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Im Schatten Russlands : Wie die Ukraine aus dem europäischen Bewusstsein verschwand 

  • -Aktualisiert am

Das Land im Schatten Russlands: Was wissen wir eigentlich über die Geschichte der Ukraine? Bild: dpa

Alte Vorurteile und russische Propaganda trüben unseren Blick auf die Ukraine. Wie das Land seinen festen Platz auf der kognitiven Landkarte Europas verloren hat und warum es ihn zurückerhalten muss. Ein Aufruf zu Solidarität und Unterstützung.

          Seit die Ukraine mit dem Euro-Majdan und dem russisch-ukrainischen Krieg in die Schlagzeilen gekommen ist, wurde immer wieder beklagt, dass Politik, Medien und Wissenschaft den Ereignissen in der Ukraine unvorbereitet gegenüberstünden und deshalb nicht adäquat reagierten. Auch der Osteuropa-Forschung wird vorgeworfen, versagt zu haben. Ob solche Vorwürfe berechtigt sind oder nicht, fest steht, dass die Ukraine im späten zwanzigsten und frühen 21. Jahrhundert keinen festen Platz auf der kognitiven Karte Europas hatte. Das gilt in eingeschränktem Maß auch noch für die Gegenwart, wie die öffentlichen Debatten zeigen, in denen die Existenz einer ukrainischen Nation, Sprache und Geschichte immer wieder in Frage gestellt wird.

          Die Ukraine steht im Schatten Russlands, das seit mehr als zwei Jahrhunderten die Deutungshoheit über die Geschichte Osteuropas hat. Russland hat bis heute die Ukrainer nicht als eigenständige Nation akzeptiert, sondern betrachtet sie als Teil eines allrussischen Volkes, der sogenannten „russischen Welt“. Diese Wahrnehmung ist vom westlichen Ausland übernommen worden. Die Ukraine wurde in der Regel nicht als eigenständige Akteurin gesehen, die Politik der Großmächte ging über sie hinweg. Nur gelegentlich und kurzfristig traten die Ukrainer aus dem Schatten heraus, meist wenn sie für die Großmachtpolitik instrumentalisiert wurden. Es waren Deutschland bzw. Preußen und Russland bzw. die Sowjetunion, die Politik auf dem Rücken der dazwischenliegenden Völker betrieben. Seit den drei Teilungen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts bis zum „Teufelspakt“ von 1939 betraf dies vor allem die Polen. Heute ist es die Ukraine, die in den Augen mancher deutschsprachiger und russischer Politiker, Diplomaten und Historiker zu vernachlässigen ist oder gar als Teil Russlands wahrgenommen wird. Wie ist es dazu gekommen?

          Die polnische Brille

          Die Geschichte der deutschen Wahrnehmung der Ukraine begann im späten sechzehnten Jahrhundert mit den Saporoscher Kosaken, Untertanen des polnischen Königs. Die Ukraine wurde damals durch die polnische Brille betrachtet, so auch in der ersten Beschreibung des Landes, der „Description d’Ukranie qui sont plusieurs Provinces du Royaume de Pologne“ von Guillaume le Vasseur de Beauplan, die 1650 in Frankreich publiziert wurde.

          Das Erscheinungsdatum ist nicht zufällig, denn zwei Jahre zuvor hatten sich die ukrainischen Kosaken gegen Polen erhoben und waren plötzlich ins Rampenlicht der Geschichte getreten. In Mittel- und Westeuropa erschien damals eine Vielzahl von Zeitungen, Flugschriften, Broschüren und Pamphleten, die Bohdan Chmelnyzkyj, dem Anführer des Aufstandes, und den dramatischen bewaffneten Auseinandersetzungen mit Polen, den Tataren und dem Moskauer Staat gewidmet waren. Von diesem Zeitpunkt an wurden die Saporoscher Kosaken als eigenständige politische und militärische Akteure wahrgenommen. Daran änderte sich zunächst wenig, als sie sich 1654 unter den Schutz des Moskauer Zaren begaben. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts erregte das Überlaufen Hetman Masepas zum schwedischen König im Jahre 1708 Aufsehen. Obwohl die beiden in der Schlacht von Poltawa von Peter dem Großen besiegt wurden und die Kosaken in der Folge ihre Autonomie und Handlungsfreiheit verloren, behielt die Ukraine im achtzehnten Jahrhundert ihren Platz auf der kognitiven Landkarte Europas.

