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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wahl in Amerika Wir herrschen auch morgen noch

 ·  Die Welt neu erfinden? Der republikanisch orientierte Historiker Robert Kagan erläutert, warum die amerikanische Wahl von begrenzter Relevanz und ein Untergang des Landes stark übertrieben ist.

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© Polaris/laif Die Uferpromenade in Rockaway bei New York muss wiedererrichtet werden, Meer und Strand sind allerdings noch vorhanden

Herr Kagan, leben wir noch in einer amerikanischen Welt?

Ja. Das liberale internationale System und vor allem dessen Institutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Vereinigten Staaten geschaffen wurden, sind immer noch da. Bislang hat noch keine Macht oder Gruppe von Mächten die Vereinigten Staaten überflügelt. Natürlich hat Amerika in den letzten Jahren etwas von seinem Glanz verloren. Aber die Vereinigten Staaten haben auch früher schon Turbulenzen erlebt, und, wichtiger noch, dank des Systems, für das sie sich seit dem Krieg einsetzen, geht es der Welt besser als jemals zuvor. Die Demokratie hat sich in alle Winkel der Erde ausgebreitet. 1939 gab es nur zehn demokratische Staaten. Von 1945 bis 2012 ist die Weltwirtschaft jährlich im Durchschnitt um vier Prozent gewachsen, und zum ersten Mal beschränkt sich das Wachstum nicht nur auf eine kleine Gruppe hochentwickelter Länder. Und schließlich hat es seit 1945 keine direkte Auseinandersetzung zwischen den Großmächten gegeben.

Sie beschreiben hier eine unipolare Welt. Aber leben wir nicht inzwischen, wie viele in Europa dies gern sehen möchten, in einer multipolaren Welt?

Das glaube ich nicht. Und wenn Sie erlauben, die Europäische Union tut nichts, damit die Welt tatsächlich multipolar wird. In Wirklichkeit leben wir in einer unipolar-multipolaren Welt. Die Vereinigten Staaten dominieren die internationale Arena, und den zweiten Rang nehmen mehrere bedeutendere Mächte ein. Aber die Mächte, die das internationale System bilden, sind einander nicht ebenbürtig, im Unterschied zu den Ländern, die im 19.Jahrhundert das europäische Konzert bestimmten. Und das ist gar nicht schlecht. Eine multipolare Welt ist weder stabil noch friedlich und wäre letztlich eine Gefahr für den Frieden zwischen den Großmächten. Solch eine Konstellation spielt in der Regel den Autokratien in die Hände, da es keinen Polizisten gibt, der sie davon abhält, ihren Einflussbereich auszudehnen. Das entspricht nicht der gegenwärtigen Lage. Die Vereinigten Staaten sind immer noch in einer Hegemonialposition. Sie produzieren, wie schon zu Beginn der 1970er Jahre, ein Viertel des weltweiten Reichtums. Ihre Militärmacht ist immer noch erdrückend. Der Bedeutungszuwachs Indiens, Brasiliens, der Türkei oder Südafrikas stellt keine Bedrohung für Amerika dar. Ich würde sogar sagen, er stärkt die Vereinigten Staaten, wie sie nach dem Krieg vom Aufstieg Westdeutschlands und Japans profitiert haben.

Unterschätzen Sie da nicht den Aufstieg Chinas?

Die Vereinigten Staaten besitzen eine außergewöhnliche geographische Lage. Sie sind von allen anderen Großmächten weit entfernt. Für China gilt das nicht. China ist zwar eine wirtschaftliche Supermacht, aber das Land ist eingekreist von Japan, Indien und Russland - sämtlich Großmächte, die sich einer geostrategischen Hegemonie Chinas widersetzen. Wenn die Welt wieder bipolar werden sollte, müsste China ganz Asien beherrschen. Die Vereinigten Staaten haben jedoch ihre Beziehungen zu Indien, Japan, Südkorea, den Asean-Ländern und auch Australien auf deren Wunsch hin intensiviert. Den Chinesen mangelt es einfach an Verbündeten, um den Vereinigten Staaten ihre Stellung im Pazifischen und Indischen Ozean streitig zu machen.

Sie haben von „Turbulenzen“ gesprochen. Amerika erlebt also keinen wirklichen Niedergang?

