Home
http://www.faz.net/-gsf-73r9f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Warum Obama gewinnt Das Paradox des Präsidenten

 ·  Apathie statt Aufbruch: Gerade weil Barack Obama die affektive Lage der Nation verkörpert, wird er auch wiedergewählt werden. Es gibt verhaltenen Pessimismus, aber keine Wechselstimmung.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (12)
© Fricke, Helmut

Ein an die laute Sichtbarkeit europäischer Wahlschlachten gewöhnter Tourist ohne Kenntnis von den Rhythmen amerikanischer Politik käme dieser Tage in New York, Chicago oder San Francisco kaum auf den Gedanken, dass die Vereinigten Staaten in der heißen Phase eines Wahlkampfs um das Weiße Haus stehen - und das ist nichts Neues.

Wahlen zum Amt des Sheriffs in einem County oder auch zum School Board einer Gemeinde machen hier seit jeher lokal mehr auf sich aufmerksam als Präsidentschaftswahlen. Manche Familien pflanzen zwar kleine Schilder mit dem Namen des einen oder anderen Kandidaten in den Rasen vor ihrem Eigenheim, doch das hat nichts zu tun mit der Hektik des Stimmenfangs in europäischen Wahlkämpfen.

In den Alltagsgesprächen spielt die Präsidentschaftswahl zwar schon eher eine Rolle, aber sie erreicht nie die Amplituden europäischer Polit-Erregung. Wie kann man diesen Eindruck - und diese Wirklichkeit - von Apathie erklären? Verschiedenes kommt da zusammen. Einmal, ganz praktisch gesehen, sind sich die beiden großen und allein entscheidenden Parteien, die eher als Wählerbündnisse funktionieren denn als stabile ideologische Konsensfelder, einig in der Skepsis gegenüber der Wirksamkeit von Propagandamaschinerien.

Gründe für die Wahlmattigkeit

Zwar gehört zum Repertoire demokratischer Rhetorik alle zwei Jahre eine verstimmt sozialistisch klingende Klage über das den republikanischen Kandidaten immer wieder zur Verfügung stehende größere Budget für Werbespots im Fernsehen, aber wie wirksam solche Commercials am Ende sind, weiß keiner. Ähnlich verhält es sich mit den vier Prime-Time-Diskussionen zwischen den Kandidaten für Präsidenten- und Vizepräsidentenamt: Niemand kann mit Gewissheit sagen, wie sie langfristig Wahlergebnisse beeinflussen.

Ausschlaggebend für die Wahlmattigkeit ist aber vor allem der besondere Status der zentralen Bundespolitik innerhalb der amerikanischen Bundesstaaten. Es gibt Zeiten, wo ich glaube, vor allem in Santa Clara County zu leben, vor einem kalifornischen Horizont zwar, aber von Washington weiter entfernt als während der deutschen ersten Hälfte meines Lebens.

Was die Statistiken dieses Herbstes angeht, gibt es für die Anhänger des Amtsinhabers nicht viel Grund zur Aufregung - was mich politisch naiven Neu-Amerikaner beruhigt, dem Barack Obama der liebste Präsident aller Zeiten geworden ist. Genau zwei Monate vor dem Wahltag sollen 49 Prozent von denen, die überhaupt eine Stimme abgeben werden, für Obama gewesen sein, 46 Prozent für Romney, und nur fünf Prozent hatten ihre Entscheidung noch nicht getroffen.

In den vergangenen Wochen hat sich diese Konfiguration kaum verändert, bei geringen Kursschwankungen zugunsten des Präsidenten nach der Veröffentlichung überraschend guter Statistiken vom Arbeitsmarkt; und zugunsten des Herausforderers nach der ersten Fernsehdebatte, deren Wirkung aber wohl durch die Diskussion vom vergangenen Dienstag wieder neutralisiert worden ist.

Versatzstücke einer politischen Situation

Wählermehrheiten halten Obama schon seit langem für überlegen auf den Gebieten der Außen-, Mittelstands- und Gesundheitspolitik, wogegen Romney ein etwas größeres finanzpolitisches Vertrauen aktiviert. Von Tag zu Tag jedenfalls wird der dramatische Stimmungsumschwung unwahrscheinlicher, auf den Romney angewiesen ist, zumal die meisten Amerikaner den abstrakten Horizont vielfacher Kompetenzvergleiche zwischen den Kandidaten, wie ihn der Wahlkampf inszeniert, kaum mit immer noch möglichen konkreten Veränderungen in ihrem Alltag verbinden.