          Ein Beispiel dafür ist eine Karte, die erstmals 1716 bei Johann Baptist Homann in Nürnberg gedruckt wurde, wofür die Karten Beauplans als Vorlagen dienten. Die Überschrift „Ukrania, quae et terra Cossacorum“ markiert erneut die enge Verbindung von Ukraine und Kosaken. Deshalb überrascht, dass die oft nachgedruckte Karte praktisch das ganze damals besiedelte Territorium der heutigen Ukraine erfasst. Im Osten und Süden grenzt die Ukraine an „Tartaria“ und „deserta“, an unbewohntes Land. Auch in Zedlers „Universal Lexicon“ finden wir ausführliche Einträge zu Ukraine und Kosaken.

          „Ihrem Umfang nach einem Königreiche gleich“

          Noch am Ende des achtzehnten Jahrhunderts erschien die erste nach den Maßstäben der Zeit wissenschaftliche Geschichte der Ukraine im Druck. Sie markierte den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende der Ukraine-Perzeption im Zeitalter der Aufklärung. Es handelt sich um die 1796 in Halle erschienene, vierhundert Seiten umfassende Geschichte der „Ukraine und der ukrainischen Cosaken, wie auch der Königreiche Halitsch und Wladimir“. Ihr Autor Johann Christian von Engel stammte aus der heutigen Slowakei und hatte in Göttingen studiert. Die Ukraine sei, so schreibt er in der Einleitung, „ihrem Umfang nach einem Königreiche gleich“, sie sei „eine Scheidewand des cultivirten Europa von dem wilderen Asien“. Engels Geschichte erschien als 48. Band einer allgemeinen Welt-Historie. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte also die Ukraine noch einen Platz auf der kognitiven Landkarte Europas und der Welt.

          Eine 1716 in Nürnberg erschienene Landkarte zeigt, dass die Ukraine keine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts ist.
          Eine 1716 in Nürnberg erschienene Landkarte zeigt, dass die Ukraine keine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts ist. : Bild: Ullstein Bild

          Engels Geschichte war ein Schwanengesang. Die ukrainischen Kosaken und mit ihnen die wichtigsten Protagonisten der Ukraine-Perzeptionen traten am Ende des achtzehnten Jahrhunderts ab. Wahrgenommen wurden in der Folge nicht mehr die wehrhaften Kosaken, sondern das einfache ukrainische Volk. Den Anfang machte schon Johann Gottfried Herder, der in seinem Reisejournal von 1769 schrieb:

          „Die Ukraine wird ein neues Griechenland werden: der schöne Himmel dieses Volks, ihr lustiges Wesen, ihre musikalische Natur, ihr fruchtbares Land usw. werden einmal aufwachen: aus so vielen kleinen wilden Völkern, wie es die Griechen vormals auch waren, wird eine gesittete Nation werden: ihre Grenzen werden sich bis zum Schwarzen Meer hin erstrecken und von dahinaus durch die Welt.“

          Aus dem Schatten Russlands heraus

          Statt der grimmigen kosakischen Kriegshelden tritt uns bei Herder ein harmloses, lustiges, musikalisches, unkultiviertes Volk entgegen. Immerhin hat es das Potential, erweckt und zivilisiert zu werden. Am Ende dieser zweiten Phase der Ukraine-Perzeption steht „Die Poetische Ukraine. Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder“ aus dem Jahr 1845. Ihrem Herausgeber Friedrich Bodenstedt war es offensichtlich nicht bewusst, dass noch ein halbes Jahrhundert zuvor die ukrainischen Kosaken in Europa bekannt waren, denn er wollte „die Kinder fremden Landes an meiner Hand einführen in mein deutsches Vaterland“. Diese Kinder bedürfen der Unterweisung durch den erwachsenen gebildeten Deutschen. Sie sind zwar zurückgeblieben, dafür dichten, singen und tanzen sie schön, ein schon bei Herder fassbares Stereotyp der Ukrainer, das bis heute weiterlebt.

