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Was nützt das Zentralabitur? : Zentral ist gut, wenn die Zentrale gut ist

Schüler des Luisen-Gymnasiums in Düsseldorf bei der Abiturprüfung im Fach Deutsch Bild: dpa

Gerade finden überall Abiturprüfungen statt. Sind es die falschen? Der Glaube, ein zentrales Bundesabitur würde die Bildungswelt gerechter und leistungsfähiger machen, beruht auf Irrtümern.

          Wann immer im deutschen Bildungssystem etwas nicht funktioniert, werden dieselben Schallplatten aufgelegt. Der ältere Tonträger ist einschlägig, es sind durchweg Melodien, die seit den siebziger Jahren gespielt werden. Ihre Refrains: Gesamtschule – alle lernen mit allen; Kompetenzen statt Fächer – alle lernen etwas Praktisches; Zentralabitur – alle lernen dasselbe und werden gleich geprüft.

          Gerade ist wieder einmal das Zentralabitur dran. Das passt zur Jahreszeit, gerade gehen die Abiturprüfungen in ihre letzte Runde. In den Bundesländern ist das schriftliche Zentralabitur inzwischen weitgehend eingeführt. Die meisten ostdeutschen Bundesländer hatten es ohnehin schon lange, Bayern und Baden-Württemberg auch, der Rest hat, bis auf Rheinland-Pfalz, unter dem Eindruck von Pisa-Studien nachgezogen.

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          Ob sich seitdem die Leistungen der Schüler in Hessen oder Bremen oder Berlin verbessert haben, ist allerdings unklar. Angekündigt war der Übergang zum Landeszentralabitur jedenfalls mit den üblichen Versprechungen von mehr Gerechtigkeit und größeren Leistungsanreizen. Doch gibt es Studien, die belegen könnten, dass die Schulen in einen stärkeren Wettbewerb getreten sind? Dass die Ergebnisse anzeigen, an welchen Schulen mehr, an welchen weniger gelernt wurde? Dass die Prüfungen anspruchsvoll genug sind, um solche Unterschiede hervortreten zu lassen? Das nämlich sind die Erwartungen der Befürworter zentralisierter Prüfungen. Sie beschweren sich darüber, dass eine Zwei in Regensburg etwas anderes signalisiere als eine Zwei in Bremerhaven. Ungerecht sei darum, dass man mit weniger Können mancherorts besseren Zugang zu Studiengängen oder Studienorten erhalte. „Schlechte Länderleistungen“ würden nicht sanktioniert.

          Was ebenfalls nicht sanktioniert wird, sind solche Redensarten. Sonst könnte sich nicht so hartnäckig die Behauptung halten, es gebe „Länderleistungen“. Tatsächlich sind die Leistungsunterschiede zwischen den besten Gymnasien in einer Großstadt und den schlechtesten oft größer als die zwischen Bundesländern. In der Pisa-Studie gab es auch bayerische Gymnasien, die bescheiden abschnitten, und nordrhein-westfälische, die exzellierten. Das ist an sich geeignet, die Erzählung von den bundeslandabhängigen Schulerfolgen als irreführend zu erweisen. Denn kein Schüler wird „im Landesdurchschnitt“ unterrichtet, sondern an Schulen, in Kursen, von Lehrern, in einem Stadtteil und von Eltern unterstützt oder auch nicht. Ob die bemühten Unterschiede überhaupt auf der jeweiligen Schulpolitik beruhen oder mehr auf anderen Merkmalen der Bundesländer wie dem Grad ihrer Urbanisierung oder der Lage auf dem jeweiligen Arbeitsmarkt, ist dabei noch nicht einmal angesprochen.

          Zentral, aber inklusiv soll es sein

          Den Befürwortern des Zentralabiturs ist es aber gleichgültig, dass sie nur Aussichten zu bieten haben, keine Empirie. Wenn die zentralisierten Prüfungen in den Ländern nicht ausreichen, Bewertungsgerechtigkeit herzustellen, dann müsse eben noch mehr zentralisiert werden. Unfug wie „Deutsch nach Gehör“, den sich Bildungsministerien ausdenken, befeuert solche Phantasien ebenso; als gäbe es die geringste Garantie dafür, dass er nicht auch zentral eingeführt werden könnte, dann aber eben flächendeckend. Ob es für die segensreiche Wirkung eines Bundesabiturs irgendwelche Anhaltspunkte gibt in anderen Schulsystemen Europas, in Frankreich etwa, das für seinen Zentralismus bekannt, wenn auch nicht gerühmt ist? Nein, es ist wie bei der endlosen Debatte um die Schulstruktur: Die Rhetorik läuft, unbekümmert um Sachfragen, einfach weiter, weil es so praktisch ist, den Bildungsföderalismus für alle Malaisen auf diesem Gebiet verantwortlich zu machen. Denn dann sind es weder die Eltern noch die Schüler noch die Lehrer oder die Lehrerausbilder noch auch die Schulen gewesen, sondern es war – die Kleinstaaterei.

          Wofür es Anhaltspunkte gibt, ist die Illusion einer „Qualitätssicherung“ durch zentralisierte Prüfungen. Denn was würde geschehen, wenn bei stark ungleichen Schulen die Einführung des Zentralabiturs dazu führte, dass in manchen von ihnen ein Viertel der Schüler gar nicht durchkäme und die Hälfte mit einer Drei im Durchschnitt? Es gäbe mehr Wettbewerb in der nächsten Runde, sagen die Markt-Utopisten mit Herz für zentrale Abrechnung. In Ländern, die nicht so gute Abiturienten und viele mit „nicht bestanden“ aufweisen würden, käme es zur Abstrafung der Politiker und anderen Protesten der Eltern. Gymnasien, die schlecht abschnitten, gerieten unter Druck. Der nützte zwar den Schülern nichts mehr, die man gerade durch das Zentralabitur für ihre Lehrer oder die Ressourcenausstattung ihrer Schule oder deren Leitung oder den Stadtteil, in dem sie liegt, bestraft hätte. Aber spätere Generationen kämen in den Genuss der zentralisierten Gerechtigkeit.

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