06.11.2010 · Was sagt uns das gepixelte Haus in Oberstaufen nach dem Start von Google-Street-View? Wer auf Privatsphäre pocht, ist krank. Eine Polemik. Von Don Alphonso
In Oberstaufen hat man es sich so schön vorgestellt: Ein sonniger Herbsttag, Alphörner, die Tourismuschefin im Dirndl auf dem Google-Street -View-Radl, der Bürgermeister, der betont, dass man nichts zu verbergen hat, und dazu die ganze Welt, die beim epochemachenden Start von Street View virtuell im beschaulichen Allgäu zu Gast ist. Man wollte die Gelegenheit nutzen und sich als dem Neuen aufgeschlossen und bereit für das Internet präsentieren. Zu dumm, dass sich diese hereinbrandende Welt dann weitgehend nur für ein Haus interessierte: das erste Haus in Deutschland, das mit Verpixelung dem Auge der Betrachter entzogen war.
Und diese Reaktionen waren nicht im mindesten so putzig, wie man sich das im euphorischen Oberstaufen vermutlich gewünscht hätte. Weniger, weil Google nach all den Pannen rund um Street View nun auch noch „vergessen“ hatte, das Haus in der Mobilversion seines Dienstes unkenntlich zu machen. Bei einer kleinen, aber sehr lautstarken Gruppe von „Internetaktivisten“ sorgte der Wunsch nach Nichterscheinen für einen kalkulierten Aufschrei der Empörung.
Der Einpeitscher dieser Gruppe, der sich als „Social Media Berater“ bezeichnet, veröffentlichte die Adresse im Internet und forderte seine Anhänger auf, das Haus zu fotografieren und ins Internet zu stellen. Als Belohnung stellte er „ein Bier“ in Aussicht und löste damit eine Reihe von Verwünschungen seiner Gefolgschaft gegen den Hausbesitzer aus.
Leute wie Jeff Jarvis leben vor allem von der Übertreibung
Nun sind im Internet Diffamierungen ebenso schnell geäußert wie auch wieder vergessen. Eine andere Dimension bekam das verpixelte Haus in dem Moment, als die „Zeit“ eine scharfe Polemik des Journalisten, Internetgurus und Konferenzsprechers Jeff Jarvis veröffentlichte. Jarvis hat in der Vergangenheit zwar mehrfach mit Kommentaren zum Niedergang von gedruckten Zeitungen auf sich aufmerksam gemacht, aber offensichtlich auch nichts dagegen, wenn die Hamburger seine Empörung über den „Privatsphären-Wahnsinn“ im Volltext zusammen mit dem Bild des verpixelten Hauses übernehmen: Deutschland hätte seine Städte entweiht, die öffentlichen Orte entwertet, die Öffentlichkeit beraubt und einen gefährlichen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen. Die Stasi hätte ähnliche Verpixelungen vermutlich befürwortet.
Seine Hoffnung setzte er in jene deutschen Protagonisten einer „digitalen Öffentlichkeit“, die die verpixelten Häuser gegen den Willen ihrer Besitzer ablichteten. Nun leben Leute wie Jeff Jarvis vor allem von der Übertreibung, der Zuspitzung und überzogenen Forderungen selbst in Fällen, wo manche einfach nur ihre Ruhe vor der Welt haben wollen. Sie haben die Informationstechnologie und deren Möglichkeiten als Technik begriffen, die alte Begrifflichkeiten verändert. Wenn Banken ihre Kunden mit Profilen versehen, Kameras Gesichter erkennen und Netzwerke den Bildern automatisch Namen und Informationen zuordnen können und Nutzer von Facebook all ihre E-Mail-Kontakte für das Netzwerk nutzbar machen, ist es nicht mehr weit her mit dem, was man früher als Privatsphäre und Datenschutz bezeichnete.
Manche Entwicklungen wie Street View werden bewusst von Firmen entwickelt, andere stoßen die Nutzer selbst an, ohne sich Gedanken über die Bedeutung und Folgen zu machen. Eine schnüffelnde Öffentlichkeit rückt durch das Internet, seine Durchsuchbarkeit und die Verknüpfung von Informationen näher an den Menschen heran, ohne dass er darauf großen Einfluss hätte.
Wer nicht willig ist, wird zwangsabgelichtet
„Post Privacy“ und „digitale Öffentlichkeit“ sind die Schlagworte, mit denen dann die Vordenker dieser Veränderungen versuchen, diese Verschiebungen als positiv und richtig darzustellen. Und wer daran nicht teilnehmen möchte, muss nach der Ideologie dieser Vordenker eben dazu gezwungen werden: Das Recht, anderer Leute Häuser im Internet anzuschauen, wird höher als der Wunsch dieser Menschen gewertet, ihre Lebensverhältnisse lieber nicht der Werbefirma Google anzuvertrauen. Wer nicht willig ist, wird zwangsabgelichtet und, wie im Fall Oberstaufen, vom Mob der Aktivisten und der „Zeit“ durch das Netz geschleift.
Privatsphäre ist kein schützenswertes Gut mehr, sondern eine Krankheit, eine Fehleinschätzung, ein, so Jarvis, „Wahnsinn“, von dem die Deutschen kuriert werden müssen. Unterschwellig scheint bei den diversen Beschimpfungen der nicht vollends von den Segnungen Googles überzeugten Bürger auch der Hass auf „Spießer“, „Vorgestrige“ und „Internetausdrucker“ durch. Street View ist für diese Gruppe um Jarvis der Mauerbrecher, der die Deutschen zwingt, sich mit ihren Thesen - und vermutlich auch bald gedruckten Büchern mit diesen Thesen - auseinanderzusetzen.
Die Vollgasideologie der sechziger und siebziger Jahre
Nun ist es den Protagonisten dieser Szene natürlich unbenommen, ihre Häuser bei Street View zu zeigen, ihre sexuellen Interessen bei „Sklavenzentrale.de“ ins Internet zu stellen, andere an ihren von Dönerkonsum geprägten Ausgaben teilhaben zu lassen, ihren Aufenthaltsort und ihren Konsum öffentlich mitzuteilen - nur ist das nicht zwingend ein Verhalten, das die Mehrheit der Bevölkerung bevorzugt.
Trotzdem glaubt man in jenen Kreisen, dass die Gesellschaft eine „Bringschuld“ habe, sich mit den Veränderungen zu beschäftigen, sich anzupassen und deren Vorteile zu entdecken. Damit gehen sie im 21. Jahrhundert den Weg vieler Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts, und man muss dazu nicht zwingend totalitäre Bewegungen bemühen, die auch den Drang hatten, die Welt ihren Vorstellungen anzupassen.
Die Bewegung ähnelt auch der Vollgasideologie der sechziger und siebziger Jahre, nach deren Vorstellung alles, jede Region und jeder Ort, den Bedürfnissen der Autofahrer zu entsprechen hatte. Alles, was im Wege war - Bäume, Landschaft, alte Häuser, Innenstädte, Kopfsteinpflaster - musste dem modernen Transport untertan gemacht werden. Die Veränderungen, die immer größeren und schnelleren Autos verlangten danach. Aus Marktplätzen wurden Parkplätze, aus Grüngürteln Fahrschneisen, alles hatte sich dem Primat von der rasenden Öffentlichkeit unterzuordnen. Es entstanden Drive-ins und Autokinos, Stadtautobahnen und Zufahrtswege bis in die kleinsten Ecken der Städte.
Heute hat man begriffen, dass die Huldigung eines Götzen der Mobilität zu weit ging und man lieber wieder in lebenswerten Städten mit Spielstraßen, Tempo-30-Zonen und Pollern leben möchte, die die Vollgasirren nach Möglichkeit von jenen trennt, die den Lebenszweck nicht in der Raserei sehen.
Heute wollen „Vordenker“ alles und jeden im Internet erreichen, sehen und nach Möglichkeit auch kapitalisieren, anderen Dinge verkaufen und dabei so viel wie möglich über sie erfahren. Für manche ist es der Beruf, für andere der Lebensinhalt und die Erfüllung ihrer Internetsucht und für Leute wie Jarvis eine gute Gelegenheit, sich wieder als Sprecher auf Konferenzen in Erinnerung zu bringen, nachdem seine alten Thesen über den Untergang der Medien längst nicht mehr so frisch wie vor ein paar Jahren sind.
Gurus, Vordenker und andere Arbeitslose
Jeder Tabubruch, jeder Konflikt und jeder Anschlag auf den verhassten Datenschutz, der ihrer Ideologie einer in den neuen Lebensraum des Internets migrierenden Gesellschaft mit all ihren Möglichkeiten für Gurus, Vordenker und andere Arbeitslose aus Berlin im Weg steht, ist ein willkommener Anlass, sich der Welt als das Neue zu präsentieren, als die Zukunft und als das, was man unbedingt wissen und können muss. Diskretion und Privatsphäre sind für diese Kreise, die einen Großteil ihres Lebens tatsächlich ins Internet verlegt haben, sich ohne Netz verloren fühlen und einen großen Teil ihrer Lebenserfahrung auch aus dem Netz ziehen, nur noch Relikte einer im Niedergang befindlichen Epoche, die gerade durch die Veränderungen weggefegt wird.
Wer immer dagegen ist - Datenschützer, die Verbraucherministerin, Hausverpixler oder andere Nutzer des Internets, die nicht so denken und das auch äußern - werden verdammt. Der Resonanzraum des Internets schiebt sie mit Gebrüll ebenso beiseite wie der Porsche den Golf auf der Überholspur - so hoffen sie. Und fordern mehr Vollgaszonen ohne Geschwindigkeitsbeschränkungen in die Privatsphären anderer Leute. Heute die Häuserfronten, morgen die Gesichtserkennung und übermorgen die Gentests. Der Chef von Google hat Leuten, die mit Street View nicht einverstanden sind, schon geraten, dann eben wegzuziehen, was, nach den Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die Vorstufe zur Enteignung, Zwangsräumung oder Säuberung ist.
Aber vielleicht werden die Radikalen des Netzes ja auch etwas milder gestimmt, wenn sie demnächst in Oberstaufen Urlaub machen, wo man sie gerne willkommen heißt und nicht für totalitäre Spinner hält.