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Tschechien und die Flüchtlinge : Eine Nation macht die Tür zu

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Eine kleiner Junge in einem von Zäunen umgrenzten Flüchtlingscamp in Belá pod Bezdezem (Weißwasser), nördlich von Prag. Bild: Getty

Kein Land in Europa weist so entschieden Flüchtlinge ab wie die Tschechische Republik. Was in Deutschland geschieht, gilt als verrückt: Warum die Mehrheit der Tschechen Flüchtlinge so gar nicht willkommen heißen will.

          Nur drei Stunden braucht man von Frankfurt bis zur tschechischen Grenze. Wer sich dort vom Navigationsgerät verführen lässt, einen Grenzübergang anzufahren, den es gar nicht mehr gibt, kommt vor einem Paradox zum Stehen: Verschlossen ist nur das von Gestrüpp und Herbstblättern überwucherte Straßenstück, rechts und links davon sind sämtliche Reste von Stacheldraht und Todesstreifen abgebaut und steht die grüne Grenze jedem offen. Doch je offener die Tschechische Republik seit 1989 geworden ist, desto mehr igelte sie sich ein.

          Kein Land in Europa weist laut Eurobarometer so entschieden und mit solcher Unterstützung durch die Bevölkerung Flüchtlinge ab wie die Tschechische Republik. Sie, die Slowakei und Ungarn sind die Visegrad-Staaten, die sich jedweder Quote aus Brüssel und allen Solidaritätsersuchen aus Berlin und Paris verweigern. „Unbarmherzig“ hat Frankreichs Außenminister Laurent Fabius die Visegrad-Dreiergruppe im Herzen Europas genannt, und man fragt sich an diesen schönen Herbsttagen, da die Stadt von (weißhäutigen) Touristen überzulaufen droht: Warum ist das eigentlich so?

          Das Opfertrauma übertrifft das Tätertrauma

          Der Politologe Jiří Pehe leitet die hiesige Dependance der New York University. Ein Flüchtling war auch er: Als junger Mann ging er 1976 über Jugoslawien und ein italienisches Flüchtlingslager ins Exil nach Amerika. Zurück nach Prag kam er als Kommentator bei Radio Freies Europa und durch die Bestellung zum politischen Berater des ersten frei gewählten Präsidenten Václav Havel. Nun versteht er sein Land immer schlechter, nennt es eine Nation, die ihrer selbst unsicher sei, „ein mehrfach traumatisiertes Land“.

          Tschechien : Pegida-Anhänger demonstrieren in Prag

          Ihrer selbst unsicher - so hat Milan Kundera jene verspäteten Nationen zwischen Deutschland und Russland genannt, die, kaum dem k. u. k. „Völkergefängnis“ entronnen, in den vierziger Jahren zwischen zwei totalitären Mühlsteinen aufgerieben wurden. 1938, nach dem Münchner Abkommen zwischen Hitler und den westlichen „Schutzmächten“, stand die Tschechoslowakei tatsächlich ganz allein da. Dieses Opfertrauma übertrifft bei weitem das Tätertrauma der Massenvertreibung von Millionen deutscher Einwohner 1945, die Vaclav Havel als Verbrechen bezeichnet hat, heute aber kaum noch ein Offizieller so nennen will. Zu verdrängen war diese Untat durch die Erinnerung an die kommunistische Herrschaft: 1948 der Putsch der KP, 1968 der Einmarsch der sozialistischen „Bruderstaaten“.

          Pegida ist im Vergleich ein laues Lüftchen

          In diesem Selbstbild bleibt ausgespart, dass nach dem brutalen Ende des Prager Frühlings geschätzte 300 000 Tschechen ins Ausland flohen und dort ganz überwiegend freundliche Aufnahme fanden. Darauf angesprochen, erhält man oft die Antwort, diese hätten sich in ihrem jeweiligen Exil in Tätigkeiten vom Hausmeister bis zum Universitätsprofessor nützlich gemacht und an die dortigen Landessitten angepasst - was von Muslimen heutzutage nicht zu erwarten sei. Wenn im benachbarten Sachsen Pegida gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ mobil macht, klingt das wie ein laues Lüftchen im Vergleich zu den Vorurteilen, die allen voran der tschechische Staatspräsident Milos Zeman von sich gibt.

          Warten im Flüchtlingslager Bela-Jezova bei Belá pod Bezdezem (Weißwasser).
          Warten im Flüchtlingslager Bela-Jezova bei Belá pod Bezdezem (Weißwasser). : Bild: AFP

          Ähnlich wie in Dresden brachte die lange realsozialistische Selbstisolation mit sich, dass die Tschechen mit Fremden, abgesehen von einigen wenigen separierten Vertragsarbeitern aus dem sozialistischen Ausland, nie konkrete Erfahrungen sammeln konnten. Muslime gibt es in dieser Nation, die im Europavergleich atheistische Spitzenwerte aufweist, so gut wie keine, die einzige Moschee des Landes steht in Brünn, und kein noch so tugendsamer Muslim könnte das gehässige Feindbild von potentiellen Vergewaltigern, Terroristen und Faulpelzen aufbrechen, das mit Milos Zeman beinahe sämtliche einheimischen Medien ausmalen. Viele Tschechen möchten so ahnungslos und empiriefeindlich bleiben wie vor 1989.

          Werte werden ausgebeutet

          Fast verzweifelt fordert dagegen die Soziologin Tereza Stöckelová in der vom Kulturministerium unterstützten Zeitschrift „A 2“: „Lasst uns die muslimischen (und anderen) Ankömmlinge behandeln wie Menschen, die wir nicht kennen, nicht als Gespenster aus der Mottenkiste jahrhundertealter Orient-Stereotypen. Womit wir doch vertraut sein sollten, ist die universalistische Ausdeutung von Werten wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität, zu denen sich unsere Nation offiziell bekennt. Die Ankunft der Flüchtlinge ist die Gelegenheit, diese Werte auch konsistent zu praktizieren.“ Jonathan aus Ghana, der seit gut einem Jahr in Prag Landwirtschaft studiert, erzählt, er habe vor allem in den Städten so gut wie nie ein freundliches Gesicht zu sehen bekommen, und auf dem Land werde er fotografiert wie ein exotisches Tier.

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