http://www.faz.net/-gqz-8e46u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.02.2016, 17:17 Uhr

Hillary Clintons Wahlkampf Wie man sich an Politik bereichert

Eine erste amerikanische Präsidentin? Hillary Clinton hat trotz ihres Sieges bei der Vorwahl in South Carolina zu viele Nachteile: Sie steht für Clan-Denken, Unaufrichtigkeit und Geldgier. Ein Gastbeitrag.

von Stephan Richter
© dpa Hillary Clinton und ihr Mann, der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton

Hillary Clinton mag es am Ende gelingen, den Vorwahlkampf erfolgreich zu überstehen. Doch das Ausscheidungsrennen ist unerwartet zu einem echten Rennen geworden. Ihr Kontrahent Bernie Sanders, 74 Jahre alt, bezeichnet sich selbst als „Sozialist“. Wie obskur diese Selbstbeschreibung ist, zeigt sich daran, dass Sanders bei der Gesundheitsreform und im Universitätswesen nur das durchsetzen will, was in Deutschland mehr oder minder schon seit Bismarcks Zeiten Gesetz ist. Mit einem solchen Mann sollte Frau Clinton samt ihrer vermeintlich übermächtigen Wahlkampfmaschine und der Unterstützung des gesamten Parteiapparates eigentlich leichtes Spiel haben. Sanders wurde lange Zeit als ein chancenloser Sparringspartner angesehen, der die Frau Bill Clintons mittels einiger Debatten wenigstens etwas auf den Schlagabtausch im Hauptwahlkampf gegen den republikanischen Kandidaten vorbereiten würde.

Das bezeugt die Verwundbarkeit von Hillary Clinton im Hauptwahlkampf, etwa gegen ein Doppelgespann Trump/Rubio. Wenn die amerikanische Gegenwartsgeschichte diesen Lauf nimmt und Hillary Clinton scheitert, wäre das ein Erdbeben. Hillarys Grundüberzeugung, dass ihr die in Amerika vielbetonten „identity politics“ zum Wahlsieg helfen würden, hätte dann eine Widerlegung erhalten. Schon jetzt zeigt sich, dass Frauen, die vom Clinton-Clan als Wählerbank gesetzt worden waren, sich von der vermeintlichen Königin abwenden. Ihnen gefällt der dynastische Hintergrund nicht, auf den sich die Clintons zu stützen suchen. Dass die Bush-Dynastie im republikanischen Lager eine Abfuhr erhalten hat, macht die Lage für die Demokraten nicht angenehmer.

Die große Selbstinszenierung

Die Selbstzerstörung nahm ihren Lauf, als im Juni 2014 in der „New York Times“ Geschichten über ihre Rednerhonorare erschienen. Die Honorare waren nicht nur exorbitant hoch; es gab auch andere Einzelheiten, die, vorsichtig formuliert, auf einen divenhaften Charakter schließen ließen. Das eigentlich Fatale an dem Ganzen war dabei gar nicht die jetzt so im Vordergrund stehende Causa Goldman Sachs, sondern, dass Hillary Clinton bei Reden vor öffentlichen (nicht privaten) amerikanischen Universitäten oftmals genauso sehr auf das Geldscheffeln bedacht war. Wer soll unter solchen Vorzeichen Präsident werden und in Zeiten der Einkommensstagnation, anhaltender Arbeitslosigkeit und grassierender Unterbeschäftigung breiter Bevölkerungsschichten?

Bernie Sanders Holds Campaign Rally In Minnesota On SC Primary Night © AFP Vergrößern Auf ihm ruhen die Hoffnungen der Linken, doch das Establishment der Demokraten scheint stärker zu sein: Bernie Sanders.

Hillary Clintons aktuelle Beteuerungen, dass sie zu jenem Zeitpunkt ja noch gar nicht geplant habe, einen Präsidentschaftswahlkampf zu unternehmen, überzeugt außer ihren Huldigern, von denen es innerhalb ihrer Partei durchaus Heerscharen gibt, niemanden. Jeder weiß, dass sie seit Jahren große Vorsicht walten lässt, um ihr Lebensziel zu verwirklichen. Die permanente, maliziöse republikanische Angriffsmaschine hat sie geprägt. Doch in jenem vielleicht entscheidenden Punkt entschied sie sich, alle Vorsicht über den Haufen zu werfen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wahlkampf in Amerika Bernie Sanders kämpft weiter

Auch wenn er nur noch eine theoretische Chance auf eine Nominierung hat, will der Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders nicht aufgeben. Seinen Fans verspricht er: Die Revolution muss weitergehen. Mehr

17.06.2016, 06:02 Uhr | Politik
Amerika Debatte über Wahlsystem der Demokraten

Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders hat kaum noch Chancen, Konkurrentin Hillary Clinton aus dem Rennen zu befördern. Die frühere Außenministerin kann nämlich auf zahlreiche Superdelegierte bauen, die ihr bereits ihre Stimme zugesagt haben. Doch im Sanders-Lager regt sich Widerstand gegen das Wahlsystem. Mehr

06.06.2016, 08:06 Uhr | Politik
Clintons Wirtschaftsplan Mehr Sanders wagen

Hillary Clinton hat ihr Wirtschaftsprogramm für den Wahlkampf gegen Donald Trump vorgestellt. Dabei macht sie klare Zugeständnisse an ihren parteiinternen Konkurrenten Bernie Sanders. Mehr

23.06.2016, 05:55 Uhr | Politik
Clinton gegen Trump Heftiger Streit im amerikanischen Wahlkampf über Islam nach Massaker

Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton warnte am Montag davor, eine ganze Religion zu dämonisieren. Ihr republikanischer Kontrahent Donald Trump warf muslimischen Gemeinden vor, nicht mit Behörden im Kampf gegen potenzielle Gewalttäter zusammenzuarbeiten. Mehr

14.06.2016, 16:05 Uhr | Politik
Vereinigte Staaten Sanders will Clinton wählen

Bernie Sanders hat seiner innerparteilichen Konkurrentin Hillary Clinton die Unterstützung bei den Präsidentschaftswahlen zugesagt. Offiziell hat er sich aus dem Rennen um die Kandidatur aber noch immer nicht verabschiedet. Mehr

24.06.2016, 14:32 Uhr | Politik
Glosse

Revolte der Körper

Von Thomas Thiel

Politik richtet sich an den Verstand. Doch die abstrakte Weltpolitik lässt die Körper revoltieren. Zum Vorteil der Patriarchen. Mehr 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“