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Architektur in der Krise : Leben im Aktenordner

Leben im Aktenordner: Wie kommt es, dass die meisten Neubauten in unseren Städten nicht nur unbezahlbar, sondern auch noch sehr hässlich sind? Und was kann dagegen getan werden? Straße im Herzen Berlins. Bild: Matthias Lüdecke

Warum müssen neue Luxuswohnungen so hässlich sein? Die Antwort liegt im Grund und Boden. Die Architekturwelt stellt deshalb eine viel grundsätzlichere Frage.

          Das neue Haus steht an einer Straßenecke in einem der schöneren Viertel von Berlin. Es ist sehr hässlich. Es sieht so trostlos aus, dass selbst die Berliner, die hässliche neue Häuser gewohnt sind und sie mittlerweile als Naturgesetzlichkeit wie zu warme Winter oder verregnete Sommer akzeptiert haben, kurz stehen bleiben, die Faust schütteln und erst dann mit eingezogenen Köpfen weitertrotten. Das Haus hat von allem nur das Nötigste; die Decken sind niedrig, man schlüpft schamvoll zwischen Tiefgarageneinfahrt und Abluftgittern hinein.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei ist das Haus nicht billig; der Quadratmeter kostet 10.000 Euro und mehr. Man hat dem Haus ein paar lustlos schlingernde Balkone umgehängt; von außen erinnert es an die zerfließenden Buchstaben der Sendung „Wetten, dass ..?“, die auftauchten, wenn jemand eine Wette verloren hatte. Das Haus hat nichts, was das sogenannte großbürgerliche Bauen einmal ausmachte: die Opulenz, die hohen Decken, der Fassaden-Potlatch aus Karyatiden und Gesimsen und hohen Decken und Erkern. Wenn die Logik des entfesselten Markts eine unverstellte Form annimmt, dann ausgerechnet in den Bauten, die ihren Kunden mit Roofpools, Gym und Spa-Bereich Erholung von seinen Verwüstungen versprechen: Die neuen Fassaden bilden vor allem die Gewinnabsichten ihrer Erbauer ab.

          Fragt man die, was der Grund für das Desaster ist, klagen sie, die Baukosten seien so hoch, dass man kaum noch Gewinne machen könne; schon Grund und Boden würden ein Drittel der Investition verschlingen, in Städten wie München seien es auch gern einmal mehr als 50 Prozent der Bausumme. Private Bauträger klagen, bei den aktuellen Bodenpreisen sei es eigentlich nur noch möglich, Luxuswohnungen zu bauen, die dann trotzdem aussehen wie ambitioniert überschminkte Sozialbauten.

          Die Folgen der Preisexplosion sind dramatisch. Nach einer Studie der Berliner Humboldt-Universität mussten einkommensschwache Haushalte knapp 40 Prozent ihres Einkommens für die Bruttokaltmiete aufbringen; in München muss man mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens verdienen, um neu gekauftes Wohneigentum aus dem laufenden Einkommen zu finanzieren – wozu nur zwei Prozent aller Haushalte in der Lage sind. Selbst das klassische Bürgertum kann sich die Stadt nicht mehr leisten und wird an die Peripherie gedrängt; die Zentren verkommen zu begehbaren Anlagedepots mit ein paar Folklorerummelbuden für herumstreunende Touristen.

          Jetzt wollen die Kommunen wieder schnell und kostengünstig bauen

          Und so hat die Architekturwelt seit neuestem ein neues Lieblingsthema: den Boden. Die Zeitschrift „Arch+“ und die „Stadtbauwelt“ haben gerade lesenswerte Sonderhefte zur „Bodenfrage“ herausgebracht, auf der Architekturbiennale von Venedig, die Ende Mai eröffnet, wird das Thema die Diskussion beherrschen, und der Ton wirkt, als habe man die alten Lautsprecher aus dem Mai 1968 entrostet: Statt Detailverbesserungen und leichter Verordnungsentschlackung wird nach einer Revolution der Besitzverhältnisse gerufen, danach, sich die Stadt aus der Hand der Spekulanten zurückzuholen.

