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Sexuelle Belästigung : Stellen Sie sich einfach vor, es würde Sie treffen

  • -Aktualisiert am

Nichts Böses sagen: Demonstrantinnen beim „Slut Walk“ in Bukarest, einem Protest gegen sexuelle Belästigung Bild: Picture-Alliance

Ist es wirklich so sonderbar, wenn die Opfer sexueller Belästigungen und unerwarteter körperlicher Attacken sie erst Jahre später anzeigen? Ein Experiment.

          Neulich unterhielt ich mich mit einem Richter über den Fall Siegfried Mauser. Mauser, bis 2014 Präsident der Münchner Musikhochschule, wurde in diesem Frühjahr von zwei Professorinnen sexueller Übergriffe bezichtigt und vom Amtsgericht München zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung verurteilt. Er bestreitet die Vorwürfe. Demnächst steht die Berufungsverhandlung an.

          Mein Gesprächspartner, ein sehr rationaler Mann, kam sofort auf die „weichen“ Punkte der Anklage zu sprechen: Warum haben die Professorinnen mit ihrer Anzeige sechs Jahre lang gewartet? Und welche beruflichen Nachteile hätten sie zu befürchten gehabt? Der Präsident war ja formal nicht ihr Vorgesetzter.

          Da ich gerade an einem Justizroman arbeite, versuchte ich mir diese juristische Sichtweise zu eigen zu machen. Ein Unbehagen blieb zwar. Denn wenn es um Macht geht, auch informelle oder eingebildete, handeln Menschen nicht rational; sie tun es ja, ehrlich gesagt, sowieso seltener, als sie meinen. Doch damit lässt sich vor Gericht schlecht argumentieren. Und eigentlich schien die Mauser-Sache mich auch nichts anzugehen; wir verließen also das Thema und kehrten zu meinen juristischen Hauptfragen zurück.

          Wochen später fiel mir fast schockartig ein: Mir selbst war vor vielen Jahren - nicht mit Mauser - etwas Ähnliches passiert wie den Professorinnen. Auch ich hatte es damals nicht angezeigt und dann nahezu verdrängt, als gehörte es nicht zu mir. Der Angreifer war ein älterer Herr mit gutem Stand in der Kulturbranche. Weder war ich aufreizend gekleidet gewesen, noch hatte ich ihn angetrillert, ich zog ihn als Mann nicht entfernt in Betracht. Die Attacke war unvorhersehbar. Mir fehlte jegliche Nahkampferfahrung, ich hatte (und habe bis heute) niemanden geschlagen. Nachdem aber der Moment verpasst war, gab es keine Chance mehr, den Fall zu heilen.

          Erst jetzt, viele Jahre später, begreife ich: Es geht bei solchen Attacken nicht vorrangig um Sexualität, sondern um den Genuss, andere ungestraft schockieren und erniedrigen zu dürfen. Um Machtmissbrauch also. Die Attacke entspricht eher einer unangemeldet verabreichten Ohrfeige - mit dem Unterschied, dass der Täter bei der sexualisierten Beleidigung einer körperlich unterlegenen Frau erstens weniger riskiert als bei der Ohrfeige gegen einen Mann und zweitens bei Kumpels und Öffentlichkeit größere Akzeptanz findet, da er die Tat als grandioses männliches Begehren ausgeben kann.

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          Dabei müsste auch dem dümmsten Mann klar sein, dass er durch einen unvermittelten Angriff, eventuell noch bei offener Bürotür, nicht zu einem Geschlechtsverkehr kommt. Mit erotischem Selbstbewusstsein hat diese Aktion nichts zu tun, im Gegenteil: Ein reifer Mann riskiert, bei einer persönlichen Annäherung auf persönliche Weise abgewiesen zu werden. Nur ein Unter- oder Zurückentwickelter greift ohne Vorwarnung an.

          Machtmissbrauch geht immer mit psychischer Regression einher. Der Täter genießt also die Macht als verringerte Kontrolle. Ein Hausmeister, der eine Institutsangestellte belästigt, wird sofort gefeuert. Deshalb belästigt er sie nicht. Ein Präsident aber scheint sich ziemlich sicher fühlen zu können. Auch wenn er nicht Dienstvorgesetzter ist: Hier greifen soziale und instinktive Automatismen, denen sich kaum einer entziehen kann.

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