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Westsahara Weiß Mohamed um die Opfer?

 ·  In Spanien herrscht breite Solidarität mit den Autonomiebestrebungen der Westsahara, die von Marokko brutal erstickt werden. Doch die spanische Regierung schweigt. Was wirklich geschieht, gelangt auf Umwegen in die Medien.

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Es ist rührend, das Foto des kleinen Mohamed am Strand von Asturien zu sehen. In Spaniens Norden hat er im Juli und August bei einer spanischen Gastfamilie Ferien gemacht. Mohamed in Badehose! Wir lernten den Achtjährigen und seine älteren Geschwister im vergangenen April in der algerischen Wüste kennen, in einem Flüchtlingslager für fünf- bis zehntausend Bewohner der Westsahara, die vor fünfunddreißig Jahren von der marokkanischen Armee vertrieben wurden und seitdem inmitten des heißesten Nichts ihr Leben fristen, ohne Arbeit, ohne Hoffnung, notdürftig versorgt durch Lebensmittellieferungen der Vereinten Nationen. Kinder stecken so eine deprimierende Situation erstaunlich leicht weg; die Jugendlichen des Lagers Dakhla leben in erschütternder Armut, doch sie wirken neugierig und unternehmungslustig. Mohamed hatte die besondere Gabe, inmitten des dichtesten Gewühls aufzutauchen und gleich wieder zu verschwinden, nur um ein paar Minuten später abermals neben einem aus dem sandigen Boden zu wachsen.

Weiß das Kind, was in den letzten Tagen in dem spontan errichteten Lager bei Al Aaiun geschehen ist, auf dem sogenannten besetzten Territorium, der alten Heimat der Saharauis? Am Morgen des 8. November machte die marokkanische Armee das Camp friedlich Protestierender dem Erdboden gleich und brannte alle Zelte nieder. Mit Schlagstöcken und Tränengas wurden die rund zwanzigtausend Menschen vertrieben. Inzwischen hat der schärfste Protest gegen die marokkanische Unterdrückungs- und Zermürbungspolitik seit dem Tod Francos auf beiden Seiten mehr als zwanzig Tote gefordert, und das Wort von einer möglichen Intifada der saharauischen Jugend macht die Runde. Auch Mohamed ist einer von denen, die in eine völlig verdüsterte Zukunft hineinwachsen, sein älterer Bruder könnte schon bald Steine werfen wollen, und mit den verbrieften Rechten einer durch Gesetze und Mama Vereinte Nationen geordneten Welt sollte man ihm lieber nicht kommen: Mohamed ist kein Dummkopf. Die Westsahara ist der lebendige Beweis dafür, dass die Beschlüsse der Vereinten Nationen keinen Pfifferling wert sind, wenn es den beteiligten Ländern nicht in den Kram passt.

Völkerrechtlich gesehen, ist Spanien immer noch Verwalterin seiner ehemaligen Kolonie Westsahara, die es nach dem Ende der Diktatur in die Unabhängigkeit entlassen wollte, vor den Gebietsansprüchen Marokkos aber nicht schützen konnte. Zwar liegen der „Grüne Marsch“ und der folgende Krieg zwischen Marokko und der Polisario-Front schon lange zurück, doch seit dem Waffenstillstand von 1991 und einem UN-Beschluss zu einem Referendum unter der saharauischen Bevölkerung ist nichts Wesentliches mehr geschehen. Marokko hält den größeren Westteil des Westsahara-Gebiets besetzt, unterstützt von Frankreich und unbehelligt von Spanien. In Ruhe beutet es Phosphatvorkommen und Fischgründe aus, behindert jede Autonomiebestrebung und knüppelt die freie Meinungsäußerung nieder, während der kleinere Streifen im Osten von der Polisario-Front kontrolliert wird. Zwischen den beiden Zonen verläuft eine 2700 Kilometer lange Mauer, in deren Ausstattung und Bewachung Marokko ein paar Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verpulvert. Der Rest der Sarahaui-Bevölkerung hockt weit entfernt in den algerischen Lagern.