          Eine grundsätzlichere Debatte hatte die Architekturwelt seit langem nicht. Das Argument, das Desaster des aktuellen Bauens beginne schon mit dem Grund, bekommt man auch von denen zu hören, die gegen die neue deutsche Wohnungsnot anbauen sollen: Bis 2021 sollen mindestens zwei Milliarden Euro in den sozialen Wohnungsbau investiert werden. Die Städte und Gemeinden, die ihre Liegenschaften zur Sanierung der Kassen jahrelang meistbietend an Investoren verhökert hatten und so die Gestaltung des Gemeinwesens an wenige Private delegierten, sie wollen jetzt wieder schnell und kostengünstig bauen. Aber wie?

          Und wenn sich die Formen unserer Arbeit schneller als gedacht ändern?

          Auch ohne die Bodenfrage gäbe es genug Hindernisse. Die Wohnungsbaugesellschaften suchen ihr Heil im „Typenwohnungsbau“, denn Typisierung spart Zeit beim Genehmigungsvorgang, und sie spart Architektenhonorare; womit vor allem auf ein Problem reagiert wird, das die Bauverwaltung selbst geschaffen hat. Mit dem Typenwohnungsbau kommt aber auch die Normierung der Gesellschaft über standardisierte Grundrisse und Bauformen zurück, oft wird für Singles oder „junge Familien“ gebaut, obwohl in den Städten der Bedarf für ganz andere Zusammenlebensformen – drei Alleinerziehende mit Kindern, sechs Rentner, neue, postbiologische Großfamilienkonstellationen – groß ist. An denen wird aber oft vorbeitypisiert; die öffentliche Hand betoniert aus Kostenpanik ein Gesellschaftsmodell der fünfziger Jahre. Dass das Bundesverfassungsgericht gerade entschied, dass die Bemessung der Grundsteuer verfassungswidrig sei, da sie seit den sechziger Jahren nicht den veränderten Werten angepasst wurde, zeigt auch nur, auf wie baufälligen Säulen das Bauen in Deutschland generell steht.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Kaum wird auch darüber geredet, welche Folgen es fürs Bauen haben wird, wenn sich die Art der Arbeit ändert: Man muss gar kein Anhänger der These sein, dass Robotisierung und Automatisierung so viele Arbeitsplätze vernichten werden, dass wir ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle brauchen, die in Zukunft ohne Arbeit in den Städten leben, um zuzugeben, dass die Stadtplanung oft auch an einer konservativen Vorstellung von der Zukunft der Arbeit krankt: Gebaut wird mehrheitlich für Leute, die morgens vom Schlaf- und Wohnort zur Arbeit in ein Büroviertel fahren. Wenn sich die Formen unserer Arbeit schneller als gedacht ändern: Was heißt das für die Nutzung öffentlicher Räume?

          Ein typisches Beispiel für die surreale Arbeit der Groko

          Zu solch weiterreichenden Fragen kommen die Planer auch deswegen nicht, weil sie es dort, wo sie die Stadt verdichten könnten, mit der Renitenz der Anwohner zu tun bekommen; die bei der bloßen Erwähnung des Wortes „Kleingärtner“ sofort kalkweißen Gesichter von Bauplanern verraten viel. Dazu kommt, dass kaum ein Baupolitiker sich traut, die übertriebenen Standards zu hinterfragen, die das Bauen teuer machen: Energiestandards, Lärmschutz, Komfort. So bleibt der „Baukostensenkungskommission“ nur der Blick auf den Boden.