          Im neunzehnten Jahrhundert nahm das Interesse der deutschen Öffentlichkeit an der Ukraine schnell ab. Mit der Inkorporation des größten Teils ihres Territoriums in das Zarenreich legte sich der Schatten Russlands auf die Ukraine. Nach 1850 verschwand die Ukraine fast ganz aus dem Blickfeld, und sie verlor auch ihren Namen, der in Russland im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts verboten und auch im Ausland kaum mehr erwähnt wurde. In den großen Enzyklopädien des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Ukraine nurmehr am Rande erwähnt, meist unter dem Namen Kleinrussland. Die russische Vorstellung von den Kleinrussen als Teil des allrussischen Volkes war nun vom Ausland übernommen worden. Der Eintrag „Kosaken“ beschränkte sich fast ausschließlich auf die russischen Kosakenheere.

          Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs traten die Ukrainer mit einem Schlag wieder aus dem Schatten Russlands heraus. Doch galt das Interesse Deutschlands und Österreichs nicht den Ukrainern als eigenständigen Akteuren der Geschichte. Sie versuchten, die Ukrainer für ihre Russland- und spätere Sowjetunion-Politik zu instrumentalisieren.

          Kornkammer Europas?

          Deutschland war damals noch weniger als heute darauf vorbereitet, sich mit der Ukraine auseinanderzusetzen. Dennoch erschienen zahlreiche Broschüren, unter ihnen eine Schrift der Deutschbalten Paul Rohrbach und Axel Schmidt. Sie regten die Schaffung eines ukrainischen Staates als Bollwerk gegen Russland an: „Wer Kiew hat, kann Russland zwingen“, so Rohrbach 1915. Es kam damals zu Auseinandersetzungen, die an die heutigen zwischen „Ukraine-Verstehern“ und „Russland-Verstehern“ gemahnen.

          Am 9. Februar 1918 kehrte die Ukraine auf die internationale Bühne zurück, als die unabhängige Ukrainische Volksrepublik mit den Mittelmächten einen Separatfrieden schloss. Es folgten die Besetzung der Ukraine und die Errichtung eines ukrainischen Staates, des Marionettenregimes unter Hetman Pawlo Skoropadskyj. Dessen wichtigste Aufgabe bestand darin, das hungernde Wien und Berlin mit Getreide zu versorgen. Das gelang nur ansatzweise, doch das Image der Kornkammer Europas blieb an der Ukraine haften.

          „Ukrainomanie“

          Der Erste Weltkrieg und die Begründung eines, wenn auch kurzlebigen Nationalstaates bewirkten, dass die Ukraine nicht mehr so unbekannt blieb wie noch vor 1914. Erstmals stand nun der Begriff Ukraine im Namen eines Staates, den behielt auch die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, ihre siegreiche Konkurrentin.

          „Ukrainomanie. Berlins neueste Mode!“ so betitelte der aus dem galizischen Brody stammende große Schriftsteller Joseph Roth einen Artikel, der im Dezember 1920 in der „Berliner Zeitung“ erschien. Acht Jahre später erinnerte Roth in der „Frankfurter Zeitung“ daran, dass die Bolschewisten und Polen den wehrlosen Ukrainern die Heimat geraubt hatten. Roths Artikel bestätigen, dass die Ukrainer wieder ins Blickfeld Deutschlands getreten waren. Dazu trugen die Emigranten bei, unter ihnen Skoropadskyj und sein ehemaliger Außenminister, der Historiker Dmytro Doroschenko. Sie hatten Kontakte zu offiziellen deutschen Stellen und begründeten 1926 in Berlin das „Ukrainische Wissenschaftliche Institut“, das gehaltvolle Studien in deutscher Sprache herausbrachte, Vorträge veranstaltete und Stipendien vergab.

