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Aleppo als Signal : Haben wir versagt?

Aleppo im Dezember 2016 Bild: Reuters

Die Tragödie von Aleppo hat auch Folgen für jene, die nur zugesehen haben. Denn ein Engagement für die eingeschlossenen Menschen wäre nicht nur ein Signal nach Syrien gewesen – sondern auch eine Selbstvergewisserung der westlichen Gesellschaft.

          Das Versagen der westlichen Welt werden die Menschen in Syrien nicht vergessen. Die Folgen haben sich in ihre Seelen und Körper eingeschrieben. Die politische Opposition gegen Assad, die vor fünf Jahren mit Ideen wie Freiheit und Demokratie angetreten war, sieht sich von ihren internationalen Unterstützern verraten, genauso die Zivilisten. Dass die Enttäuschung bei einigen in Wut umschlägt, das war am Ende dieser Woche in den sozialen Medien in den Postings aus Aleppo ablesbar.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Schon nach den Anschlägen von Paris war von einer „Generation Syrien“ die Rede gewesen; von jungen Männern, deren Frustration über die Indifferenz der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem Krieg in Syrien Anlass für ein Abgleiten in den Extremismus sein könnte, der womöglich irgendwann auch Europa erreicht. Mit dem Fall von Aleppo ist dieses Risiko nicht geringer geworden. Ein Eintreten für Aleppo wäre in diesem Sinn auch eines für die eigene Sicherheit gewesen. Gleichzeitig wäre es ein Kampf gewesen um die Durchsetzung eigener Werte und ein Signal, dass ein Menschenleben in Syrien genauso viel bedeutet wie ein Menschenleben hier. Man hätte ein Zeichen setzen können - dort, aber auch hier. Denn auch in Europa gibt es mittlerweile eine „Generation Syrien“, die, wenn auch aus anderen Gründen, nicht weniger beunruhigend für die gesellschaftliche Entwicklung ist.

          Kollektive Betroffenheit aus Emoticons und Likes

          Die Generation Syrien, von der hier die Rede sein soll, das sind Politiker und Nicht-Politiker, die in Sicherheit und relativem Wohlstand leben. Erst jetzt, da es zu spät ist, bekundet sie angesichts der Tragödie von Aleppo Entsetzen. Warum fanden sich nicht schon früher Menschen zusammen, um wenigstens Solidarität und Mitgefühl zu zeigen? Die Botschaft hätte die Eingeschlossenen erreicht. Die Generation Syrien hörte ihre Hilferufe, bezog aber keine Stellung. Anders als bei der genozidären Gewalt in Ruanda und Srebrenica, bei der die Weltgemeinschaft ebenfalls versagte und an die nun gerne erinnert wird, konnte man das Sterben in Aleppo in Echtzeit auf Youtube, Twitter und Whatsapp mitverfolgen: Oppositionelle Syrer dokumentierten die Bombardierung von Krankenhäusern und Schulen, den Einsatz von Giftgas und Fassbomben und ihr Warten auf den Tod. Sie erzählten etwa von Kindern, die einem russischen Luftangriff zum Opfer fielen, von der Bombardierung des Beerdigungszugs durch syrische Kampfjets und wie dann auch noch die Helfer bei der Bergung der Verwundeten bombardiert wurden - allein im September und Oktober dieses Jahres sind 400 Zivilisten getötet worden, darunter 90 Kinder.

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