http://www.faz.net/-gqz-8xiap

Debatte um Einheitsdenkmal : Weg mit der Wippe!

  • -Aktualisiert am

Die im Dunkeln sieht man: Computer-Modell des umstrittenen Einheitsdenkmals in Berlin. Bild: dpa

In Berlins Mitte geht es ums Ganze – Freiheit, Einheit, Schinkel, Humboldt, Kolonialgeschichte, Globalisierung. Dass die goldene Wippe dabei stört, ist keine Frage. Ein Gastbeitrag.

          Wer sich in diesen Tagen an den Debatten über die Mitte Berlins beteiligt, erlebt einen Identitätskonstruktionswettkampf, der die einstige Spaltung der Stadt und die langjährige Spaltung der Welt in geradezu idealtypischer Weise in die Gegenwart übersetzt: Ältere Politiker aus dem Osten wollen unbedingt ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Gestalt einer goldenen Wippe, Schaukel oder Waage gebaut sehen, ohne auf die qualifizierte Kritik an diesem Entwurf einzugehen; dafür haben sie jetzt auch die Bundesmittel und die Unterstützung von CDU und SPD.

          Auf der anderen Seite des Spreekanals wollen seit zwanzig Jahren (inzwischen) ältere Architekten aus dem Westen in der Gegend, wo 1995/96 das Außenministerium der DDR abgerissen wurde, die 1962 abgerissene Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel neu bauen – und haben dafür jetzt, nach langer Durststrecke, überraschend auch Bundesmittel, müssen aber nun erleben, dass das sprunghaft angestiegene öffentliche Interesse auch Widerspruch erzeugt.

          Stadt, Staat und Gesellschaft

          Unterdessen bemühen sich drei Intendanten darum, im immer massiver werdenden neuen Barockschloss das Humboldt-Forum als nahen Ort der Versöhnung mit fernen Welten zu erfinden. Auch hier fließen Bundesmittel. Alle drei Projekte betreffen und bewegen die Protagonisten, Befürworter wie Gegner, in ihrem Innersten, in ihrem Verhältnis zur Geschichte, zur Stadt, zum Staat und zu sich selbst. Und sie sind räumlich, politisch und historisch eng miteinander verwoben.

          Die Streiter, die im Herbst 1989 in den Städten der DDR auf die Straße gingen und mit ihrem Ruf „Wir sind das Volk“ der Staatsführung laut und öffentlich ihre Zustimmung entzogen, sollen mit einem Denkmal gewürdigt werden. Dagegen spricht nichts. Gegen die Form und die Botschaft des derzeit in Berlin geplanten Denkmals spricht allerdings sehr viel. Die Riesenschale auf dem historischen Denkmalsockel vor dem Schloss ist eine ganz große Form. Als freistehender Bühnenbau soll sie von „Bürgern in Bewegung“ begangen werden und so ihren Sinn erhalten. Aber die Bewegung der Besucher, die die Schale betreten und sich in Gruppen zusammentun können, um sie zu einseitiger Neigung zu bringen, bedeutet nichts über die bloße Bewegungserfahrung Hinausweisendes. Es ist nicht wichtig, ob man nach rechts aufsteigt und nach links absinkt oder umgekehrt, ob man dabei nach Osten blickt oder nach Westen. Es gehe nicht um Richtungsentscheidungen, sondern um das Gemeinschaftserleben in der Bewegung, sagen die Denkmalstifter.

          Das Humboldt Forum in der Entstehung: Im Berliner Stadtschloss sollen ab 2019 Ausstellungen über außereuropäische Kulturen gezeigt werden

          Eine Denkmalanlage als Ort für spielerischen Freizeitspaß: vielleicht ein bisschen zu locker und albern für ein deutsches Freiheits- und Einheitsdenkmal, aber, als programmatischer Pathosverzicht verstanden, beinahe schon wieder sympathisch – wäre da nicht diese überdimensionierte Schrift: WIR SIND DAS VOLK. WIR SIND EIN VOLK. Die beiden Sätze hatten im Herbst 1989 mobilisierende Schwungkraft und haben ohne Frage große historische Bedeutung. Die stark vergrößerten Buchstaben auf dem Denkmalentwurf machen indes den historisch-kritischen Sinn der Worte unkenntlich. Sie erscheinen wie eine heutige Aussage.

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Die meisten Deutschen überschätzen die Stromkosten zum Aufladen eines Smartphones.

          Umfrage zu Energiekosten : Was kostet es, mein Smartphone aufzuladen?

          Viele Verbraucher können den Stromverbrauch einzelner Geräte nur schlecht einschätzen. Vor allem beim eigenen Smartphone gehen die Schätzungen der Deutschen weit an der Realität vorbei.
          Sie können es nicht mehr sehen? Von wegen: ARD und ZDF verwehrten Inhalte wie beispielsweise Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen, für die sie selbst keine Verwendung mehr haben fröhlich weiter

          ARD und ZDF als Pay-TV : Geld verdienen mit goldenen Zeiten

          Das Beste der Siebziger, Achtziger, aber nicht von heute: ARD und ZDF gibt es jetzt auch als Bezahlangebot bei der Telekom. Öffentlich-rechtliches Programm hinter einer Bezahlschranke? Das wirft grundsätzliche Fragen auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.