          1943: Ukrainische Zwangsarbeiter werden deportiert.
          1943: Ukrainische Zwangsarbeiter werden deportiert. : Bild: INTERFOTO

          Im selben Jahr kam die Ukraine in aller Welt in die Schlagzeilen, als Symon Petljura, der wichtigste Politiker der Ukrainischen Volksrepublik, in Paris erschossen wurde. Sein Mörder Samuel Schwartzbard wurde festgenommen und in der Folge von einem Geschworenengericht freigesprochen. Schwartzbard hatte als Motiv für seine Tat angegeben, dass Petljura für die Ermordung Zehntausender ukrainischer Juden in den Jahren 1919 und 1920 verantwortlich sei. Dieser Vorwurf war unbegründet, denn Petljura hatte Antisemitismus und antijüdische Ausschreitungen scharf verurteilt. Allerdings konnte er im Chaos des Bürgerkriegs Teile seiner Armee und die ukrainischen Bauern, die neben der russischen Weißen Armee die Pogrome begangen hatten, nicht kontrollieren. Der sensationelle Schwartzbard-Prozess legte die Basis für das Stereotyp des ukrainischen Antisemiten und Nationalisten, das von der Sowjetunion noch geschürt wurde. Es wird heute von der russischen Propaganda wiederbelebt.

          Keine Begegnung auf Augenhöhe

          Das nationalsozialistische Deutschland setzte die Politik fort, die Ukraine für die Auseinandersetzung mit Polen und mit der Sowjetunion zu instrumentalisieren. Dabei bediente man sich nationalistischer Gruppen, vor allem der Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN). Nationalsozialisten wie Alfred Rosenberg, Georg Leibbrandt und Hans Koch gehörten zu den Befürwortern einer an Deutschland gebundenen unabhängigen Ukraine, doch konnten sie sich gegen Hitlers Rassenideologie, Lebensraum- und Ausplünderungspolitik nicht durchsetzen. Mehr als zwei Millionen Zwangsarbeiter wurden ins Deutsche Reich verschleppt, und es war für viele Deutsche das erste Mal, dass sie persönlich mit Ukrainern in Kontakt kamen, allerdings nicht auf Augenhöhe, sondern in der Konstellation Herr und Knecht oder Magd.

          Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwanden die Ukrainer fast vollständig von der mentalen Landkarte Europas. Die zahlreichen ukrainischen Emigranten, die zu Kriegsende gekommen waren, wanderten zumeist weiter nach Nordamerika. Die Verbliebenen hatten ihr Zentrum in der „Ukrainischen Freien Universität“ gefunden, die von Prag nach München verlegt worden war, doch blieb deren Ausstrahlungskraft gering.

          Dann setzte eine dreißigjährige Ebbe der Ukraine-Wahrnehmung ein. Die Weltmacht Sowjetunion wurde nun fast durchweg als Russland, ihre Einwohner, unter ihnen die Ukrainer, als Russen wahrgenommen. Die Nationalitätenfrage galt als gelöst. Wenn man Ukrainer registrierte, dann bestenfalls als folkloristische Gruppe ohne politische Bedeutung. Ihre Geschichte ging, wie schon im neunzehnten Jahrhundert, in der Geschichte Russlands auf. Der Schatten Russlands hatte sich erneut auf die Ukraine gelegt.

          Ein weißer Fleck auf der mentalen Landkarte

          Die Revolutionen von 1989 bis 1991 veränderten die mentale Landkarte Europas grundlegend. Plötzlich gab es Staaten, deren Namen viele noch nie gehört hatten. Während die Unabhängigkeitsbewegungen im Baltikum und im Kaukasus registriert wurden, blieb die Ukraine weiter im Dunkeln. Fast niemand hätte es für möglich gehalten, dass die Sowjetunion verschwinden und eine unabhängige Ukraine entstehen könnte. Die Ukraine wurde zwar ein unabhängiger Staat, doch blieb sie noch lange ein weitgehend weißer Fleck auf der mentalen Landkarte.

          In den vergangenen dreiundzwanzig Jahren hat sich viel verändert. Die Tatsache, dass nun ein unabhängiger Staat existierte, führte dazu, dass die Ukraine auch von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. So im Bereich des Sports, wo plötzlich ukrainische Olympia- und Fußball-Teams und ukrainische Stars wie die Brüder Klitschko oder der Fußballer Schewtschenko auftraten. Oder eine gewisse Ruslana, die 2004 den Eurovision Song Contest gewann.

