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Österreichs Rom-Stipendium : Nur Dreck gebiert Großes?

Rom ist eine Inspiration für Künstler aller Art. Bild: AP

„Das ist halt die Wiener Schlamperei“: Österreich bietet seinen Rom-Stipendiaten im Vergleich zu anderen Ländern wenig Komfort. Doch dafür schickt man junge Leute in die ewige Stadt.

          Ohne Zweifel kann einem Künstler kaum etwas Besseres passieren, als ein Stipendium für Rom zu ergattern. Ob Schriftsteller, Maler, Bildhauer oder Fotograf – für alle ist die Ewige Stadt Quelle vielfältiger Anregungen. Das wird generell auch in Österreichs Hauptstadt Wien so gesehen, das seit 1935 mit der Accademia Austriaca ein Kulturforum in Rom betreibt. Kunst- und Kulturministerium sowie die Kunstsektion im Bundeskanzleramt vergeben – neben fünf Bundesländern – auch Stipendien für einige Wochen oder Monate, um in der Via Tor Millina in der Altstadt in einem Atelier zu leben, das seit den achtziger Jahren von der deutsch-österreichischen Bruderschaft der Santa Maria dell’Anima angemietet wird.

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          Ende des Jahres wird die Wohnung aufgegeben. Schon sind die Literaten in eine Residenz in der Kleinstadt Paliano umgezogen – weit vor Rom in der Campagna. Ist den Wienern Rom egal? Noch scheint den österreichischen Ministerialbeamten nicht klar, wie und wo der Ersatz für das Atelier sein soll. Man könnte sich ein Beispiel an Berlin nehmen, das mit großem Aufwand die Villa Massimo für Künstler vorhält, geräumige Appartements neben herrschaftlicher Villa in großem Park mitten in Rom und zudem noch die Casa Baldi in Olevano vor der Kapitale, wegen seiner romantischen Lage in den Bergen schon seit dem achtzehnten Jahrhundert ein Anziehungspunkt für Maler. Frankreich bietet die Renaissance-Villa Medici, die Vereinigten Staaten und Spanien haben ihre Paläste der Kunst; auch Finnen und Ungarn lassen sich nicht lumpen.

          In desolatem Zustand

          Anders Österreich: Vor Jahren gab es noch Veranstaltungen allerorten oder Einladungen für die Künstler ins Haus des Forums in der angesehenen Viale Bruno Buozzi. Aber das ist Geschichte. „Ist es nicht bezeichnend für Österreich, wie es mit Künstlern umgeht, wenn es sie wie Dreck behandelt?“, meint der Schriftsteller Franzobel, der dreimal in dem Atelier wohnte und vom zweiten Aufenthalt die Kriminalgeschichte „Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt“ (2000) heimbrachte. Franzobel bedauert den desolaten Zustand dieses sogenannten Ateliers. „Das ist halt die Wiener Schlamperei. Keiner tut was.“ Die Stipendiaten-Künstler bekämen mithin aus der Heimat den Auftrag mit, „sich aus diesem Dreck herauszuarbeiten“, sagt Franzobel.

          Tatsächlich ist das Atelier in desolatem Zustand. Die Bäder mögen funktionieren, und es gibt eine Küche, aber Gerätschaften sind dort rar. Wände und Türen hätte man längst einmal streichen müssen. Und wenn es stimmt, dass man Rom nicht verlassen, sondern in eine neue Bleibe dort wechseln wolle, könnte das Atelier wenigstens ordentliche Möbel haben, mit denen sich umziehen ließe: moderne Betten und ein Wohnzimmer mit Bücherschrank. Die zurückgelassenen Bücher liegen wahllos auf einem wackligen Tisch. Darunter Evelyn Grills „Das römische Licht“ von 2008, ein Roman, der beweist, welche Kreativität ein Aufenthalt in Rom freisetzen kann.

          Franzobel setzt sich für eine würdige Wohnung in Rom ein, denn diese Stadt bleibe ein in der Welt einzigartig „emsiger Ameisenhaufen aus aller Zeit“, in den der Stipendiat eintauchen kann. Rom bleibe „erste Wahl“ gegenüber all den anderen Angeboten Österreichs, von Banff in Kanada, London, Herzliya, Yogyakarta bis Peking oder Tokio. Womöglich sorgt für diese Einzigartigkeit zurzeit auch der Umstand, dass der Flurnachbar des Ateliers die katholische Verbindung Capitolina ist, die sich des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. als bekanntester Bundesbruder rühmt. Gewiss berührt es eine Künstlerseele, wenn sie Studenten im Vollwichs mit Band, Paradeschläger und Reitstiefeln im Treppenhaus sieht, die Lieder „in mundum universum“ zum Nachbarn hin grölen und „in die ganze Welt“, wie der Wahlspruch der Capitolina fordert.

          Nicht auf Rosen gebettet

          Zurzeit sind Semesterferien, und die junge, aus Thüringen stammende und in Wien arbeitende Bildhauerin Astrid K. Wagner fühlt sich hier trotzdem wohl. Rom gebe ihr als pulsierende Metropole Tag und Nacht enormen Input. „Ich sehe über Jahrhunderte gestapelte Geschichte, die sich mit dem Heute verfranst und ein zeitloses Wimmelbild wird“, findet die Künstlerin. Sie sei „von Fetzchen der Kunstgeschichte umgeben, die auch heute Relevanz haben. Auf der Straße läuft die gleiche Sandale vorbei wie die, die ich gerade im Museum am alleinstehenden Marmorfuß sah.“ Als sie in Rom anlangte, bekam sie allerdings nicht einmal einen Rom-Führer in die Hand. Dass sie sich wichtige Hinweise von den deutschen Nachbarn holen könnte, erfuhr sie zufällig: Die Hertziana, das kunsthistorischen Institut der Max-Planck-Gesellschaft, half ihr weiter.

          Vielleicht sei es für die Kreativität ja auch besser, nicht auf Rosen gebettet zu sein, gibt Franzobel zu bedenken. Auch gewähre Deutschland das Stipendium in der Villa Massimo nur bekannten Künstlern, während Österreich junge Leute schicke. Aber natürlich müsse man seinen Stipendiaten helfen und ihnen Kontakte verschaffen. Die ORF-Journalistin und Atelier-Stipendiatin Christina Höfferer erinnert an die Idee einer Casa di Bachmann als Ort für Veranstaltungen und Stipendiaten ähnlich wie die Casa di Goethe am Corso, wo es die Karin und Uwe Hollweg-Stiftung Autoren ermöglicht, für einige Zeit zu leben und zu arbeiten. Astrid Wagner würde sich „wünschen, dass auch weiter Künstlerinnen und Künstler Roms Alltag erleben können“. Selbst wenn Paliano gewiss auch ganz schön ist.

          Quelle: F.A.Z.

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