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Werner Hohenberger im F.A.Z.-Interview Seriöse Naturheilverfahren werden salonfähig

01.03.2011 ·  Können Heilkräuter und Yoga die Krebstherapie bereichern, wie es die beiden Essener Ärzte Gustav Dobos und Sherko Kümmel in ihrem neuen Buch gefordert haben? Durchaus, meint Werner Hohenberger, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft.

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Vergangene Woche ist das Buch „Gemeinsam gegen Krebs“ von Dobos und Kümmel erschienen (siehe Auf geht's: Naturheilkunde in der Krebsmedizin), in dem ein Umdenken gefordert wird. Ist die Zeit tatsächlich reif, die Naturheilkunde mit der Schulmedizin zu verknüpfen?

Angefangen hat das mit dem Begriff alternative Medizin. Womit damals assoziiert wurde, dass es zu der eingreifenden Schulmedizin eine schonende Alternative mit dem gleichen Ergebnis gibt - was so nicht stimmt. Natürlich steckt dahinter die verständliche Hoffnung vieler Krebspatienten, ihre Heilungschancen zu verbessern. Das Ganze hat dann eine eigene Dynamik bekommen. Inzwischen gibt es die Bezeichnung Komplementäre Medizin, die wir auch akzeptieren. Die Komplementärmedizin ist zwar bei Wissenschaftlern immer auch mit dem Mantel der Unseriosität, des nicht Fassbaren bedeckt worden. Es ist aber nun mal so, dass die Menschen derartiges nehmen, von Selen bis Mistelextrakt. Der nächste Schritt muss jetzt sein, diese Entwicklung bewusst aufzugreifen.

Sie sind da erstaunlich offen. Ist das auch die Haltung Ihrer Gesellschaft?

Wir haben das Thema vor gut vier Jahren in einem Arbeitskreis aufgegriffen. Im vergangenen Jahr ist dieser zu einer onkologischen Arbeitsgemeinschaft aufgewertet worden. Sie heißt präventive und integrative Onkologie. Also genau die Idee der Essener Kollegen. Auch unser Ziel ist es, Komplementär- plus Schulmedizin salonfähig zu machen.

Was spricht dagegen, die Naturheilkunde noch konsequenter zu fördern?

Bestimmte Substanzen aus der komplementären Medizin sind nicht immer harmlos. Es gibt viele Interaktionen mit den üblichen onkologischen Mitteln, und das kann zu erheblichen Nebenwirkungen führen. Das muss abgesichert werden.

Sind da nicht vor allem die Tumorzentren gefordert, die nötigen Studien voranzutreiben und Naturheilverfahren zu etablieren?

Das geht sicher. In Frankfurt geschieht das schon. Eine solche Entwicklung haben ja auch andere inzwischen etablierte Disziplinen tatsächlich durchgemacht. Es braucht immer jemand, der das aufgreift und zumindest einen Stiftungslehrstuhl einrichtet, so dass das systematisch und auch wissenschaftlich erarbeitet wird. So war das mit der Palliativmedizin, die in Köln aufgebaut worden ist. Sie hat sich inzwischen flächendeckend etabliert. Man muss nur darauf achten, dass das nicht zu reißerisch aufgezogen wird. Das war immer ein Problem aus der Ecke der Alternativmedizin. Wir müssen die Scharlatane früh aussortieren.

Und wie wollen Sie die Quacksalber ausschalten? Es spricht sich doch immer extrem schnell herum, wenn vermeintliche Wunderheilungen publik werden?

Klar. Das ist ja auch plausibel. Wenn einem klar wird, dass es zu Ende gehen könnte, greift man nach jedem Strohhalm. Da werden mit der Not der Menschen unseriöse Geschäfte gemacht. Deshalb gilt: ernsthaft prüfen und den Patienten seriöse Alternativen bieten.

Wann beginnt man, solche Alternativen systematisch auf Sicherheit und Wirksamkeit zu prüfen, wie es notwendig ist?

Das wird sicher dauern.

Wäre es nicht ein erster Schritt, in Studien mit neuen Therapien neben dem Vergleich zum Plazebo künftig jeweils auch einen Behandlungsarm mit komplementären Verfahren einzuführen?

