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Veröffentlicht: 13.06.2016, 10:43 Uhr

Churchill und der Brexit Wäre er ausgetreten?

Winston Churchill wird von Befürwortern wie Gegnern des Brexit jeweils für ihre Sache reklamiert. Wie sich der große britische Staatsmann entschieden hätte, ist jedoch klar.

von Felix Klos
© obs Ein überzeugter Europäer: Winston Churchill

Mehr noch als William Shakespeare, Charles Darwin und Isaac Newton gilt Churchill den Briten als „der größte Brite“ aller Zeiten. Er ist zum Symbol des Britischen schlechthin geworden. Da kann es kaum überraschen, wenn die Nation am Vorabend der folgenschweren Entscheidung, ob sie in der Europäischen Union bleiben oder austreten soll, den Blick auf ihren größten Sohn richtet.

Im März veröffentliche Boris Johnson, das öffentliche Gesicht der „Leave“-Kampagne, im „Daily Telegraph“ sein Manifest zum Austritt aus der Europäischen Union. Dort beschwört er zum Abschluss den Geist Churchills als höchste historische Rechtfertigung für seine Brexit-Position. Zwei Monate später stützte Premierminister David Cameron seine gegenteilige Auffassung gleichfalls auf Churchill und behauptete, der hätte gewollt, dass Großbritannien in der EU bleibt.

Johnson und Cameron stehen in einer langen Tradition der Beschwörung des Geistes Churchills im öffentlichen britischen Diskurs über Europa. Schon 1975 erschien Margaret Thatcher vor der Churchill-Statue auf dem Parliament Square, um sich im ersten Europa-Referendum für einen Verbleib einzusetzen. Und mitten in der Debatte um eine gemeinsame Währung konterte Edward Heath, der Britannien in die EWG geführt hatte, eine Flut von Zeitungsartikeln, die Churchill für die Sache der Europaskeptiker reklamierten, mit der Behauptung, Churchill hätte sich „eine volle Beteiligung Britanniens an der Europäischen Union“ gewünscht.

Vorkämpfer der europäischen Idee

Wer hat nun Recht mit seinem Anspruch auf Churchills postumen Segen? Zwar kann man Churchill nicht nach seinem Urteil über die heutige EU fragen, doch sein europäisches Vermächtnis ist von entscheidender Bedeutung für ein Verständnis des europäischen Projekts und der Rolle, die Britannien darin spielt. Nach dem Zweiten Weltkrieg – er hatte aufgrund der Parlamentswahlen vom 5. Juli 1945, obwohl auf dem Höhepunkt seines internationalen Ansehens, gerade Downing Street Nr.10 räumen müssen – wurde Churchill zum größten Vorkämpfer der europäischen Idee. „Wenn ich zehn Jahre jünger wäre“, sagte er kurz nach dem Krieg zu seiner Frau, „könnte ich vielleicht der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Europa werden.“

Im September 1946 warnte er seine Zuhörer an der Universität Zürich, er werde etwas sagen, das sie „erstaunen“ werde, und rief Frankreich sowie Deutschland dazu auf, sich auf eine Partnerschaft zum Aufbau „einer Art Vereinigter Staaten von Europa“ einzulassen. Nach der bitteren Lektion eines Teufelskreises nationalistischer Aggression, der im zwanzigsten Jahrhundert beinahe die europäische Zivilisation ausgelöscht hatte, untermauerte Churchill seinen Aufruf zu europäischer Einheit mit einer Warnung vor jeglichem Revanchismus: „Wir alle müssen den Schrecknissen der Vergangenheit den Rücken kehren. Wir müssen in die Zukunft schauen (...) Es gibt kein Wiederaufleben Europas ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes Deutschland.“

© afp Videografik Brexit: Die Briten und ihre Beziehungen zur EU

Kein Europa unter britischer Führerschaft

In Zürich hatte er den berühmten und mehrdeutigen Ausspruch getan, Großbritannien, die Vereinigten Staaten von Amerika und sogar die Sowjetunion könnten sich als „Förderer“ eines vereinigten Europas betätigen. Dieses eine Wort gibt Churchill-Forschern und Historikern seit Jahrzehnten Rätsel auf. Moderne Europaskeptiker nutzen es bei ihrem Versuch, Churchill für ihr Lager zu reklamieren.

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