05.01.2009 · Wann ist eine Warnung erfolgreich, und wann wird sie überhört? Wann führt Wissen zu Taten, und wann bleibt es folgenlos? Einige Überlegungen zum Skiunfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus und zu seinen Folgen.
Von Christian GeyerAm Abend des Tages, an dem über den Skiunfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus berichtet wurde, begann der Ansturm auf die Helme. Tags darauf zeigte das Fernsehen Bilder aus Sportgeschäften, in denen sämtliche Helme ausverkauft waren. In riesigen Mengen wurde nachbestellt. Viele Pistengänger konnten es kaum fassen, dass sie tags zuvor noch gemeint hatten, ohne Helm auskommen zu können. Über Nacht war ihnen aufgegangen: Ein Helm kann Leben retten. So plötzlich, so flächendeckend sei man selten aus Schaden klug geworden, hieß es beim Deutschen Skiverband. Dort rate man allen Skiläufern seit Jahr und Tag, Helme zu tragen, aber jetzt erst fruchte der Rat.
Das internationale Warnwesen hat es schon immer gewusst: „In Warnungen wird eine Vorhersage, die mithilfe wissenschaftlicher Modelle erstellt wurde, in eine Anweisung zu Schutzhandeln übersetzt“, heißt es im Handbuch des Warnwesens mit dem Titel „Naturrisiken und Sozialkatastrophen“. Und weiter: „Bei der Übertragung in den Kontext der Gewarnten muss also das Risiko in gewissem Maße personalisiert werden.“ Das dürfte im Falle des Thüringer Ministerpräsidenten auf tragische Weise gelungen sein. Es bedurfte der Personalisierung des Risikos durch Prominenz, um das massenhafte Schutzhandeln in Gang zu setzen. Statistiken über Kopfverletzungen, ja selbst das am eigenen Leib erfahrene Bedrohungsgefühl blieben abstrakt. Auch für den letzten Snowboarder plastisch wurde das Risiko erst, als ein Ministerpräsident einen Unfall mit tödlichem Ausgang verursachte. Die Archaik des Vorgangs geht unter die Haut: Ein Politiker hat (mutmaßlich) fahrlässig „getötet“.
Gesellschaftsspiel Tatrekonstruktion
Wann ist eine Warnung erfolgreich, und wann wird sie überhört? Wann führt Wissen zu Taten, und wann bleibt es folgenlos? Wann produziert Rationalität das, was wir alle lieben - Erwartungssicherheit -, und wann ist Rationalität ein Überraschungsei? Fragen wie diese sind nicht nur von sozialpsychologischem Interesse, sondern haben einen unmittelbar politischen Einfluss. Sie stehen im Zentrum von Überlegungen über die Steuerbarkeit von Gesellschaft, über die Planbarkeit von Sozialsystemen, über die Berechenbarkeit von Organisationen. Sie finden in dem tödlichen Zusammenstoß auf der Riesneralm schlagendes Anschauungsmaterial. Die Experten im Warnwesen lernen, dass das Amt eines Ministerpräsidenten im Unglücksfall über eine durchschlagende Warnpotenz verfügt - eine Potenz, die schon auf der Ebene eines Landesministers nicht mehr gegeben sein dürfte.
Wo man blätterte und klickte, sahen uns maßstabsgerecht angefertigte Karten an mit dem Hang, auf dem es passierte, mit bunt bepfeilter Streckenführung, mit rot eingekreister Unfallstelle. Noch ehe die Staatsanwaltschaft den Hergang rekonstruiert, mutmaßt ein Massenpublikum, wie das geschehen konnte: dass zwei Skifahrer bei freier Sicht und freiem Feld zusammenstoßen. Die Zeit der Gesellschaftsspiele, die man zwischen den Jahren knobelnd und würfelnd verbracht hatte, scheint auf frivole Weise in den Januar verlängert. Mit Hütchen stellt man daheim den Unfall nach, kratzt die Spuren aus dem Kunstschnee: Wie kam Althaus auf die falsche Piste? War er als Geisterfahrer unterwegs? Wer hat die Vorfahrt missachtet? Wer besucht ihn jetzt am Krankenbett, wer nicht?
Und auch sie gehört in dieses Gesellschaftsspiel hinein, die Figur von Franz Z., dem entfernten Verwandten der Toten. „Alle reden nur von diesem Politiker“, sagt er, als man ihn aus seinem Wohnzimmer holte und aufs Spielfeld stellte. „Niemand spricht vom Leid unserer Familie. Das macht uns wütend, das macht uns traurig.“ Und so muss von Stund an, gleichsam mit fingiertem Selbstverschulden, auch die Familie des Todesopfers ertragen, dass ihr die Bude eingerannt wird. Das vermeintliche öffentliche Interesse ist hier für alle sichtbar nichts als Belästigung.
Der Sicherheit auf den Skipisten, dem massenhaften Helmverkauf mag das alles zugute kommen, mehr jedenfalls, als „Lautsprecherwagen oder Haus-zu-Haus-Boten, Mobilfunk (SMS) und Bereitstellung von Information im Internet“ - jene bewährten Mittel, die das Handbuch des Warnwesens „zur Einbettung des Warnprozesses in den gesellschaftlichen Kontext“ erwähnt. Nachdem der Helmkauf erfolgreich getätigt ist, sollten wir Hütchen- und Würfelspieler uns von der Piste trollen. Wir sind Gaffer, die die polizeilichen Ermittlungen behindern.
So treffend...
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 05.01.2009, 20:00 Uhr
Unfallverursacher
A.K. Werner (Anuschka1978)
- 05.01.2009, 20:13 Uhr
Ohne Helm kein Unfall ?
Ulrich Mauer (UMAU)
- 05.01.2009, 22:36 Uhr
Skifahren ist schön!
Michael Brüggemann (bruegge1952)
- 06.01.2009, 07:05 Uhr
Mediales Vergrößerungsglas
Hannes Mayer (hotzen)
- 06.01.2009, 08:47 Uhr