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Flucht aus Albanien : Ein Land ohne future

Der Strand von Durrës Bild: AFP

In Albanien gibt es keinen Krieg, keinen Hunger. Mercedes-Modelle fahren durch die großen Städte und der Süden sieht so aus wie die Côte d’Azur. Warum wollen Albaner eigentlich weg? Ein Reisebericht.

          Kein Horror, kein Hunger, kein Krieg. Nur drei Schüsse. Sie fallen heraus aus den Boxen der Bar. Irgendein Eminem-Song. Dieses Meer, dieser Strand, diese Menschen, es könnte auch St. Tropez sein, sage ich. Daniel nickt. Der Adler auf seiner Brust – der Doppelkopf der albanischen Flagge – zuckt zur Musik. Vor sechs Monaten, als Daniel dieses Meer, diesen Strand, diese Menschen verließ, um nach Deutschland zu gehen, hat ein Freund ihm die schwarzen Konturen gestochen. „Ich dachte, ich gehe für immer“, sagt er. Daniels Deutsch ist zersplittert, fast so, als ob es von den drei Eminem-Kugeln durchbohrt worden wäre. Seit fünf Tagen ist er wieder zu Hause.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Abgeschoben?

          „Nein, selbst gegangen.“

          Daniel ist ein „Wirtschaftsflüchtling“, zumindest nennen Menschen in Deutschland so Menschen wie ihn. Und dieses W-Wort ist seltsam, so verzehrt und verwachsen wie seine Geschwister, „Sachleistungen“ und „sicheres Herkunftsland“.

          Was sollen diese Kinder der deutschen Politiker-Sprache bedeuten? Und wurden sie nur deshalb geboren, weil so viele Menschen aus dem westlichen Balkan in letzter Zeit nach Deutschland geflohen sind? Sind sie geflohen? In sechs Monaten waren es mehr als zwanzigtausend Albaner. Albaner wie Daniel. Albaner wie Lydia.

          „Gehen“ und nicht „fliehen“, sagen die Menschen

          Ein Tag zuvor und zweihundert Kilometer entfernt von der St.-Tropez-mäßigen Strandbar steht Lydia, Ende dreißig, mitten im Müll. Sechzig Roma-Familien leben hier. In Shkoza, dem Vorstadtviertel Tiranas, Horror und Hunger. Und Krieg? Zumindest gab es ihn hier, denke ich, vielleicht vor sehr vielen Jahren. Aber es kämpften nicht Menschen, sondern vermutlich Teppiche gegen alte Holzplatten. Und mitten in ihrem Ringen verzahnten sie sich, Teppich und Holz, ineinander und sind seitdem erstarrt, sind so zu den Häusern der Roma geworden. So sehen sie aus, unwirklich und wirr aneinandergereiht, so wirr aneinandergereiht wie Lydias Zähne. Vor neun Monaten ist sie nach Deutschland gegangen. Im Juni wieder zurückgekommen. Sie wollte nicht bleiben, weil ihr erwachsener Sohn in Tirana Probleme bekam, sagt sie mit zuckenden Händen in Halb-Englisch-halb-Deutsch. Aber abgeschoben wurde sie nicht, das muss ich unbedingt schreiben, Lydias Finger tippen auf meinen Notizen herum.

          „Gehen“ und nicht „fliehen“, sagen die Menschen, die ich in Albanien treffe. Sehr viele wollen jetzt gehen. Auch aus Shkoza. So wie Melodie. Fünf Jahre ist sie und drückt sich an mich. „Darf ich dich etwas fragen?“, sagt sie: „Nimmst du mich mit nach Deutschland?“ Ina, meine Begleitung, meine Bekannte, übersetzt. Und auf einmal und zum ersten Mal in meinem Leben verstehe ich das Leben Madonnas, will jetzt madonnamäßig in dieser Siedlung herumadoptieren.

          Doch Melodie hat eine Mutter, einen Vater, sie sammeln, wie die meisten Roma Tiranas, den Müll in der Stadt: Plastikflaschen, die sie dann verkaufen. Melodie läuft Ina und mir hinterher, während ein Flaschenberg nach dem anderen an uns vorbeizieht. Ein Zeuge des Mülllebens folgt uns durch Shkoza. Unsichtbar und überall ist er, dieser Zeuge: Es ist der Geruch, der alles beweist, alles erklärt. In Shkoza gibt es kein Wasser, keine Kanalisation und keinen Strom.

          „Ein Badezimmer gibt es im Müllleben nicht“

          Ina ist 22, auch Roma, doch in so einer Siedlung hat sie niemals gelebt, sie hat studiert und hilft jetzt den Kindern der Straße. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt sie. „Die Eltern haben keine Arbeit, ohne Arbeit kein Geld für eine Wohnung. Ohne Wohnung, dann dieses Müllleben hier. Und wenn sie trotzdem beschließen, ihre Kinder auf Schulen zu schicken, wollen die Kinder irgendwann nicht mehr hingehen. Denn sie können sich nicht waschen. Ein Badezimmer gibt es im Müllleben nicht, und deshalb werden sie in den Schulen beleidigt, geächtet. Dann sammeln sie lieber nur Müll.“

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