Seit mehr als vier Jahren leidet Amerika, das ist unbestreitbar. Aber Supermächte erleben ihren Niedergang nicht in so kurzer Zeit. Mitte des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts sagte man, noch nie in der Geschichte der Menschheit sei ein Land so mächtig gewesen. Einige Jahre später behaupten dieselben Autoren, der Niedergang der Vereinigten Staaten stehe unmittelbar bevor. Das ist nicht seriös. Großbritannien hat seine Hegemonie im Verlaufe mehrerer Jahrzehnte verloren. Es ist nicht das erste Mal, dass Amerika sich in einer ernsthaften Krise befindet. In den 1930er Jahren, in den 1970er Jahren...Immer wieder wird unsere Dekadenz überschätzt. Man stellt sich vor, die Russen oder die Japaner oder die Chinesen würden Amerika bald verschlingen. Dennoch halte ich das für eine sinnvolle Mahnung. So sind wir gezwungen, uns immer wieder neu zu erfinden. Und auch diesmal, davon bin ich überzeugt, wird Amerika sich auf die neue internationale Lage einstellen.

Ich habe den Eindruck, die Krise ist diesmal ernster als die früheren. Abgesehen von den aktuellen wirtschaftlichen Problemen, scheint Amerika noch nie so gespalten, das politische System so blockiert und die Ungleichheit so gewaltig gewesen zu sein. Werden diese Probleme nicht die internationale Macht der Vereinigten Staaten beeinträchtigen?

Da bin ich weniger pessimistisch als Sie, weil ich nicht glaube, dass die amerikanische Nation ernstlich geschwächt wäre. Ist sie politisch gespalten? Ja, aber die Amerikaner teilen dieselbe Ideologie und dieselben Grundsätze, die der Unabhängigkeitserklärung, des Individualismus oder der Chancengleichheit. Nur herrscht heute keine Einigkeit über die Interpretation dieser großen Ideen. Aber - und das ist schon seit dem Unabhängigkeitskrieg so - die Verfassungsordnung wird nicht in Frage gestellt. Auch im Blick auf die Blockierung der Institutionen haben Sie recht. Aber in der amerikanischen Geschichte standen die Parteien immer in heftigem Widerstreit zueinander. In der Wiederaufbauphase Ende des 19.Jahrhunderts waren Demokraten und Republikaner tief gespalten. Die Medien waren stets ein Abbild dieser Gegensätze. Der Fernsehsender Fox knüpft an diese Tradition an. Tatsächlich bildete die Zeit des Kalten Krieges, in der die Parteien enger miteinander kooperierten, eine Ausnahme, das vergisst man allzu oft. Was die Ungleichheit betrifft, so ist sie nicht erst in den letzten zehn Jahren entstanden. Sie hat sich seit mindestens drei Jahrzehnten entwickelt und hat im Übrigen keinen Einfluss auf die Außenpolitik. Dagegen gibt es eine psychologische Gefahr, die Amerika bedroht: Wenn die Amerikaner glauben, der Niedergang ihres Landes sei unabwendbar, könnten sie gerade dadurch den Sturz des Landes herbeiführen. Aber noch liegt unser Schicksal in unseren eigenen Händen.

Sie sind also nicht beunruhigt?

Ich bin relativ optimistisch, solange sich keine größeren strukturellen Veränderungen der internationalen Ordnung am Horizont abzeichnen. Wie jede politische Ordnung wird auch die amerikanische zusammenbrechen, aber nicht in den nächsten Jahrzehnten.

Obwohl Sie Republikaner sind, erwecken Sie den Eindruck, dass Obama der Macht Amerikas keineswegs geschadet hat. Wie bewerten Sie seine Außenpolitik?

Ich unterscheide drei Phasen. Die erste - ein großer Klassiker der amerikanischen Politik - bestand darin, dass Obama das Gegenteil von dem tat, was sein Vorgänger getan hatte. In groben Zügen kann man sagen, er verbesserte das Bild der Vereinigten Staaten im Ausland, indem er eine freundlichere Sprache pflegte und der muslimischen Welt und auch Russland die Hand reichte. Die zweite Phase war von der Rückkehr zu den Realitäten geprägt. Obama entdeckte, dass die Welt die Vereinigten Staaten braucht. Er musste auf die Sorgen der asiatischen Länder angesichts des chinesischen Expansionismus reagieren, auf die der arabischen Länder wegen des iranischen Atomprogramms und auf die der osteuropäischen Staaten, die immer noch unter der russischen Bedrohung leiden. Obama verstärkte auch die amerikanische Präsenz in Afghanistan, er vervielfachte die Zahl der Drohnenangriffe und intervenierte in Libyen, um Gaddafi zu stürzen. Insgesamt hat er die amerikanische Macht in ausgesprochen klassischer Manier eingesetzt. Die dritte Phase erleben wir gegenwärtig. Sie entspricht ganz der Außenpolitik in einem Wahljahr. Seit der Tötung Bin Ladins vermeidet Obama jedes ausländische Abenteuer. Er möchte im Blick auf die Wahlen kein Risiko eingehen.

