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Website „linksunten.indymedia“ : Einig im Kampf gegen das „Schweinesystem“

  • -Aktualisiert am

Anschließend brüstete man sich auf „linksunten.indymedia“ seiner Taten: Gewalttäter mit Rauchgranate bei den G-20-Protesten im Hamburger Schanzenviertel Anfang Juli. Bild: BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Erlebnisberichte von Ausschreitungen, Aufrufe und Absprachen zur Gewalt, aber auch Aufklärungsarbeit über rechte Bewegungen: Was auf der gerade verbotenen Autonomen-Plattform „indymedia.linksunten“ zu finden war.

          Die Geschichte von „linksunten.indymedia“ als Plattform der deutschen Linksextremisten beginnt mit einem misslungenen Witz: Der alternative Mediendienst Indymedia stellt international Aktivisten aus vielen Regionen Server zur Verfügung. Bei der Aufteilung des deutschen Ablegers wurde statt Baden-Württemberg der geographisch beschreibende Name „Linksunten“ gewählt. Das hielt Aktivisten aus ganz Deutschland allerdings nicht davon ab, bei der Vernetzung diese Unterseite zu wählen, die auch als Abkürzung für „linker Untergrund“ aufgefasst werden kann.

          Seine Bedeutung erlangte „Linksunten“ durch die traditionelle Zersplitterung des Lagers in sich teilweise bekämpfende Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen. Früher waren militante Gentrifizierungsgegner, Antiimperialisten, radikale Genderaktivisten, Anarchisten, Antideutsche, Autonome und viele andere auf die jeweils eigenen Kanäle angewiesen, um isoliert ihre Meinung zu verbreiten. Mit „Linksunten“ gab es eine Plattform, die nach Belieben und ohne jede eigene Technik jederzeit benutzt werden konnte. Aufgrund der Anonymität der Autoren war es möglich, auch Texte zu veröffentlichen, die klar illegalen Charakter hatten und zu Straftaten und Umsturz aufriefen.

          Aufklärungsarbeit und Unwahrheiten

          Die Bedeutung der Seite stieg mit einer Veränderung der Feindbilder: In den letzten Jahren erwuchsen der Szene mit der AfD und zwischenzeitlich mit Pegida neue Gegner, die bundesweit aktiv waren, und deren Ablehnung durch die etablierten Parteien und Medien eine gewisse Anschlussfähigkeit der Linken ins nicht extremistische Spektrum erlaubten. So wurde nach dem Verbot der Seite an diesem Freitag von der Thüringer Linken-Abgeordneten Katarina König positiv hervorgehoben, dass auf Indymedia die fremdenfeindlichen Chats von AfD-Mitgliedern veröffentlicht wurden.

          Tatsächlich gab es dort Aufklärungsarbeit über rechte Bewegungen. Umfangreiche Dossiers beschäftigen sich mit dem Neonazi-Konzert von Themar und seinen Organisatoren oder mit den Strukturen hinter der Identitären Bewegung. Johannes Grunert, Autor beim Blog „Störungsmelder“ der „Zeit“ und bei „Vice“, bedauert bei Twitter, dass mit Indymedia „die wohl größte Infosammlung über Neonazis im deutschsprachigen Raum“ wegfalle. 

          Allerdings lagen auch die informativ gehaltenen Teile des Angebots öfters aus ideologischen Gründen daneben: Die im Internet weit verbreitete Unwahrheit, das Logo der Identitären Bewegung spiele auf SA-Runen an, stammt aus einem derartigen Dossier.

          Einig in der Ablehnung des „Schweinesystems“

          Der bundesweit ausgetragene Kleinkrieg gegen die AfD war in den letzten Jahren das Tagesgeschäft der Seite. Dort wurden die gehackten Listen der Teilnehmer an AfD-Parteitagen veröffentlicht. Es gab bis zuletzt Aufrufe, Veranstaltungen der AfD zu stürmen. Doxxing war an der Tagesordnung, denn es gäbe „kein ruhiges Hinterland“. Gastwirten, die Veranstaltungen der AfD erlaubten, wurden die Lokale verwüstet, und die Bekennerschreiben mitsamt Bilder der Taten bei Indymedia veröffentlicht. Gehässige Kommentare zeigten keine Rücksicht auf Gesundheit und Leben der politischen Gegner, und phantasievolle Proteste wie der Glitzerbewurf der AfD-Zentrale am 22. Juli durch Schwulenaktivisten blieben unter den Bekennerschreiben die sanfte Ausnahme.