Wir hatten schon einmal darüber nachgedacht. Das Projekt ist damals leider an der Finanzierung gescheitert. Grundsätzlich ist das denkbar, wir dürfen dann nur nicht eine effektive Therapie zugunsten einer Komplementärtherapie weglassen.

Sie könnten doch als die wissenschaftliche Fachgesellschaft eine Art Clearingstelle einrichten, um den Patienten seriös zu sagen, was gut ist und was schlecht?

Darüber sollten wir ernsthaft nachdenken. Wir hätten die Chance, dass wir Komplementärverfahren in unseren onkologischen Zentren aufnehmen und auf ihre Seriosität hin prüfen.

In Amerika hat die integrative Onkologie seit Jahren einen festen Stand und wird großzügig gefördert. In Deutschland gibt es bisher kaum Geld für Studien. Muss sich das nicht schnell ändern?

Jetzt einfach Geld übers Land zu streuen, hätte keinen Sinn. In der Krebshilfe haben wir für die Mittelvergabe immer nach der Qualität des Antrags entschieden. Wir müssen gezielt Programme auflegen und Strukturen schaffen. Wenn die Qualität gesichert ist, wird die Stiftung sicher aufgeschlossen sein.

Selbst wenn Geld fließt, wo wollen Sie das ausgebildete Personal hernehmen?

Man fängt immer mit Inseln an. So wie in der Palliativmedizin in Köln. Das geht nicht über Nacht.

Sie rechnen also auf lange Sicht mit Naturheilverfahren in der Krebsmedizin?

Sie bekommt einen Stellenwert. Wir müssen uns dem Ganzen annehmen. Es ist ja insgesamt auch eine europäische Entwicklung. Die wird sich fortsetzen.

Wenn sich so viele Menschen Naturheilmittel wünschen, muss die konventionelle Krebsmedizin ja etwas falsch machen.

Das Problem ist, dass die Krebsmedizin immer komplexer und spezialisierter wird. Wir müssen darauf achten, dass die Therapie nicht zu komplex wird und keine Behandlung länger als sechs Monate dauert. Es ist unzumutbar, dass ein Patient länger an Lebensqualität einbüßt und aus seinem Beruf herauskatapultiert wird. In manchen Behandlungen müssen wir uns da wieder etwas zurücknehmen.

Fehlt es nicht genauso oft auch an Zuwendung von den Ärzten?

Natürlich ist unser Zeitpensum in den onkologischen Zentren begrenzt. Wir versuchen, unsere Fähigkeiten möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen. Das führt dann dazu, dass sich der einzelne Patient nicht ausreichend beachtet fühlt. Und auch zeitlich zu kurz kommt. Das werden die Ärzte in Zukunft mit noch mehr Krebspatienten alleine nicht schaffen. Deshalb setze ich viel auf die Selbsthilfegruppen - auf Hilfe zur Selbsthilfe. Die Gruppen haben noch gar nicht realisiert, was sie da tun können. Wir müssen zudem früh herausfinden, welche Patienten eine besonders intensive Zuwendung benötigen, und tatsächlich findet die Psychoonkologie inzwischen schon an vielen Zentren Eingang in den Klinikalltag.

Diese Möglichkeiten gibt es doch aber nur in den großen Zentren?

Ich meine, bis ins Jahr 2020 muss jeder Patient in einem zertifizierten Zentrum behandelt werden. Und da dort Psychoonkologen sein müssen, wird das Problem strukturell auch gelöst.

Seit diesem Wochenende sind verschiedene Methoden der integrativen Onkologie Teil der Behandlungsleitlinien für Brustkrebs. Sollte man sich nicht auch in dieser Hinsicht weitere Ziele setzen?

Sie haben da sicher etwas angestoßen. Wenn sich die Öffentlichkeit dafür interessiert, muss man vielleicht noch ernsthafter darüber nachdenken und sich noch stärker auf die Bewegung, die wir schon begonnen haben, fokussieren.

Und wie stehen die Krebsspezialisten dazu? Sind die alten Feindbilder schon genug aus den Köpfen?

Von mir aus, ja. Die Frage muss für uns alle heißen: Wie helfe ich dem Patienten. Manchmal helfe ich ihm eben besser, wenn ich ihn nicht operiere.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

Quelle: F.A.Z.
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