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Wahre Geschichten aus der wünschenswerten Zukunft (7) : Wasser aus der Leitung

  • -Aktualisiert am

Hatte früher einen höheren Coolness-Faktor: Leitungswasser Bild: dpa

Der Kapitalismus treibt die schönsten Blüten: Endlich ist es auch in Berlin möglich, zertifiziertes Trinkwasser aus einem öffentlichen Brunnen zu genießen. Wer auf schnödes Leitungswasser zurück greift, ist selbst schuld.

          Der Kapitalismus herrscht bekanntlich auch in Entenhausen, und in einer alten Geschichte geht er so, dass der Oligarch Duck den Ingenieur Düsentrieb damit beauftragt, Luft in Spraydosen zu ziehen und mit diesem in Handelsware verwandelten Gemeingut ein Riesengeschäft zu machen. Die Sache scheitert aber, weil die Luftverschmutzung bereits so fortgeschritten ist, dass die verdichtete Dosenluft nach Gebrauch zu Vergiftungserscheinungen führt.

          Nicht unähnlich, aber wesentlich erfolgreicher verfährt die deutsche Mineralbrunnen-Industrie seit Jahrzehnten, indem sie unermüdlich in Flaschen füllt, was ohnehin aus der Leitung kommt und für kleines Geld universell verfügbar ist. Inzwischen sind es mehr als 500 verschiedene Mineralwässer allein aus Deutschland, zwischen denen der mündige Konsument auswählen darf - rund 10 Milliarden Liter werden auf diese Weise für ein Vielfaches dessen verkauft, was Leitungswasser kostet.

          Man kann an diesem Beispiel Grundschülern gut erklären, wie Wachstumswirtschaft funktioniert: Güter, an denen kein Mangel herrscht, sind wirtschaftlich uninteressant. Zunächst gilt es, ein Bedürfnis im Konsumenten zu erzeugen - nach Erfrischung, Fitness, Sex-Appeal, Dynamik, Gesundheit, was auch immer. Dann kauft er, was er nie brauchte, und bei Produzent und Händler fällt Mehrwert an. Wunderbar.

          Harald Welzer
          Harald Welzer : Bild: Robert Wenkemann

          Wie erfolgreich es den Mineralwasseranbietern gelungen ist, ihr Produkt unverzichtbar zu machen, zeigt die Verzehnfachung des Mineralwasserabsatzes seit den siebziger Jahren genauso wie die eigentümliche Furcht vor dem Verdursten, die insbesondere junge Menschen dazu veranlasst, immer und überall eine Flasche Wasser dabei zu haben. Da es in vielen Schulen auch heute noch untersagt ist, während des Unterrichts zu trinken, hat die „Informationszentrale Deutsches Mineralwasser“ konsequenterweise unlängst die Kampagne „Trinken im Unterricht“ ins Leben gerufen.

          International wird Wasser gehandelt, geraubt, privatisiert, monopolisiert - und in den reichen Ländern greift der Connaisseur schon mal zum Edelwasser aus Fidschi oder Argentinien. Ohnehin muss das zur Ware nobilitierte Überlebensmittel in Flaschen und Kisten gefüllt, transportiert, geliefert, abgeholt, zurückgebracht, gereinigt oder entsorgt werden - ein gigantischer Aufwand an Material, Sprit, Energie und Müll, der für eigentlich nichts anfällt. Witzig wird das Ganze dort, wo der kritische Verbraucher seine Kiste ächzend in den vierten Stock schleppt, obwohl er oben eigentlich nur den Hahn aufdrehen müsste.

          Aber Leitungswasser ist eben so gar nicht schick. Man muss erst die von der Werbeindustrie errichteten mentalen Fassaden zurückbauen, bevor es wieder trinkbar wird. Und jetzt kommt atip:tap ins Spiel. Hinter diesem Namen stehen zehn junge Leute aus Berlin. Unterstützt durch das EU-Programm „Jugend in Aktion“ setzen sie sich mit Erfolg für den Bau von öffentlichen Trinkwasserbrunnen ein, um Zugang zu frischem Leitungswasser auch außer Haus zu ermöglichen. Ein erster Brunnen wurde in Kooperation mit den Berliner Wasserbetrieben bereits gebaut; denen muss man jetzt nur noch ausreden, das Ding „leitungsgebundener Trinkwasserspender“ zu nennen, dann wird sich die Idee schnell verbreiten. Atip:tap arbeitet auch an einer Wasser-App, die Smartphone-Besitzern anzeigen soll, wo der nächste Trinkbrunnen oder das nächste Lokal ist, das kostenlos Leitungswasser ausschenkt.

          Auch in Holland hat sich mit „Join the Pipe“ eine Initiative gegründet, die öffentliche Trinkbrunnen baut. Über eine ehemalige Mitstreiterin von atip:tap hat sich ebenso ein Ableger im spanischen Bilbao formiert, und gemeinsam ist man im Gespräch über intelligenteres Brunnendesign. So haben die Brunnen von „Join the Pipe“ zum Beispiel flexible Leitungen, die ein Einfrieren bei Minusgraden verhindern - was für das im Winter frostige Berlin natürlich ebenfalls wichtig wäre.

          Bliebe zuletzt noch das Schickmachen des Leitungswassertrinkens: Atip:tap versucht, auf die Konsumenten individuell zu reagieren, und bietet für alle möglichen Bedürfnisse etwas an, etwa Aufsprudler, Filter, Wassertests mit Laborgarantie für zu Hause und für das Büro, repräsentative Behältnisse für alle Gelegenheiten, vom Bergwandern bis zum Business-Meeting. Einen höheren Coolness-Faktor hat aber wohl die lokale Kooperation mit den Kneipen und Geschäften im Umkreis des ersten Brunnens in Neukölln. Wenn diese standardmäßig Leitungswasser ausschenken, bekommen sie künftig das Zertifikat „atip:tap proved“, gut sichtbar als Aufkleber im Fenster. So etwas könnte dem Hipster gefallen, der ab sofort zu wissen hat, in welcher Kiezbar es das coolste Leitungswasser gibt.

          Harald Welzer ist einer der bekanntesten deutschen Sozialwissenschaftler und Begründer der Stiftung Futurzwei zur Förderung alternativer Wirtschaftsreformen und Lebensstile. Sein Buch „Selbst denken“ erschien bei S. Fischer.

          Quelle: F.A.Z.

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