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Veröffentlicht: 21.07.2013, 11:23 Uhr

Wahre Geschichten aus der wünschenswerten Zukunft (3) Wer verbirgt sich hinter „Goldgrund-Immobilien“?

Um die Auswüchse der Gentrifizierung anzuprangern, haben drei Münchner Bürger eine pfiffige Idee entwickelt - und damit Erfolg gehabt: Der freche Kampf der Goldgrund Immobilien Organisation.

von Harald Welzer
© Goldgrund Immobilien Organisation Die Stadt München nannte das Haus unrenovierbar und wollte es abreißen lassen, die Goldgrund Immobilien Organisation tritt in Gorilla-Kostümen den Gegenbeweis an

Wenn man heute in einer deutschen Großstadt lebt, kann einem schon schwindelig werden angesichts der rasant steigenden Mieten und Immobilienpreise. Noch schwindeliger wird einem, wenn man darüber nachdenkt, dass es am unteren Ende der Gesellschaft eine Menge Menschen gibt, die es sich de facto nicht mehr leisten können, in so einer Stadt zu leben, besonders dann nicht, wenn sie ihre Wohnung wechseln mussten und nun mit geringem oder gar keinem Einkommen auf einem Markt stehen, der Preise jenseits ihrer Möglichkeiten fordert.

Und dann kommt strafverschärfend noch etwas dazu: dass das untere Ende der Gesellschaft immer größer wird, also immer mehr Menschen von der sich vertiefenden Segregation betroffen werden, wie Soziologen das nennen würden. Man kann es auch einfacher formulieren: Die Stadt wird einförmiger; die Städte werden über die Mieten sozial entmischt, ärmeren Leuten stehen die Zentren nicht mehr zur Verfügung.

Illustration Harald Welzer blau © Robert Wenkemann Vergrößern Harald Welzer

Dass diese Verdrängung gerade in einer Höchstpreis-Stadt wie München Menschen wütend macht, ist leicht zu verstehen. Der Filmemacher Christian Ganzer, der Veranstalter Till Hofmann und der Journalist Alex Rühle dachten irgendwann: Es reicht jetzt. Aber bevor man wieder nur mit drögen Pappschildern auf dem Marienplatz demonstriert, sollte man den Feind gut gelaunt mit seinen eigenen Waffen schlagen. Also gründeten sie „Goldgrund Immobilien Organisation“, einen „internationalen Premium Bauträger“ inklusive Niederlassung im feinsten Schwabing.

Die ganz eigene Münchner Freiheit

Sie verkleideten die Galerie „Truk Tschechtarow“ für einige Wochen als Maklerbüro und ließen einen Flyer drucken, in dem eine Bebauung der Münchener Freiheit beworben wurde: „L’Arche de Munich“. In so glattem wie zynischem Maklersprech wurde da ein „Traumobjekt für finanzielle Highperformer“ angepriesen, das seinen Bewohnern versprach: „In Zeiten sozialer Kälte bieten wir ein behagliches und sicheres Refugium: Doorman-Service, Double-Carport, Airport-Shuttle-Service und eigenes U-Bahn-Entrée - damit Sie Ihre ganz eigene Münchner Freiheit genießen können.“

Den Schwabingern wurden muffige Kellerwohnungen und Putzjobs angeboten, pardon, nein, einen derart dreisten Vorschlag muss man sprachlich anders designen: „Im Wissen um unsere große soziale Verantwortung im urbanen Setting bieten wir nicht nur exquisites Wohnen für Anspruchsvolle, sondern geben auch den Anwohnern der umliegenden Viertel großzügige Entwicklungschancen. Jedes unserer edlen Objekte generiert neue Arbeitsplätze in den Bereichen Subsistence Management, Security und Domestic Responsibility. So ist Goldgrund über die Jahre zu einem der zuverlässigsten Provider in Münchens extrem dynamischer Dienstleistungsbranche geworden. Außerdem bieten wir all unseren Mitarbeitern pfiffig geschnittene Appartements in den unteren Lagen des Arche de Munich: Intelligente Raumausnutzung, verdichtete Architektur, erschwingliche Mieten und die unmittelbare Nähe zum Arbeitgeber garantieren für beide Seiten optimalen Workflow. Durch dieses Konzept einer nachhaltigen Immobilienbewirtschaftung schonen wir die Ressource Bevölkerung und ermöglichen es ihr, im gewohnten Umfeld zu verbleiben.“

Den Flyer warfen sie in mehrere tausend Schwabinger Briefkästen und luden zu „Schnäppchen und Häppchen“, einer Verkaufsveranstaltung für die letzten Lofts. Die empörten Münchner strömten herbei - und bekamen keine Schnäppchen und Häppchen, sondern ein Symposion vorgesetzt zum Thema: Wem gehört die Stadt? Den Investoren oder uns?

Kurzum: Goldgrund machte den Skandal sichtbar, indem sie ihn kopierten. Das war das erste Projekt von „Goldgrund-Immobilien“. Das zweite ging einen Schritt weiter, und zwar direkt in die Praxis. In unmittelbarer Nähe eines der raren Münchener Zentren der ungeordneten Entfaltung intelligenter Praxis vom Fußballspielen bis zur Kinderbetreuung, der „Glocke“, sollten drei Wohngebäude abgerissen werden, weil sie, so die Begründung der Stadt, nicht sanierbar seien und daher einer Neubebauung weichen müssten.

Das war die Geburtsstunde der ersten Guerrilla-Sanierung der Geschichte: Ein Team, bestehend aus den „Goldgrund“-Aktivisten und versierten Klempnern, Parkettlegern, Elektrikern, Erziehern und Eltern aus dem Kreis der „Glocke“, machte sich an die Renovierung einer der vorgeblich unsanierbaren Wohnungen und lieferte zu belegbaren Kosten von 3200 Euro eine nicht luxuriös, aber auf einen durchaus anständigen Standard renovierte Wohneinheit. Also nix mit „nicht sanierbar“.

Die Guerrilla-Renovierung wurde mit einem großartigen Video publik gemacht, in dem auch Sympathisanten wie Mehmet Scholl und Dieter Hildebrandt in Gorilla-Kostümen zur Musik von Moop Mama den Pinsel schwangen. Das Video wurde in einem halben Tag achtzigtausendmal heruntergeladen, rief jede Menge Öffentlichkeit hervor und schließlich auch den Oberbürgermeister Ude auf den Plan, der die Wohnung höchstselbst in Augenschein nahm und seiner Verwunderung darüber Ausdruck verlieh, dass das Parkett tatsächlich echt war: „Goldgrund“-Standard eben.

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Das gute Ende der Geschichte: Das Kommunalreferat änderte die Planung, das Gebäude wird auf einem Niveau saniert, das zunächst eine Zwischennutzung für vier bis fünf Jahre problemlos zulässt. Währenddessen sieht man weiter. Und heute schon sieht man: Wenn Wut, soziale Intelligenz, Anschaulichkeit und schlaue Kommunikation zusammenkommen, geht eine Menge auch dort, wo sonst stoisch behauptet wird, dass nichts geht. Mal sehen, wo künftig auch was geht. Und was die Firma „Goldgrund-Immobilien“ noch so im Portfolio hat.

Glosse

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