          Trotzdem galten die Ukrainer in der Öffentlichkeit weiter als Ableger der Russen, die einen russischen Dialekt sprachen und keine eigene Geschichte und Hochkultur besaßen. Das diffuse Bild der Ukraine war geprägt von mangelnder Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, von Korruption, politischen Skandalen, großer Armut und einer Arbeitsemigration, die besonders viele ukrainische Prostituierte ins westliche Ausland brachte. Das negative Image wurde bestätigt durch die Erinnerung an die Katastrophe von Tschernobyl, jenes Ereignis in der Ukraine, das sich in den Köpfen am tiefsten eingenistet hatte.

          Geostrategischer Missbrauch

          Die überraschende Massenbewegung der orange Revolution brachte die Ukraine dann via Fernsehen plötzlich in die deutschen Wohnstuben. Als der Westen nicht auf die Ukraine zuging, als die Orangenblüten rasch welkten und sich herausstellte, dass es keine Revolution gewesen war, ging das Interesse alsbald wieder zurück. Eine Ausnahme war die glamouröse Julija Timoschenko, besonders seit sie vom neuen Präsidenten Janukowitsch ins Gefängnis gebracht worden war. Das änderte sich erst, als im Herbst 2013 die Revolution des Majdan begann und das militärische Eingreifen Russlands eine schwere Krise der internationalen Beziehungen auslöste.

          In der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Ukraine, besonders mit ihrer Geschichte, vollzogen sich allerdings schon davor wichtige Veränderungen. Während bis in die achtziger Jahre fast keine Dissertation und andere Studien zur ukrainischen Geschichte verfasst worden waren, stieg ihre Zahl nach 1991 sprunghaft an. Seither sind in den deutschsprachigen Ländern mehr als vierzig Dissertationen verfasst und mehr als sechzig Bücher zu Themen der ukrainischen Geschichte publiziert worden – eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Was fehlt, ist eine institutionelle Verankerung der Ukraine-Forschung in Deutschland.

          Kiew ist eine weltgewandte Stadt: Blick auf den Platz der Unabhängigkeit (Majdan Nesaleschnosti) im Stadtzentrum
          Kiew ist eine weltgewandte Stadt: Blick auf den Platz der Unabhängigkeit (Majdan Nesaleschnosti) im Stadtzentrum : Bild: dpa

          Über weite Strecken ihrer Geschichte ist die Ukraine von den Großmächten als geostrategisches Spielfeld missbraucht worden. Noch heute werfen Russland und „Putin-Versteher“ Deutschland und den Vereinigten Staaten vor, den Majdan angezettelt zu haben, um Russland zu schwächen – ganz in der Tradition der misslungenen Versuche, die Ukraine zu instrumentalisieren. Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Die heutige Situation gleicht eher derjenigen in den Jahren 1648 bis 1654, als eine Revolution Erfolg hatte, einen Krieg auslöste und die Ukraine plötzlich als eigenständiger Akteur wahrgenommen wurde.

          In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts und in den Jahren 1918 bis 1920 benötigte die unabhängige Ukraine Verbündete, um zu überleben. Das wiederholt sich heute, und der Verbündete kann nur die Europäische Union sein. Die Ukraine, die seit mehr als zwanzig Jahren und erstmals in ihrer Geschichte für eine längere Zeit unabhängig ist, hat sich in einer Revolution der Würde von der sowjetischen Vergangenheit verabschiedet. Sie holt die Revolution von 1989 nach und löst damit das Eintrittsticket in die EU. Es ist an der Zeit, dass sich die Ukraine aus dem Schatten Russlands löst und einen festen Platz auf der kognitiven Landkarte Europas zurückerhält. Dazu braucht sie unsere Solidarität und unsere Unterstützung.

          Andreas Kappeler lehrte bis zu seiner Emeritierung 2011 Osteuropäische Geschichte, lange in Köln, zuletzt in Wien. Seine "Kleine Geschichte der Ukraine" erschien 2014 bei C. H. Beck in 4. aktualisierter Auflage. Unser Text ist der leicht gekürzte Vortrag, den er Ende Mai auf der Ukraine-Konferenz hielt.

          Quelle: F.A.Z.

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