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          Regionale Schwerpunkte waren Orte mit lokalen Organisationen der Linksextremen: Vor allem Berlin, Leipzig, Dresden, Hamburg, das Ruhrgebiet und Frankfurt lieferten der Seite die Schlagzeilen für Hausbesetzungen, Angriffe auf Banken und Firmen und die Anschläge auf Autos und Häuser von Politikern, Journalisten, Forschern und andere Personen, die als Feinde deklariert wurden – bis hin zu Mitgliedern der CDU, SPD und Grünen. Die Autoren waren sich in der Ablehnung des „Schweinesystems“ und dem faschistischen Charakter der BRD weitgehend einig, ohne dass es während der letzten Jahre zu spürbaren Folgen gegen die Betreiber der Website gekommen wäre.

          Gegen die „zentralen Nervensysteme des Kapitalismus“

          „Linksunten“ lief immer erst zu großer Form auf, wenn bundesweit relevante Aktionen anstanden: Die Seite mobilisierte vorab für die Demonstrationen am 21. Dezember 2013 für die Rote Flora in Hamburg, und sehr erfolgreich nach den Ausschreitungen und der Einführung des „Gefahrengebiets“: Die Kritik der linken Szene an den weitgehend erfolglosen Kontrollen und am Polizeieinsatz wurde auch von weiten Teilen der Medien vertreten.

          Die Ausschreitungen bei der Eröffnung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt im März 2015 zeigte das internationale Mobilisierungspotenzial, das mittlerweile von „Linksunten“ erreicht wurde: Vor und nach den Gewalttaten fanden dort Vorbereitungstexte und internationale Nachbetrachtung der angereisten Autonomen ihre Heimat. Weniger erfolgreich war die Seite bei der Mobilisierung für den G-7-Gipfel in Elmau, wo eine starke Polizeipräsenz abschreckend wirkte. Um so mehr wurde vor dem G-20-Gipfel unternommen, um im autonomen Zentrum Hamburg „den Gipfel scheitern zu lassen“. Schon am 19. Juni setzten Autonome Kabelschächte der Bahn in Brand und brüsteten sich bei „Linksunten“ mit den Taten: „Wir unterbrechen die alles umfassende wirtschaftliche Verwertung. Und damit die so stark verinnerlichte Entwertung von Leben. Wir greifen ein in eines der zentralen Nervensysteme des Kapitalismus: mehrere Zehntausend Kilometer Bahnstrecke.“

          Ob die Plattform verschwindet, ist fraglich

          Nach dem Gipfel setzte bei „Linksunten“ die Aufarbeitung des Vanadalismus, der neben vielen Bewohnern ausgerechnet das alternative Schanzenviertel getroffen hatte, in der üblichen und wenig einsichtigen Art ein. Manche Autoren betonten, es hätte fast nur Polizisten getroffen, man hätte eine Zone zumindest für ein paar Stunden befreit, und die Spießer sollten sich wegen ein paar Autos nicht so anstellen. Massive Kritik wurde an Mitgliedern der Roten Flora geübt, die sich angesichts des Vandalismus etwas von den Tätern distanzierten. Für die Opfer zeigte man kaum Verständnis, und verwies darauf, dass in anderen Ländern weitaus schlimmere Ausschreitungen an der Tagesordnung seien: Man habe die Ankündigungen der Veranstalter nur „mit Leben gefüllt“.

          Weitere Anschläge zur Unterstützung verhafteter Autonomer wurden mit der unverhohlenen Drohung verbunden, man werde bei einer Schließung der Roten Flora noch erheblich mehr Straftaten begehen. Dieser offen nach Vergeltung gegen den Staat rufende Aktivismus gehört zur neuen Normalität bei „Linksunten“: Schon während der Auseinandersetzungen um die besetzten Häuser in der Rigaer Straße in Berlin hatten die Autonomen offen kommuniziert, sie würden ein Vielfaches der Schäden an „ihren“ Gebäuden und dem „Zentrum Kadterschmiede“ in der Stadt anrichten. Damals knickte man in Berlin ein, und dachte seitens mancher Politiker über runde Tische und eine Duldung der Autonomen nach.

          Offensichtlich ist dieser Langmut aber nun zumindest auf Bundesebene vorbei. Ob die Plattform deshalb wirklich verschwindet, ist indes fraglich: Indymedia hat eine internationale Struktur und ist auch in Diktaturen aktiv, weil die Server dezentral aufgestellt sind und klandestin betrieben werden. Kurz bevor die Seite verschwand, war dort in einem Kommentar zur Schließung noch zu lesen: „Dieser Angriff auf unsere Strukturen ist ernst! Wir müssen uns verteidigen! Rote Flora, Black Triangle, Rigaer, Indymedia, one fight!“

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