26.10.2007 · „Lions for Lambs“, Robert Redfords neuer und bisher politischster Film, ist eine derart intelligente Zeitdiagnose, dass es bei einer Sondervorstellung in Berlin zu erstaunlichen Rollenspiegelungen kam: So fand sich Joschka Fischer in Robert Redford wieder. Von Verena Lueken.
Von Verena LuekenRobert Redford nimmt den Namen Bush nicht in den Mund. Er war nach Berlin gekommen, um sich nach einer Sondervorführung seines Films „Lions for Lambs“ (siehe „Von Löwen und Lämmern“: Der Antikriegsfilm unserer Zeit), der auf sehr eigene Weise um die Fragen kreist, die der Irak-Krieg und die Entwicklung der Vereinigten Staaten nach dem 11. September 2001 aufwerfen, mit dem Historiker Heinrich August Winkler und Joschka Fischer über genau dieses Thema und natürlich über seinen Film zu unterhalten. Wenn es dabei, unvermeidlich, um Bush ging, sagte Redford nur: „the current president“.
Hätte Stefan Aust nicht seine Stimme verloren, wäre er ebenfalls in Berlin dabei gewesen. Winkler hatte seine Stimme nicht verloren, kam aber dennoch nicht oft zu Wort; wenn dann doch, sagte er das Erwartbare – dass nämlich die historischen Parallelen, die zu Beginn des Irak-Kriegs mit der Demokratisierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen wurden, falsch gewesen und überhaupt das Sendungsbewusstsein Amerikas ein großes Problem seien. Kein ganz taufrischer Standpunkt, aber von einer Diskussion wie dieser kann man nicht erwarten, dass plötzlich völlig neue Gedanken in Umlauf kommen. Immerhin handelte es sich um eine Filmpremiere, und Redford ist auf Promotiontour.
Fischer identifiziert sich mit Redford
Das heißt nicht, dass er es nicht ernst meine, und das heißt nicht, dass er nichts zu sagen habe. Tatsächlich ist dies sein politischster, sein dringlichster Film bisher. Auch ist er untypisch in seiner kompakten intellektuellen Schärfe, was vor allem am Drehbuch von Matthew Michael Carnahan liegt, den Redford in Berlin wiederholt als denjenigen herausstellte, der mit diesem Buch ihn und alle anderen Beteiligten begeistert habe. Es ist der erste Film der von Tom Cruise und Paula Wagner wiederbelebten United Artists, und dass es ein Film ist, in dem vor allem intelligent geredet wird, in einem Ausmaß übrigens, das Produzenten gemeinhin in die Flucht schlägt (und das Publikum nicht selten auch), könnte ein gutes Zeichen sein, falls „Lions for Lambs“, wie Cruise es in Berlin andeutete, eine Art Richtschnur vorgeben sollte für kommende Projekte.
Nach Filmende diskutierten auf dem Podium also vor allem Redford und Fischer. Gerhard Spörl vom „Spiegel“, der mit MGM, United Artists und Twentieth Century Fox als Veranstalter auftrat, moderierte – ein wenig leidenschaftslos, wie es schien, aber der Eindruck kann dadurch aufgekommen sein, dass Zustimmung zum Film allgemeiner Konsens auch im Publikum zu sein schien und Entsetzen in verschiedenen Schattierungen über die Aktionen der Bush-Regierung ebenfalls. Dass niemand mit Lösungsvorschlägen in einer Situation antrat, in der der amerikanische Präsident einem weiteren Staat unverhohlen droht – was im Film fast prophetisch bereits enthalten ist –, spricht für die Ernsthaftigkeit des Abends, in dessen Verlauf sich alle bemühten, populistische Grobheiten auch in Richtung der augenblicklichen amerikanischen Regierung zu unterlassen.
Witzig war, dass sich Fischer nach seinem Princeton-Jahr offenbar in dem Berkeley-Professor wiedererkannte, den Robert Redford im Film spielt und der die Hoffnung auf eine Erziehung zu Anstand und Engagement verkörpert, obwohl es ihm nicht gelungen war, zwei Studenten von der freiwilligen Kriegsteilnahme abzuhalten. Es war eine Anverwandlung Fischers an Redfords Filmrolle nicht aus Eitelkeit (nicht nur jedenfalls), sondern aus Sympathie – für den Star und seinen Film natürlich, vor allem aber für Amerika und dessen demokratische Grundsätze, die die Regierung so achtlos aufs Spiel setzt. Und man sah, so wenig Ähnlichkeit Fischer mit Redford äußerlich auch hat, dass aus ihm, wäre er Amerikaner, vielleicht so eine Figur hätte werden können wie der Professor in Redfords Film. Ein Anachronismus, einerseits, aber auch die Verkörperung all der Hoffnungen und Möglichkeiten, für die Amerika so lange auch in Fischers Generation stand.
Lose-lose-Situation im Irak
So sagte Fischer als erstes zu Redford: „Sie haben keinen antiamerikanischen Film gedreht“, und meinte das als Lob. Hier trafen sich zwei, die, wie Redford es formulierte, entschieden in den Grauzonen unterwegs sind, statt sich in Schwarzweißschablonen zurückzuziehen. Keiner hatte etwas Positives über Bushs Regierung zu sagen, und für die Situation im Irak fand Fischer das schöne Wort von der „lose-lose-situation“. Aber er und Redford taten dennoch alles, um die Vision von Amerika zu retten, mit der sie beide aufgewachsen sind, als die Öffentlichkeit noch als Korrektiv der Politik funktionierte.
Die Auslagerung gesellschaftlicher Aufgaben in private Unternehmen, vor allem im Bereich der Sicherheit und natürlich der Kriegführung, sind für Fischer Ausdruck wie Ursache der zunehmenden Entpolitisierung und des Rückzugs der Öffentlichkeit aus der kollektiven Verantwortung – auch dies ein Erzählstrang in „Lions for Lambs“. Wie sich eine offene Gesellschaft vernünftigerweise zur Gefahr, die vom internationalen Terrorismus ausgeht, verhalten könnte, wurde natürlich nicht geklärt, weder im Film noch in der Diskussion. Aber wer könnte das vom Kino und denen, die über es reden, im Ernst erwarten?
Nur ein Film?
Wie in den Vietnam-Antikriegsfilmen der achtziger Jahre übrigens, die ja auch patriotisch im emphatischen Sinn waren, den Redford und auch Fischer meinen, kommt der Kriegsgegner kaum vor. In „Lions for Lambs“ sehen wir nur einmal die Schemen von Talibankämpfern im Dunkeln. Einem Zuschauer fiel das auf, aber leider kam von Redford als Erklärung nur die naheliegende Begründung, ein Film könne eben nicht von allem handeln.
Selbstbefragung ist Redfords Thema, scharfsichtiges Eruieren, was im eigenen Land so schiefgelaufen ist und wie vielleicht noch etwas zu retten sei vom amerikanischen Glücksversprechen, an das Redford ja nach wie vor glaubt. Er weiß selbst, dass er nur einen Film gedreht hat und vielleicht sogar einen, der in Europa besser als in Amerika verstanden wird, und dass Filme, auch seine, politisch keinen Einfluss haben. „Der Kandidat“ stellte schon 1972 die Wahlkampffinanzierung an den Pranger, „All the President’s Men“ 1976 den Watergate-Skandal – beides folgenlos, wie die Geschichte zeigt. Das Einzige, was er je mit einem Film erreicht hätte (mit „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ nämlich), sei gewesen, dass Schnurrbärte in Mode kamen. Und auch das ist lange vorbei.