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Trumps Triumph in Frankreich : Ist das der Sieg der schreienden Opas?

Freut sich mit Donald Trump: Die Vorsitzende des Front National, Marine Le Pen Bild: dpa

Was Donald Trumps Triumph für die Wahl in Frankreich bedeutet: Die Linke ist angeekelt, aber fest in ihrem Urteil. Konservative tun sich schwer mit der Deutung. Nur eine ist restlos begeistert.

          Es ist viel von Revanche die Rede in diesen Tagen. Eine arrogantere Wählerbeschimpfung wie diese aber hat man selten gelesen: Nicht die Demokratie habe gewonnen, sondern die Demagogie. Nicht das Volk, sondern der - völkische - Populismus. Es sei ein Sieg der „Fremdenfeindlichkeit, des Hasses auf die Einwanderer und der Obsession des Feindes im Innern“. Mehr noch: Auch den „stinkendsten Souveränismus und dümmsten Nationalismus“ hatte Bernard-Henri Lévy im Brexit ausgemacht. Er stilisierte ihn zur „Revanche jener, die es nicht ertrugen, dass Obama, Hollande und Merkel ihre Meinung äußerten“, die auch seiner eigenen entsprach. Der Sieg des „verschimmelten Englands“ gegen das „weltoffene“ ließ BHL zum schlechten Verlierer werden. „Merkwürdige Niederlage“ in London überschrieb er seinen Wutausbruch in „Le Monde“. Als solche hatte Marc Bloch den unerwarteten Zusammenbruch Frankreichs im Jahr 1940 bezeichnet.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Donald Trumps Wahl hielt Bernard-Henri Lévy für genauso undenkbar. In der Überzeugung, dass Hillary Clinton gewinnen werde, sei er zu Bett gegangen, erklärte er am Tag danach im Fernsehen: „Es ist die Revanche jener, die es nicht ertrugen, von einem Schwarzen regiert zu werden. Es ist die Niederlage der Minderheiten, der Frauen und jener, die denken, dass Putin kein Freund Amerikas ist.“

          Der antitotalitäre Imperativ

          Bernard-Henri Lévy gehörte zu den „Neuen Philosophen“, die sich in den siebziger Jahren vom Marxismus und Kommunismus abwandten und zum Antitotalitarismus bekehrten. Sie prägten das politische Klima und leisteten einen wichtigen Beitrag zur Überwindung des französischen Antiamerikanismus. Die Neuen Philosophen erhoben die Pflicht zum militärischen Eingreifen gegen Diktatoren zum moralischen Imperativ. Nach dem 11. September waren sie Feuer und Flamme für den Einmarsch in Afghanistan. Auch den Krieg im Irak unterstützten sie. Saddam Hussein erschien ihnen als Wiedergänger Hitlers, der „Islamfaschismus“ als neuer Totalitarismus. Die Allianz mit George Bush trug ihnen das Etikett „Neocons“ ein. Der Schriftsteller Pascal Bruckner bezeichnet diese Unterstützung inzwischen als Irrtum.

          Ein letztes Mal wurde dem antitotalitären Imperativ des militärischen Einschreitens in Libyen gegen Gaddafi gehuldigt. Es war der Krieg, den Bernard-Henri Lévy für sich als Anstifter in Anspruch nimmt und zu dem er Sarkozy und die damalige amerikanische Außenministerin Hillary Clinton bewegen konnte. Am Schauplatz drehte er einen Film, als sei er André Malraux im Spanischen Bürgerkrieg. Hillary Clinton versprach Kontinuität beim Anspruch der weltweiten Verbreitung der Demokratie mit Waffengewalt. Aus diesem Grund sind bekanntlich republikanische Neokonservative wie Robert Kagan vom Isolationisten Trump abgerückt und haben sich im Wahlkampf für die Demokratin ausgesprochen.

          Neues Mitglied im „Testosteron-Club“

          Seit den Attentaten in Paris stehen die französischen Falken im Gegenwind. In Syrien hat sich ihr manichäisches Konzept als untauglich erwiesen. Der Schriftsteller Michel Houellebecq wie der Philosoph Michel Onfray haben die Anschläge als Revanche - und Rache - für die Bomben auf arabische Länder gedeutet. Als „vom Terrorismus infiziert“ wähnte Donald Trump das Land, dessen Bürgern er „extreme Kontrollen“ bei der Einreise in die Vereinigten Staaten androhte. Nach dem Anschlag in Nizza twitterte er: „Frankreich ist nicht mehr Frankreich.“

          Und Amerika ist mit Trump nicht mehr jenes, „das wir lieben“, schreibt Pascal Bruckner. Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten ist für ihn ein „triebgesteuerter narzisstischer Nero“, das neuste Mitglied im „Testosteron-Club“, dem Putin, Erdogan, Orbán und Netanjahu angehören. Das Volk habe sich in seine Minderheiten aufgelöst, schreibt Bruckner. Man definiere sich über Herkunft und Zugehörigkeit, Glauben und sexuelle Orientierung. Die „Identitätspolitik“ habe die Sozialpolitik abgelöst. „Das Völkische tritt an die Stelle des Sozialen, die Ethik ersetzt die Politik“, statt Klassenkampf gebe es Rassenkampf, das Gedenken verdränge die Geschichte. Die einzige unsichtbare Minderheit seien inzwischen die „WASP“, die weißen angloamerikanischen Protestanten. Von Pascal Bruckner bis Guy Sorman, dem amerikanischsten aller französischen Intellektuellen, reden alle von der „Revanche des weißen Mannes“.

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