Für Völker wie die Westsahara war einmal der Entkolonisierungsausschuss der Vereinten Nationen gedacht. 1961 gegründet, wollte er die Welt von den letzten Resten kolonialer Herrschaft befreien und allen Völkern zu ihrem „Recht auf Selbstbestimmung“ verhelfen. Heute darf sich die Westsahara die letzte Kolonie auf afrikanischem Boden nennen.

Es ist diese historische Ungerechtigkeit, die unter der spanischen Bevölkerung zu einer beeindruckenden Solidaritätsbewegung geführt hat. Sie definiert sich weniger politisch als moralisch, und sie kümmert sich um das Notwendige: Hilfe zu leisten, wo es geht. Sahara-Freundschaftsverbände gibt es im ganzen Land. Mohamed zum Beispiel ist eines von mehreren tausend saharauischen Kindern, die jeden Sommer für zwei Monate nach Spanien kommen, um die Sprache zu lernen, in einem Bett zu schlafen, medizinische Versorgung zu erhalten und etwas anderes als das Lager zu erleben. Mohameds Gastvater, Antonio Moreno, hat zwanzig Jahre in Marokko gelebt, die arabische Welt ist ihm vertraut. Schon heute bedauert er, dass Mohameds Besuche bald vorbei sein werden: Zwölfjährige werden nicht mehr nach Spanien gelassen.

Marokkanische Informationsblockade

Um an den ungelösten Konflikt zu erinnern, richten spanische Aktivisten jedes Frühjahr in einem saharauischen Flüchtlingslager ein Filmfestival aus. Fast alle wichtigen Schauspieler und Regisseure waren schon da, und vor einem halben Jahr brachte der Schauspieler und Oscar-Preisträger Javier Bardem persönlich 230.000 Unterschriften in den Moncloa-Palast von Madrid - Stimmen des Protests unter anderen von Pedro Almodóvar, Penélope Cruz und Joan Manuel Serrat gegen die offizielle spanische Indifferenz. „Wir kennen doch die Situation“, sagte Bardem. „Jeder, der einmal in den Lagern war, weiß, wie die Menschen dort leben.“ Leider ist ebenso klar, dass die spanische Regierung froh ist, wenn das dornige Thema ruht und im Gegenzug nicht der Streit um die spanischen Exklaven in Nordafrika, Ceuta und Melilla, wieder angefacht wird.

Der gegenwärtige Konflikt hat eine neue Medienerfahrung hervorgebracht, insofern ist garantiert, dass er nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Dass Fernsehjournalisten ausländischer Medien für jeden Bericht außerhalb Rabats eine eigene Drehgenehmigung benötigen und diese in kritischen Fällen nicht erteilt wird, ist zwar seit Juli üblich. Neu war aber, was spanischen Kollegen widerfuhr, als sie Ende Oktober über einen von der marokkanischen Polizei erschossenen vierzehnjährigen Saharaui informieren wollten und in Casablanca ihren Flug in die algerische Provinzstadt Tindouf behördlicherseits gestrichen fanden.

Solche Manöver sorgen natürlich dafür, das Interesse der geknebelten Medien zu erhöhen. Die spanischen Nachrichtensendungen stellen in diesen Tagen Beiträge zusammen, die das Urteil der Korrespondenten durch das Zeugnis der Aktivisten ersetzen. Da keine Journalisten in die Nähe des Lagers vorgelassen werden und selbst ein spanischer Europaabgeordneter am Verlassen des Flugzeugs gehindert wurde, bleiben als Quellen nur spanische Freiwillige, die zusammen mit den rund zwanzigtausend Saharauis ausgeharrt hatten und sich nach der Zerstörung der Zelte Unterschlupf in Al Aaiun gesucht haben. Die Berichte dieser jungen Leute - Isabel Terraza etwa, Silvia García oder Javier Sopeña - werden in Mails herumgeschickt, gelangen in die Tageszeitungen oder stehen als Filmclip und Nachrichtenschnipsel auf Youtube. Irgendwann werden wir auf krummen Wegen erfahren, ob diese klandestinen Berichterstatter mit heiler Haut davongekommen sind.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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