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Kommentar : Was Sondierung und Ehetherapie gemeinsam haben

Noch ist Zeit zu gehen: Der SPD-Bundesvorsitzende Martin Schulz verlässt das Büro von Kanzlerin Angela Merkel. Bild: dpa

Wissen Sie auf Anhieb, ob dieser Tage die Sondierungs- oder die Koalitionsgespräche beginnen? So viel die Beratungen von Union und SPD auch mit einer Ehetherapie gemeinsam haben: Einen Unterschied gibt es doch.

          Dieses Jahr ist, im sehr Wesentlichen, noch ergebnisoffen. Zwar weiß man schon, wie die ersten zwei Tage verlaufen sind, aber über dem dritten hat sich der Nebel der Ungewissheit noch nicht ganz gelichtet, der Rest liegt eh noch darunter. Man kann diesen Nebel, in dem zu wandern Hesse „seltsam“, aber offenbar nicht schlimm fand, von Tag zu Tag, also gewissermaßen stückweise, lüften oder bis ganz zum Schluss abwarten und dann erst Bilanz ziehen und eine Aussage darüber treffen, ob es, wie bisher noch meistens, ein durchwachsenes, ein gutes oder womöglich sogar „a very good year“ (Sinatra) gewesen sein wird.

          Diese Langmut bringen freilich die wenigsten auf. Lieber rufen sie schon im Januar oder noch im alten Jahr etwas aus, das dem neuen angeblich seinen Stempel aufdrücken wird, vergessend, dass jedes Jahr eben ergebnisoffen ist – wie das Leben als solches, ließe sich, dem Sachverhalt einen Schuss Philosophie beigebend, hinzufügen. Aus diesem Grund sind selbst oder vielmehr gerade bei den spektakulärsten Lebensläufen Feststellungen nach Art von „wurde ihm nicht an der Wiege gesungen“, mit denen das gänzlich Unerwartete, absolut nicht Vorhersehbare zum Ausdruck gebracht werden soll, fast immer überflüssig – außer Liedern wird nämlich niemandem etwas an der Wiege gesungen, dafür ist zumal das junge Leben einfach zu ergebnisoffen.

          Auch die Sondierungsgespräche sind ergebnisoffen

          Wenn dies aber für das Leben als solches und eigentlich bis zu dessen Ende gilt, dann ist das meiste, das sich darin abspielt, fast logischerweise auch ergebnisoffen; besonders sind es die eigentlich wichtigen, oft unbefriedigend in der Schwebe liegenden oder hoffnungslos in sich verhedderten Angelegenheiten. Eheleute zum Beispiel, die, aus welchen Gründen auch immer, einen Paartherapeuten aufsuchen, wissen das und sehen sich von fachlicher Warte aus mit der knallharten Einstiegsfrage konfrontiert, ob sie zusammenbleiben oder die Therapie ergebnisoffen angehen wollen, also gewissermaßen einen Brexit nicht ausschließen.

          Instanzen, welche die Sachlage von vornherein zu objektivieren vermögen, indem sie alles, auch den worst case, ins Auge fassen, sind bei Koalitionsgesprächen zwischen Parteien nicht vorgesehen. Nicht von ungefähr ließen Unionspolitiker schon im Herbst, kaum war es Essig mit Jamaika, durchblicken, sie hätten wenig Lust, den Therapeuten für die Sozialdemokraten zu spielen. Parteien müssen, wenn sie regieren wollen, selbst sehen, wie sie sich einigen. Das scheint sich nun doch als Nachteil herauszustellen. Oder wissen Sie auf Anhieb, ob dieser Tage die Sondierungsgespräche oder die Koalitionsgespräche beginnen?

          Es sind, so quälend langsam kann die Zeit vergehen, selbstverständlich erst die Sondierungsgespräche. Und wie es das Sondieren (einer Lage, eines Terrains) so an sich hat, sind auch diese Sondierungsgespräche ergebnisoffen. Sie sind aber, selbst durch noch so häufiges Betonen seitens der SPD, dass es sich so verhält, nicht ergebnisoffener als andere Sondierungsgespräche auch. Wenn also die Sozialdemokraten, wie Melvilles Totalverweigerer Bartleby, lieber nicht wollen, dann ist jetzt noch Zeit, es zu sagen. Niemand wird mit ihnen schimpfen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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