          Wie soll man aus dieser Misere herauskommen? Hier gibt es zwei Ansätze: Die Lobby der Bauindustrie fordert, mehr Bauland auszuschreiben; so würde der Druck geringer. Als das Kabinett eine Novelle des Baugesetzes verabschiedete, die es erlaubt, in Innenstädten dichter und höher zu bauen, setzte die CSU einen Passus durch, der es Gemeinden erlaubt, ihre Ränder munter zu zersiedeln. Die Novelle ist ein typisches Beispiel für die surreale Arbeit der Groko: Auf der einen Seite besteht man diktatorisch darauf, die Häuser im Namen des Klimaschutzes bis unter die Dachkante mit nicht eben umweltfreundlichen und nicht eben ewig haltbaren Schaumstoffplatten zu dämmen, auf der anderen Seite führt CSU-Klientelpolitik dazu, dass die Zersiedlung der Landschaft und ihre Folgen, erhöhter Pendlerverkehr und energieintensiver Flächenfraß, gefördert werden. Die Energieeinsparungen dürften unterm Strich bei null liegen.

          Die Kosten tragen alle, der Gewinn geht an wenige

          Und es stimmt auch nicht, dass zu wenig Bauland ausgeschrieben wird; das Problem ist die Hortung des Baulands durch Spekulanten. Investoren lassen Grundstücke, auf denen gebaut werden könnte, brachliegen – weil die Preise für Bauland schneller in die Höhe schießen als die für fertige Häuser. Die „Zeit“ berichtet vom Fall der Immobiliengruppe Comer, die versprach, auf ihren brachliegenden Grundstücken in Berlin 2700 Wohnungen zu bauen; gebaut wurde nichts. Die Comers gelten als „Landbanker“, die auf steigende Preise spekulieren.

          Vor allem solche Praktiken führen dazu, dass immer energischer gefordert wird, Grund und Boden nicht länger ungezügelten Marktkräften auszusetzen, sondern sie wie Luft und Wasser als Grundlebensmittel zu betrachten. Schon 1967 stellte das Bundesverfassungsgericht klar: „Die Tatsache, dass der Grund und Boden unvermehrbar und unentbehrlich ist, verbietet es, seine Nutzung dem unübersehbaren Spiel der Kräfte und dem Belieben des Einzelnen vollständig zu überlassen.“ Mittlerweile wird der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel, der schon 1975 eine Reform des Bodenrechts und die Aufteilung von Grund und Boden in ein Nutzungs- und Verfügungseigentum forderte, als Vordenker der Bodenrevolutionäre gefeiert. In dem Film „The Property Drama“ erklärt er, dass der Bodenpreis in München von 1950 bis 1972 um 352 Prozent gestiegen sei „und bis heute um etwa 36.000 Prozent“: „Die eigentliche Leistung entsteht durchs Planen und Bauen und die Anstrengungen der Kommune, die Straßen baut, U-Bahnen, Schulen. Die Kosten tragen alle, der Gewinn geht an wenige. Das muss korrigiert“, der „leistungslose Gewinn abgeschöpft werden“. Erste milde Versuche laufen. Bei der „sozialgerechten Bodennutzung“ kann die Kommune einen Teil des Bodenwertgewinns heranziehen, um die Infrastruktur zu finanzieren.

          Die neue ideologische Demarkationslinie der Architekturwelt

          Die Reformer verlangen mehr. Sie sehen die Idee des privaten Grundeigentums als Anomalie an und verlangen, dass die öffentliche Hand, wie oft in Holland oder Dänemark, Eigentümer bleibt und lediglich Erbbaurechte vergibt. Sie fordern, dass Städte und Gemeinden Flächen auf- und zurückkaufen. Sie berufen sich auf den Sozialphilosophen Henry George, der erklärte, die „Aneignung des Grundes, auf dem und von dem alle leben müssen, als ausschließliches Eigentum einiger weniger“, sei die ursprüngliche, fundamentale Ungerechtigkeit.

