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Präsidentenwahl in Finnland : Hinter der Sprachmauer bleibt man unter sich

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Sauli Niinistö bei der Stimmabgabe: Der amtierende Präsident hofft auf eine weitere Amtszeit. Bild: AFP

Heute wählen die Finnen ihren Präsidenten. Die Kulturszene des Landes gibt sich nach außen europäisch, im Innern aber knirscht es. Es setzt sich ein Geist nationaler Selbstbesessenheit durch.

          Der Ausgang der finnischen Präsidentenwahl mit ihrer ersten Runde am 28. Januar gilt als vorhersagbar: Der Amtsinhaber Sauli Niinistö, der früher der nationalen Sammlungspartei angehörte, aber nach seinem ersten Wahlkampf die Partei verließ und sich nun durch einen Wählerbund im Amt zu bestätigen versucht, wird höchstwahrscheinlich weiterregieren dürfen, wenn auch vielleicht erst nach einer zweiten Wahlrunde.

          In Finnland, das kürzlich den hundertsten Jahrestag seiner Unabhängigkeit feierte, wächst – wie in anderen europäischen Ländern auch – die Neigung, sich nach außen abzuschotten. Im Präsidentschaftswahlkampf kreist die politische Debatte um das Wort „Sicherheit“ und meint vor allem die Staatsgrenze zu Russland. Zugleich macht sich keiner der acht Kandidaten ernsthaft Mühe, über die Herausforderungen in der Europäischen Union zu reden. Wichtig sind Finnland und die Finnen, und wie man beides vor einer unberechenbaren Außenwelt schützt.

          Von der Hundertjahrfeier bleibt in Finnland ein gewisser Kater: In Zeiten sinkender Kulturförderung werden solche Feiertage als Mittel glänzender Selbstdarstellung genutzt. Man strengt sich vorher mächtig an, um sich hinterher zu wundern: Wie sollen wir das noch mal hundert Jahre durchhalten? Das wird für Finnland genauso schwer wie für alle anderen.

          Finnen bleiben unter sich

          Ähnlich wie in Polen oder Ungarn setzt sich auch in Finnland ein Geist nationaler Selbstbesessenheit durch, den es zwar auch früher schon gegeben hat, der aber kaum öffentlich sichtbar wurde, schon gar nicht für das Ausland. Der Vormarsch der „Wahren Finnen“, also der rechtspopulistischen Partei, bei der Parlamentswahl 2011, spätestens aber deren Spaltung in zwei Gruppen im Sommer 2017 – wobei im Saal Grußgesten deutscher Nationalsozialisten zu sehen waren, die man später der Presse als Abstimmungszeichen bei einer Wahl verkaufen wollte – ließen eine Ideologie ans Tageslicht geraten, die in Finnland seit eh und je verbreitet ist: Finnland gehört den Finnen – und zwar den Finnen allein.

          Nun existierte Finnland während der letzten tausend Jahre ziemlich isoliert im Norden, ohne mit anderen Kulturen viele Erfahrungen zu machen. Zudem konnte Finnland, eingeklemmt zwischen den Ostsee-Großmächten Schweden und Russland, nur zu einem hohen Preis – oder durch pures Glück – seine Unabhängigkeit erringen. Das Ideal der Monoethnizität ist daher bis heute ziemlich vital und zugleich einer der essentiellen Widersprüche in diesem Land mit den zwei Amtssprachen Finnisch und Schwedisch.

          Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki genießt wegen seiner internationalen Bekanntheit quasi Narrenfreiheit in seiner Heimat.

          Die kulturelle Isolation Finnlands hat wesentlich mit der Sprache zu tun. Spuren davon bemerkt man sogar in der Außenpolitik. Angehörigen der finnougrischen Sprachfamilie ist nämlich sehr bewusst, dass sie in einem indoeuropäischen Umfeld kaum verstanden werden. Zum einen erleichtert das den Finnen ihre außenpolitische Lobbyarbeit, weil sie interne Querelen hervorragend abzuschirmen verstehen. Sie können den Blick und das Ohr des Fremden leichter lenken und dadurch besser kontrollieren, welches Bild von ihnen im Ausland entsteht. Zugleich verstärkt die Sprachmauer die Abgeschlossenheit des Landes. Seine Bewohner bleiben mit allem, was scheinbar nur sie etwas angeht, unter sich.

          „Schweiz des Nordens“

          Also erscheint Finnland den Finnen als Universum, schlimmstenfalls entwickeln sie dabei einen Lagerkoller. Diese Selbstbezogenheit kann sich völlig unberührt fortpflanzen. Wenn überhaupt irgendetwas korrigierend darauf eingewirkt hat, dann die Wirtschaft in Phasen der Krise. Zu Zeiten des Wachstums oder zumindest der wirtschaftlichen Stabilität erstarkt auch das „wahre Finnentum“: Der kulturelle Kryptofaschismus hat eine jahrzehntelange Tradition. Eine seiner prominentesten Figuren war Aino Sibelius, die Ehefrau des großen Nationalsymphonikers Jean Sibelius, die sich in den dreißiger Jahren auf Wahlversammlungen der finnischen Faschisten sehen ließ. Bis heute gibt es politische Kräfte, die Finnland vom Schmutz der Welt retten wollen wie die Präsidentschaftskandidatin der Wahren Finnen Laura Huhtasaari. Sie möchte Finnland zur „Schweiz des Nordens“ machen, im Fall ihres Wahlsieges die Einwanderungsrichtlinien verschärfen und das Land aus der EU lösen.

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