Ist das der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten nicht in Syrien intervenieren wollen?

Es ist einer der Gründe, da bin ich mir ganz sicher. Ich denke, wenn die Wirren in Syrien schon 2010 begonnen hätten, dann hätten die Amerikaner energischer eingegriffen.

Gibt es in der Außenpolitik eine Obama-Doktrin?

Ich glaube, es ist falsch, die Diplomatie der amerikanischen Präsidenten allzu sehr zu personalisieren. Die Außenpolitik hängt zunächst einmal von den Umständen ab. Die der Vereinigten Staaten folgt seit dem Ersten Weltkrieg gewissen Zyklen. Auf interventionistische Phasen folgen stärker isolationistische: amerikanische Intervention im Ersten Weltkrieg, dann Rückzug in den 1920er und 1930er Jahren; der Zweite Weltkrieg und der Korea-Krieg, dann Beruhigung unter Eisenhower; der Vietnam-Konflikt, Rückzug unter Carter, große Aktivitäten unter Reagan, Zurückhaltung unter Clinton...Nach den Interventionen in Afghanistan und im Irak unter Bush war es ganz folgerichtig, dass Obamas Außenpolitik weniger intensiv ausfiel. Allerdings ist nicht leicht zu erkennen, wie Obama die Welt sieht. Er hat keine besondere Vorliebe für die Außenpolitik. Er war ein vollkommener Neuling auf diesem Gebiet, und er ist zweifellos einer der Präsidenten, die am wenigsten über die Außenpolitik der Vereinigten Staaten nachgedacht haben.

Und die Bilanz...?

...ist mäßig. Es ist ihm gelungen, das Bild der Vereinigten Staaten in der Welt zu verbessern, allerdings nicht im Nahen und Mittleren Osten, seinem eigentlichen Hauptziel, und das zweifellos, weil er nicht fähig war, in der Palästinenserfrage Fortschritte zu machen. Aber die Bedeutung des Image wird überschätzt. Entscheidend sind Macht und Sicherheit. Obama hat intelligent auf die Bedürfnisse der asiatischen Staaten reagiert und die amerikanische Präsenz in der Region verstärkt. Die Aggressivität Chinas hat ihm dabei geholfen. Gegenüber Iran hat seine Politik der ausgestreckten Hand zu nichts geführt.

Ist ein Krieg mit Iran unausweichlich?

Das ist eine sehr plausible Möglichkeit. Obama setzt sich dafür ein, dass Iran keine Nuklearwaffen entwickelt. Aber da scheint mir nichts sicher zu sein, zumal man auch den Faktor Israel berücksichtigen muss...Übrigens ist anzumerken, dass Obama auf zahlreichen Gebieten Bushs Außenpolitik fortgesetzt hat: Man denke an Afghanistan, an die Forcierung der Drohnenangriffe und an die Fortsetzung des Cyberkriegs, dessen Grundlagen noch von der vorigen Administration gelegt worden sind.

Was wird sich in der amerikanischen Außenpolitik ändern, wenn Mitt Romney zum Präsidenten gewählt wird?

Romney wäre sicher härter gegenüber Wladimir Putins Russland. Er würde den Verteidigungshaushalt nicht senken. Im Grunde sehen die beiden Männer Amerika nicht in derselben Weise. Romney glaubt eher an die Ausnahmestellung Amerikas, während Obama da skeptischer ist. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, denn ich gehöre zu Mitt Romneys außenpolitischen Beratern.

Ganz gleich, wer nun ins Weiße Haus einzieht, wo werden seine Prioritäten liegen, wenn es darum geht, die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten zu sichern? Und wo liegen die größten Gefahren, die auf ihn warten?

Ich bin entschieden der Auffassung, dass der Verteidigungshaushalt auf dem gegenwärtigen Stand gehalten werden muss. Wenn die Vereinigten Staaten die Segel streichen, wenn sie sich wegen ein paar Einsparungen zurückziehen, werden wir auf lange Sicht einen hohen Preis dafür zahlen. In erster Linie muss Amerika sein Engagement im Nahen und Mittleren Osten wie auch am Persischen Golf aufrechterhalten und seine Bündnisse mit den Staaten in Ost- und Südostasien festigen. Auch die Wirtschaft muss zu ihrer Größe zurückfinden. Das ist eine unerlässliche Voraussetzung, wenn die Vereinigten Staaten ihre Stellung behaupten wollen. Die größte Gefahr wäre eine Fortdauer der Krise.

Die Fragen stellte Olivier Guez. Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

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