          Gegen die, die jetzt eine Rückkehr des Staats als Käufer und Planer des städtischen Grunds fordern, stehen die Anhänger einer neoliberalen Wende der Wohnungspolitik. Patrik Schumacher, Büropartner der verstorbenen Architektin Zaha Hadid, fordert den totalen Rückzug des Staats, die „Abschaffung aller Formen des sozialen und preisgünstigen Wohnungsbaus, aller Formen von Mietkontrolle“ sowie die Privatisierung aller Straßen und Plätze. Dies sei „Grundvoraussetzung für weitere Produktivitätssteigerungen in unserer postfordistischen Netzwerkgesellschaft“, wer befreit von staatlicher Gängelung baue, um auf dem Markt zu bestehen, baue besser und innovativer: Für den libertarian entsteht eine lebendige Stadtgesellschaft im Kampf freier Kräfte, für die Bodenreformer zerstören gerade diese Kräfte das, was die Stadt als „Ort für alle“ ausmacht. Hier verläuft die neue ideologische Demarkationslinie der Architekturwelt. Nur eine Bodenstiftung, die den Grund ausschließlich in Erbpacht vergibt und Regeln für das, was gebaut wird, auferlegen kann, könne die Stadt als Zivilisationsmodell retten, sagen die Bodenreformer, und nicht nur bezahlbare Wohnungen, sondern auch neue Wohnformen ermöglichen, die bisher nur von privilegierten Privaten errichtet werden: Im Zürcher Genossenschaftsbau Kalkbreite gibt es Mikro-Wohnungen für Singles, aber auch sehr große Wohneinheiten, in der sich fünfzig Menschen Gemeinschaftsräume teilen.

          Was deutsche Städte gerade auch für Reiche lebenswert macht

          In Schumachers Modell wird das, was die Gesellschaft als Ganzes geschaffen hat, Plätze und Infrastruktur, von denen, die die Mittel dazu haben, privatisiert. Die „Produzenten“ dieser Werte (darunter auch, wie feministische Architekturtheoretikerinnen betonen, die un- oder unterbezahlten Menschen, die sich um Pflege und Erziehung, um die reproduktive Arbeit kümmern und so den Erfolg der produktiv Arbeitenden erst möglich machen), denen eine Dividende zustünde, werden abgedrängt an die Ränder und aufs Land, wo das Leben billiger ist. Schumacher glaubt, dass die neuen Smart Cities, wenn sie einmal von den Steuerungsabsichten des Staats befreit werden, „zu einem Superhirn“, einer einzigen künstlichen Intelligenz heranwachsen, von der auch die in Vororte und Suburbs abgedrängten Geringverdiener etwas hätten, und wenn es ein Anreiz sei, sich ins Zentrum vorzuarbeiten: „Ich habe keine Angst davor – ich begrüße es vielmehr“, sagt er, „eine Art von Cyborg zu werden, der von K. I. durchdrungen und Teil einer neuen Ökologie ist. Ein semi-organischer, semi-siliziumbasierter Mensch. Und dafür brauchen wir freies Unternehmertum und die entsprechenden Ressourcen, auch was Eigentum an Grund und Boden betrifft.“

          Der Architekturtheoretiker Florian Hertweck entgegnet, dass die Folgen die soziale Entmischung und die Abschottung ganzer Gebäudekomplexe seien. Was das für den sozialen Frieden bedeutet, kann man heute schon in Lateinamerika erleben – denn die aus Schumachers K.-I.-Welt Verdrängten werden keine hochmotivierten friedlichen Ameisen sein, die sich gern ins Zentrum vorarbeiten, sondern frustriert, verzweifelt, zu allem entschlossen.

          Was deutsche Städte gerade auch für Reiche lebenswert macht, ist die Möglichkeit, mit dem Porsche aus der postfordistischen Hochleistungswohnanlage zur Oper zu fahren, ohne dass einem an der ersten roten Ampel einer eine Kanone an die semi-siliziumbasierte Cyborgstirn hält. Dass das selten passiert, hat mit allgemeiner Zufriedenheit zu tun – und die etwas damit, wie man lebt. „Die Grundstückspreise steigen in einem Maße, dass es nicht zu verantworten ist, diese Gewinne unversteuert in die Taschen weniger fließen zu lassen.“ Das sagte im Jahr 1970 kein linksradikaler Irrer, sondern Franz Josef Strauß. Man kann nur hoffen, dass der neue CSU-Bau- und Heimatminister Seehofer sich wenigstens an ihn erinnert, denn sonst könnte es in den rein marktgesteuerten KI-Städten schnell für alle sehr unheimlich werden.

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