All diese insgesamt für den amtierenden Präsidenten eher günstigen Versatzstücke einer politischen Situation am Ende der Legislaturperiode sehen aus wie „business as usual“ - nicht nur in den Vereinigten Staaten. Doch im Amerika von heute konvergieren sie mit einer nationalen Dysphorie, mit einer kollektiven Verstimmung, für die niemand als spezifisch verantwortlich gilt, obwohl sie allmählich Barack Obamas Gesicht verändert hat - und ihm am Ende den Wahlsieg sichern wird.

Darin liegt das Obama-Paradox, dessen Grund und Voraussetzung vielschichtige Eindrücke der Ambivalenz bei den meisten Amerikanern sind. Sie halten ihre persönliche (und nationale) Wirtschaftssituation für prekärer als zur Zeit von Obamas erstem Wahlsieg, und die akkumulierten individuellen Gefühle sind längst zu einer Krise des Mittelstands angeschwollen, der sich inzwischen als nationalen Opferstand ansieht.

Aber zugleich ist eine Erinnerung an die vor vier Jahren realistisch erscheinende extreme Befürchtung noch nicht ganz geschwunden, dass der Staat und mit ihm das Land ökonomisch implodieren könnten. Diese Gefahr, sollte sie real je existiert haben, scheint heute überwunden, obwohl ihre Drohung aus einer gewissen affektiven Distanz nachwirkt.

Bilanz aus Erfolg und Verstimmung

Und analoge Strukturen einer kollektiven Gefühlsambivalenz wiederholen sich mehrfach. Zum Beispiel hat Obama in der verstrichenen Zeit - darin liegt ja sein innenpolitisches Meisterstück, mit dem er selbst größere Meister des Metiers wie Bill Clinton überbot - einige Elemente eines sozialfreundlich zu nennenden Gesundheitssystems durchgesetzt und gegen vor allem juristische Widerstände bewahrt, so weit es auch hinter den zunächst utopischen Hoffnungen zurückgeblieben ist.

Selbst in der außenpolitischen Bilanz kehrt das Verhältnis von Erfolg und Verstimmung wieder. Die Vereinigten Staaten haben seit 2008 keinen Krieg gewinnen können und keinen Schritt zurück zum Status der unbestritten dominierenden Weltmacht vollzogen, doch sie sind auch nicht das Risiko eines neues Krieges eingegangen, während sie das Engagement im Irak zum Abschluss gebracht und das in Afghanistan reduziert haben, ohne dabei gewonnenes politisches Terrain zu verlieren.

Die Gefühlslage der Wähler sieht also gemischt aus: Finanzielle und symbolische Kontostände sind bestenfalls nicht deutlich zurückgegangen; doch wird dies vor einer in der nationalen Psyche nur langsam vernarbenden Erinnerung an weit schlimmere Befürchtungen erlebt. Die von Romney und Obama als Reaktion auf diese in der Geschichte der Vereinigten Staaten ganz neue Stimmungslage vertretenen Rezepte sind erstaunlich konventionell.

Weniger Steuern und weniger Staat als Embleme seines Glaubens an die individuelle Initiative verspricht der Herausforderer, wogegen der Präsident in manchmal entnervender Bescheidenheit um etwas mehr Geduld bittet für die Effizienz von staatlichen Initiativen zu Verbesserungen in der Situation des Mittelstands.

Milliardäre reden wie Sozialdemokraten

Ab und an scheinen die kontrastierenden Rhetoriken mit denen europäischer Wahlkämpfe identisch, doch sind ihre Resonanzen von der europäischen Situation sehr verschieden. In der amerikanischen Gesellschaft gibt es Millionen von Unterprivilegierten, die an die heilende Macht individueller Initiative glauben und deshalb jede staatliche Intervention zu ihren Gunsten ablehnen, wogegen nicht wenige Milliardäre reden und agieren wie Sozialdemokraten.

Fast nichts hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert an der Struktur dieses Kontrasts, und das gilt wohl auch für Grundstrukturen der Wählerdemographie. Afroamerikaner, sofern sie überhaupt zur Wahl gehen, werden weiter fast geschlossen auf den bisherigen Präsidenten setzen, und das gilt am Ende selbst für jene Intellektuellen, die während der vier Obama-Jahre ein Glaubensbekenntnis aus ihrer Klage über die gelegentliche sozial- und außenpolitische Kompromissbereitschaft des Präsidenten gemacht haben. Insofern gibt es tatsächlich nichts Neues im Vorfeld der Wahlen.

Spürbar verändert haben sich vor allem das Gesicht und der Ton des Präsidenten. Das wurde schon während des Nominierungsparteitags der Demokraten deutlich und geriet zu einer Enttäuschung, ja einer vorübergehenden Wahlkampfkrise nach der ersten Fernsehdiskussion zwischen den beiden Kandidaten.

