Burma erlebt eine zweifache Katastrophe. Die erste, der Tropensturm Nargis, hat - nach Angaben des Regimes - 77.000 Menschen das Leben gekostet, rund 55.000 werden vermisst. Die Vereinten Nationen gehen von sehr viel höheren Opferzahlen aus. Die zweite, die Weigerung der Junta, humanitäre Hilfe ins Land zu lassen, bedroht das Leben von bis zu 750.000 Menschen. Ein drittes Dilemma tritt hinzu - eine moralisch-politische Provokation wie sie Alice Schwarzer formuliert und wir sie zur Debatte gestellt haben (siehe Alice Schwarzer über die Erneuerung Burmas nach dem Wirbelsturm). Sie reizt nicht nur notorische Gegner der Feministin zum Widerspruch.
Die Provokation besteht darin, dass man den eigenen Werten, der Rede von Freiheit und Demokratie, nicht mehr traut, schon gar nicht als Exportartikel, und deshalb selbst den Versuch blanker Nothilfe diskreditiert. Die hehren Versprechungen des Westens sind - wer wollte widersprechen - häufig genug Fassade gewesen, hinter der sich Machtinteressen verbergen, die ganze Völker ins Verderben führen können. Doch soll das allen Ernstes als Argument dafür herhalten, das Technische Hilfswerk daran zu hindern, im Irrawaddy-Delta Wasseraufbereitungsanlagen aufzustellen? Und Hilfsorganisationen, die reine humanitäre Hilfe leisten, von den Notleidenden fernzuhalten? Und jede freie Berichterstattung zu unterbinden?
Intellektueller Kotau
Das bedeutet nichts anderes als den intellektuellen Kotau vor einem Regime, dessen Fassade eines „asiatischen Sozialismus“ von ganz anderer Fadenscheinigkeit ist als die Menschenrechtsappelle von westlichen Politikern, deren Länder wie Großbritannien Burmas Kolonialherren waren. Es ist schon wahr, Burma braucht keine falschen Freunde, keine Organisationen, die Reis verteilen und in Wahrheit CIA spielen. Aber es braucht schon gar keine Freunde, welche die potemkinschen Dörfer, die das Regime für die Touristen insbesondere im sagenhaften Tempelbezirk von Bagan errichtet hat, für biedermeierliche Beschaulichkeit halten, die uns in all der pittoresken Armut das wahre, ursprüngliche Gesicht Asiens zeigt, das vor dem Zugriff des Westens zu bewahren sei.
Wer sich daran klammert, ist der Freund eines Burmas, das es nicht gibt, nicht aber der Burmesen, die unter der Knute eines absurden Regimes leben, das sich mit Gewalt so lange halten wird, wie es von den nächsten falschen Freunden Burmas, den Chinesen, gestützt wird. In ihrer direkten Nachbarschaft finden die Burmesen am allerwenigsten wahre Freunde, weder in China noch in Indien. Für beide ist Burma eine politische Pufferzone und ein Rohstoffreservoir, das man im Verein mit dem korrupten Regime ausbeuten kann. Speziell die Chinesen und Burmas Junta sind partner in crime, Bündnispartner bei einem Verbrechen, das sich gegen die Burmesen richtet.
Weltabgewandte Clique
Dieses Regime ist auch nicht ironiefähig. Es leidet unter Verfolgungswahn, fühlt sich verfolgt von den dunklen Mächten des Westens, die angeblich das Land von See her angreifen wollen, genauso wie vor der eigenen Bevölkerung, weshalb die Herren Secretary One, Two and Three sich vor zwei Jahren mit ihrem Regierungsapparat aus der Hauptstadt Rangun in ein Kaff im Landesinneren verdrückt haben. Ihre Soldaten haben sie zurückgelassen, die im Spätherbst des vergangenen Jahres den nach 1989 zweiten großen Volksaufstand niedergeschlagen haben.
Im Umgang mit dieser weltabgewandten Clique versagen alle ideologischen Debatten; sie ist nichts links, nicht rechts, sie ist unfähig, korrupt und gewalttätig. Sie hat die Menschen mit dem Militärputsch von 1962 um ihren eigenen demokratischen Aufbruch betrogen und dies 1989 wiederholt. Man darf nicht annehmen, dass sich die Militärs bei den nächsten, für 2010 ausgerufenen Wahlen, anders verhalten als in der Vergangenheit. Ein paar tausend Opfer des Tropensturms Nargis nehmen sie billigend in Kauf, denn je weniger Volk, desto weniger Opposition gibt es in Burma.
Was die Militärs fürchten
Wem das übertrieben scheint, der sollte in dem Buch „From the Land of Green Ghosts“ des geflüchteten Dissidenten Pascal Kho Twe nachlesen, zu welcher Barbarei das Regime fähig ist. Doch man braucht Burma nicht einmal mit diesem Wissen im Hinterkopf für ein paar Tage zu bereisen, um zu begreifen, was hier alles nicht stimmt.
Wenn die Börne-Preisträgerin Alice Schwarzer, der man ein Verständnis für Menschenrechtsfragen nicht absprechen will, die These vertritt, es gelte Burma vor einer „politischen Katastrophe“ zu bewahren, nämlich der, von westlicher Machtpolitik überrollt zu werden, verkennt sie, dass man die Burmesen mit eben dieser Haltung genauso bevormundet, wie dies zuvor die Kolonialmächte getan haben. Die politische Katastrophe ist längst da: Die Junta ist nicht das kleinere, sie ist das größtmögliche Übel. Gegen sie tritt jeder an, der humanitäre Hilfe leistet und dann wieder abzieht. Nichts fürchten die Militärs mehr.
Danke, Herr Hanfeld -- Junta ist eine Plage!
Cao Ky (Caoky60)
- 02.06.2008, 23:32 Uhr
Danke, Herr Hanfeld
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 02.06.2008, 23:32 Uhr
Burma/Hanfeld/Schwarzer
Hans J. Gotta (Born_42)
- 03.06.2008, 00:27 Uhr
solider Beitrag aber ...
Emmanuel Declerq (Declerq)
- 03.06.2008, 01:44 Uhr
Alice Schwarzer's Artikel Myanmar
Bert Morsbach (Bert.Morsbach)
- 03.06.2008, 08:52 Uhr