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Propagandafilme aus Theresienstadt : Wahrheit steckt auch in Lügenbildern

  • -Aktualisiert am

Ein Bild aus dem ersten Theresienstadt-Film von Irena Dodalová, entnommen der DVD „Wahrheit und Lüge: Dreharbeiten im Ghetto Theresienstadt 1942 bis 1945“ Bild: Nationalfilmarchiv Prag / Jüdisches Museum Prag

Tragen die Propagandabilder aus dem Konzentrationslager Theresienstadt geheime Botschaften derer, die gezwungen wurden, diese Fotos zu machen? Über Spuren der Opfer in den Filmen der Täter.

          Jindřich Weil gelangte im Winter 1941 mit einem der allerersten Transporte nach Theresienstadt. Weil hatte in Prag als Assistent in einem Filmstudio gearbeitet. Was genau er dort tat, ist nicht bekannt, vielleicht war er Lichtassistent, vielleicht hat er an Drehbüchern mitgeschrieben. Weil war Anfang zwanzig, als er nach Theresienstadt kam. Er starb in Mauthausen, vier Jahre später, im März, kurz bevor alles vorbei war.

          Der Mann, mit dem er in Theresienstadt ein Zimmer geteilt hatte, überlebte. Er gelangte zurück nach Prag und entdeckte in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts einen rosafarbenen Ordner, in dem sich Filmskripte befanden, an denen Weil in Theresienstadt gearbeitet hatte. Die Nazis hatten ihn dazu gezwungen. Wenn sich der niederländische Historiker Karel Margry nicht irrt, dann sollte Weil einen Film drehen, wohl mit dem Ziel, die internationale Gemeinschaft über den eigentlichen Zweck des vermeintlichen Altersgettos im Westen des „Protektorats Böhmen und Mähren“ hinwegzutäuschen. Am 20. Januar 1944 fanden Dreharbeiten statt, etwas mehr als einen Monat bevor die Nazis den Schauspieler und Kabarettisten Kurt Gerron nach Theresienstadt verschleppten.

          „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“

          Margry nennt dies die Vorgeschichte des berüchtigten Getto-Propagandafilms „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“. Wären die Skripte, die Weils rosafarbener Ordner enthielt, realisiert worden, hätte es wohl zwei Filme gegeben, der eine müsste vierzig, der andere nur zwölf Minuten lang sein. Man hätte darin eine Rede des bekannten deutschen Soziologen und damaligen Theresienstädter Judenältesten Paul Eppstein gehört. Er hätte die Neuankömmlinge, 870 niederländische Juden, die aus dem Konzentrationslager Westerbork deportiert worden waren, willkommen geheißen und ihnen erklärt, sie würden sich innerhalb kürzester Zeit an die neuen, härteren Lebensumstände gewöhnen und sich wohl fühlen.

          Aber dann kam Kurt Gerron, der berühmte Kabarettist, der Zauberkünstler aus dem „Blauen Engel“, der untersetzte Mann, der darunter litt, so oft nur die Schurkenrollen zu spielen, und er erschien den Nazis geeigneter für diese Aufgabe. Sie beschlossen, mit neuen Dreharbeiten bis zum Sommer zu warten, weil die Aufnahmen dann heiterer würden. Unter der unfreiwilligen Regie Gerrons entstand im August und September des Jahres 1944 der Film, der jahrzehntelang unter dem Namen „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt war, bis die Einleitung auftauchte und man erfuhr, der eigentliche Titel lautete „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“.

          Die Darsteller wurden ermordet

          Man sieht darin Kinder, die glücklich ihr Butterbrot mampfen, kräftige junge Männer, die körperliche Arbeit verrichten, eine absurd wohlgenährte Kuh - zu einer Zeit, in der sich überdeutlich abzuzeichnen begann, dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen würde. Den Juden, das war das Gefühl, das sich beim Betrachter einstellen sollte, geht es gut, während die Deutschen an der Front sterben. Fast alle Kinder, die man in diesem Film sieht, wurden im Herbst 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Auch Kurt Gerron, der wohl gehofft hatte, die Filmarbeit würde ihn vor der Ermordung bewahren, kam in Auschwitz um.

          Jüdische Frauen, bei der Zwangsarbeit gefilmt von Irena Dodalová

          „Filme aus Ghettos und Lagern. Propaganda - Kassiber - historische Quellen“ war der Titel der Konferenz, zu der die Slawistin und Holocaustforscherin Natascha Drubek am vergangenen Wochenende internationale Filmwissenschaftler und Historiker in die Gedenkstätte Theresienstadt eingeladen hatte, ins stille tschechische Städtchen Terezín. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass es zwei Vorläuferprojekte zum Gerron-Film gab. Einmal waren da die Dreharbeiten vom 20. Januar 1944. Und dann gab es noch einen Film, den die Nationalsozialisten bereits 1942 von einer Frau namens Irena Dodalová drehen ließen.

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