Konto verbunden ist, dazu eine Kopie der Geburts- oder Adoptionsbescheinigung zum Nachweis der elterlichen Gewalt. „Wir werden den Whatsapp Account sofort deaktivieren, wenn es vernünftigerweise nachweisbar ist, dass das Konto deinem minderjährigen Kind gehört“, verspricht Whatsapp und stellt gleich klar: „Du erhältst keine Bestätigung dieses Vorgangs.“

          Nicht mehr als eine Werbekampagne

          Was unter den frequently asked questions bei Whatsapp wie ein Routinevorgang erscheinen soll, wirkt im familiären Zusammenleben beschämend, belastend und absurd. Wie groß mag die Zahl der Familien sein, in denen die neue Vorgabe und ihr Bruch von allen stillschweigend übergangen wird? „Eine Situation, in der eigentlich allen – nicht nur Facebook als Mutterkonzern von Whatsapp, sondern auch Bildungseinrichtungen und der Politik – klar ist, dass Kinder hier nicht die Wahrheit sagen, ist gesellschaftlich keine gute Situation“, hält Friederike Siller vom Institut für Medienforschung und Medienpädagogik der TH Köln fest. „Facebook ist damit formaljuristisch vermutlich zunächst aus dem Schneider und hat die Verantwortung erfolgreich den Eltern überschrieben.“ Die würden sich im Bereich der Medienerziehung ohnedies weitgehend alleingelassen fühlen. „Solange sie keine nennenswerte Unterstützung seitens der Schule, der Politik oder auch der Landesdatenschutzbeauftragten erhalten, finde ich diese Verantwortungsübergabe an das private Feld der Familien für uns alle sehr bedenklich.“

          Peter Holnick, Leiter des Instituts für Medienpädagogik und Kommunikation in Darmstadt, beschreibt die Datenschutzgrundverordnung als Versuch, „dem Raubrittertum von Facebook & Co. einen Riegel vorzuschieben“. In der Anhebung des Mindestalters sieht er allerdings allenfalls eine Werbekampagne für Whatsapp: „Wenn ein anderer Messenger seine Bestimmungen ändern würde, käme das nicht in der ,Tagesschau‘.“

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