Aus dem Bild der Lichtgestalt im letzten Wahlkampf, das Energien zu einem neuen Aufbruch freisetzen konnte und in dem selbst die Anhänger seines damaligen Rivalen erhebliche Führungsqualitäten sahen, ist das Charisma und Anmut nicht mehr hervorhebende Porträt eines distanzierten Harvard-Intellektuellen geworden.

Er setzt zwar immer noch erhebliche Sympathiewerte frei, sieht aber inzwischen aus wie ein Anthropologe oder Psychoanalytiker seiner Nation, dem es schwerfällt zu verstehen, dass seine Analyse- und Problemlösungskraft in der Krisensituation nicht universal wahrgenommen und anerkannt wird.

Möglicherweise der wahre Obama

Das ist nicht mehr der Barack Obama des „Yes, we can“ - aber möglicherweise ist es der wahre Obama. Doch an persönlicher Authentizität ist wenig gelegen in einem Wahlkampf. Jedenfalls hat sich der Präsident Optimismus für eine bessere Zukunft längst abgewöhnt. Damit ist er - ob programmatisch oder vorbewusst intuitiv - jedenfalls als erster Politiker mit einer affektiven Lage des Landes synchron geworden, die substantiell neu ist in der Geschichte der Vereinigten Staaten, während Romney mit dem für einen Herausforderer verpflichtenden, in seinem Fall aber immer etwas zu frommen Optimismus Momente der Disharmonie hervorbringt.

Situationen, über die man retrospektiv konstatierte, dass sich die eigene und die nationale Lage kurzfristig verschlechtert hatten, gab es wohl ab und an in den knapp zweieinhalb Jahrhunderten seit der Staatsgründung. Statistisch viel drastischer aber - und eben historisch neu - ist der verhaltene Pessimismus im langfristigen Blick auf die Zukunft: Nur 31 Prozent der amerikanischen Bürger glauben heute, dass das Leben der nächsten Generation besser sein wird als ihr eigenes; 45 Prozent sind überzeugt, dass eine erhebliche Verschlechterung eintreten muss. Unter solchen Vorzeichen kämpfen Politiker darum, dass die nationalen Industrien wieder im Land produzieren, und von Expansion ist erst einmal nicht die Rede.

Ein solcher Stimmungsumschlag in der Befindlichkeit der Nation wird nicht mit individuellen Politikern und einzelnen Legislaturperioden assoziiert. So wenig der durchschnittliche amerikanische Wähler auch Machtverschiebungen außerhalb der eigenen Grenzen wahrnimmt, ein Kollektivgefühl vom drohenden Abstieg hat sich verbreitet - und mit ihm jene Disposition, die man auf Deutsch „Besitzstandswahrung“ nennt. „Es hätte viel schlimmer kommen können, aber wir sind noch einmal glimpflich davongekommen“ - das scheint in vielen Dimensionen das dominante Gefühl eines neuen Amerika zu sein, das man mit den Obama-Jahren assoziiert und das der Präsident verkörpert.

Und dass sich nicht allzu viel verändert hat, wird - vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte des Landes - als Erfolg gewertet. Ein euphorischer Präsident, der stolz seine Leistungen hervorhöbe und den Gegenkandidaten selbstsicher abkanzelte, wäre eine Gestalt der Dissonanz im langfristigen Stimmungsumschlag. So sieht die einigermaßen komplizierte Innenstruktur des Obama-Paradoxons aus, das für den Präsidenten nach aller Wahrscheinlichkeit die Wahl gewinnen wird.

Vorübergehende Phase der Verunsicherung

Ob sich die Vereinigten Staaten heute tatsächlich am Beginn einer unumkehrbaren Dekadenz befinden, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wer auf die Reihen der Nobelpreisträger im vergangenen Jahrzehnt sieht, auf den Ursprung von Innovationsschüben in der elektronischen Industrie oder auch nur auf aktuelle Wirtschaftsstatistiken im internationalen Kontext, der könnte zu ganz anderen Prognosen gelangen - und würde die amerikanische Gegenwart vielleicht als ein Tal, als eine vorübergehende Phase nationaler Verunsicherung beschreiben.

Barack Obama jedenfalls ist der Präsident der neuen kollektiven Verstimmung geworden, was seine Wiederwahl wahrscheinlich befördern wird, so sehr uns auch die gelegentliche Apathie von heute den charismatischen Obama von 2008 vermissen lässt. Gerade in dieser Hinsicht ist er der amerikanischen Gesellschaft ähnlicher, als es seine früher so zahlreichen europäischen Bewunderer wahrhaben wollen.

Für sie ist Pessimismus in Bezug auf Obamas Wiederwahl eine letzte Rückzugsposition für die Meinung, dass ein dekadentes Amerika seinen frühen anmutigen, heute distanziert-vernünftigen und in Europa immer noch beliebten Präsidenten nicht recht verdient habe.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen