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Veröffentlicht: 02.12.2012, 15:48 Uhr

Was passiert mit unseren Städten? Stadt der Untoten

Staatliche Liegenschaften werden meistbietend verhökert, gleichzeitig entsteht eine Luxusanlage nach der anderen. Ist das die Rückkehr der bürgerlichen Wohnkultur - oder die Zombifikation der Stadt?

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© Peach Property Group Links das klassische Berlin, rechts das Immobilienprojekt „Yoo Berlin“ von Philippe Starck

Auf Youtube ist zurzeit ein Werbefilm zu sehen, in dem ein unrasierter Mann mit hoher Stimme zur Bevölkerung Berlins spricht. Der Mann ist, seinem Akzent nach, Franzose, und das, was er sagt, die Art, wie er aus seiner Lederjacke herausgrinst - alles spricht dafür, dass es sich bei dem Mann um den Bösewicht eines neuen Bond-Films handelt. Die Bevölkerung werde überrascht sein, sagt dieser Mann; er spreche hier für die Organisation „Yoo“, was allein ja schon wie die Negation von 007, mit einem stilisierten Martiniglas statt einer sieben am Ende, aussieht. Wenn in Bond-Filmen so einer auftritt, dann ist mindestens die Welt bedroht, und eine Stadt wie Berlin wird es nicht mehr lange geben.

Niklas Maak Folgen:

Und so ist es auch - selbst wenn der Mann, der da spricht, nur der Designer Philippe Starck ist, der mit seinen Einfällen bisher von allem die Welt der Stühle und der funktionsfähigen Zitronenpressen bedroht hat, das allerdings sehr erfolgreich. Für Berlin hat er mit der Peach Property Group das Immobilienprojekt „Yoo“ entwickelt: Direkt an der Spree, neben dem Berliner Ensemble, wird gerade ein zehngeschossiges Haus gebaut, dessen Form aussieht wie die verrutschte Ladung eines Containerfrachters, und in diesem Haus gibt es, für einen Quadratmeterpreis von durchschnittlich 8.700 Euro, 95 Wohnungen zu kaufen - mit Spa, Indoor Pool und anderen Dingen, die man in Berlin bisher nicht so häufig fand.

Möbel muss man keine mitbringen, denn die Wohnungen sind auf Wunsch eingerichtet; fürs Interieur gilt die Drohung, die Philippe Starck im Video ausspricht: „Nothing is normal, everything is a creation.“ Nichts ist normal, alles ist eine Erfindung, und zwar eine aus den Zentralkammern der Gestaltungseinfallhölle: Teller befinden sich nicht dort, wo man sie braucht, nämlich auf dem Tisch, sondern sie hängen senkrecht an den roten Wänden. Der Kronleuchter sieht aus, als sei er von einem wütenden Biber mit einem Schwanz voller Mörtel angefertigt worden, in der Mitte des Raums steht eine Schubkarre, die als Sessel dient. Selbst gutmütige Surrealisten hätten jeden, der so etwas verzapft, wegen Rufschädigung angezeigt.

Heinrich Heine Gärten -  Nach dem Vorbild der amerikanischen Gated Communities entsteht in Düsseldorf ein exklusives, bewachtes Wohnquartier mit 160 Wohnungen. Das Bauprojekt ist in der Stadt umstritten. © Schoepal, Edgar Vergrößern Privatisierung der Städte: Düsseldorfs exklusive und 148-Millionen Euro teure „Heine-Gärten“

Wir alle, sagt Starck, seien Teil einer kulturellen Familie, die sich in vier stilistische Untergruppen aufteilen lasse, welche gleichzeitig den vier Stilkategorien für die Einrichtung eines Apartments im „Yoo“-Haus entsprechen, zwischen denen zu wählen ist, nämlich „Classic“, „Minimal“, „Nature“ und „Culture“. „Your wife will love it“, sagt Starck (offenbar richtet sich der Werbefilm ausschließlich an Männer). „Wer sich für den Culture Style entscheidet“, erläutert die Peach Property Group in einem Dossier, „genießt den Luxus. Er oder sie könnte beispielsweise ein Sammler sein.“  Die Leute vom Theater am Schiffbauerdamm und die Künstler, die hier bis vor kurzem wohnten und den Platz manchmal für Performances und manchmal für ein Picknick nutzten, werden sich die Augen reiben: Wo eben noch Kultur war, ist jetzt Culture

Kunst spielt eine wichtige Rolle bei den neuen Immobilienprojekten, denn niemand, der sich in Berlin für mehr als zwei Millionen Euro eine Wohnung kauft, möchte hören, dass die Nachbarschaft aus zwanzig Villen und vierzehn Wachhunden besteht, die im Vorgarten an den Rhododendron pinkeln - sondern er möchte teilhaben am sogenannten brodelnden kulturellen Leben, das man Berlins Mitte nachsagt.  Diese Mitte, erläutert der Verkaufsprospekt von „Yoo“, sei bevölkert von „selbstsicheren Erfolgsmenschen und jugendlichen Kunststars im Wartestand“ - die, so das implizite Versprechen, der „Yoo“-Bewohner vielleicht sogar aus ebendiesem Wartestand befreien könnte: Es winkt mit Kauf einer der überteuerten Wohnungen eine Zukunft als beliebter Gönner, als Sammler, ein aufregendes Leben in der Boheme.

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