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Veröffentlicht: 08.04.2017, 15:12 Uhr

Schriftsteller Maxim Biller Brauchen Kritiker jetzt einen Ahnennachweis?

Wer die Romane von Maxim Biller nicht gut findet und das als Literaturkritiker auch schreibt, muss einen dunklen Hintergrund haben. Das meint der Schriftsteller zumindest.

von
© Jule Roehr Was er von Literaturkritik hält und versteht, wissen wir nun: Der Schriftsteller Maxim Biller.

Man wird ja noch mal fragen dürfen. Zum Beispiel einen Literaturkritiker nach seiner skeptischen Besprechung des Romans eines Schriftstellers, der dieses Buch für „meinen bisher jüdischsten und komischsten Roman“ hält. Was fragt nun dieser Schriftsteller? Ob der Kritiker damit sagen wolle, „dass nur er als Deutscher wisse, wie man sich als jüdischer Autor mit dem Superverbrechen zu beschäftigen habe, das Deutsche begangen, bejubelt oder zumindest geduldet haben“. Mit dieser Formulierung gibt der Schriftsteller unausgesprochen gleich die Antwort, das haben rhetorische Fragen so an sich. Wer so fragt, der meint eigentlich: Das muss man doch mal sagen dürfen...

Andreas Platthaus Folgen:

Eine in jüngster Zeit oft gehörte Ansicht, ein „bewährter AfD-Umkehrungstrick“, um ein weiteres Mal den Schriftsteller, der doch nur mal fragen und sagen dürfen will, zu zitieren. Mit dem Trickser meint er übrigens einen zweiten Literaturkritiker. Der dasselbe getan hat wie der erste: das Buch des Schriftstellers, der da nur mal fragen und sagen dürfen will, nicht rundum gut gefunden. Der erste Literaturkritiker bin ich, der zweite ein Kollege von der „Süddeutschen Zeitung“, und derjenige, der da nur mal fragen und sagen dürfen will, ist Maxim Biller. Für diejenigen, die ihn nicht kennen, hier seine Selbstbeschreibung aus der „Zeit“ von dieser Woche: „jüdischer Schriftsteller in Deutschland“, der das aber – so lautet die Überschrift des doppelseitigen Artikels – „zurzeit nicht so gerne“ ist.

Nazis, überall Nazis

Weil dieses Land von Literaturkritikern bevölkert ist, über die Biller nichts weiß, vor allem nicht, von welchen Nazis sie großgezogen und ausgebildet wurden. Dass es aber Nazis waren, ist ihm klar, auch wenn die deutsche Kritik vor anderthalb Jahrzehnten erstaunlicherweise noch ganz anders geklungen haben muss, als „Rezensenten und Germanisten über meinen exzentrischen Realismus, meinen Humor und meine krassen Sexszenen urteilten“. Das können dann ja nach Billers exzentrischer Logik nur jene Nazis gewesen sein, die die heutigen Literaturkritiker großgezogen und ausgebildet haben. Kann er sich über dieses Lob freuen?

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Aber ja. Denn natürlich waren die Literaturkritiker von damals gar keine Nazis oder von diesen ausgebildet, sie fanden ja Billers Bücher so gut. Einem heutigen dagegen – mir, um genau zu sein – wird attestiert, dass er „im Sinne Richard Wagners“ in Billers Buch das „Wahre“ vermisst und es noch „frivoler“ gefunden hätte, „dass darin ‚die vielfältigen Störungen und Verstörungen der Romanfiguren‘ als Reaktionen auf die Schoa-Erlebnisse ihrer Eltern beschrieben wurden“. Was in meiner Kritik des Romans tatsächlich stand, lautete vor einem Jahr – so lange braucht ein Maxim Biller schon zum Lesen – folgendermaßen: „Nichts legitimer, nichts aber auch frivoler, als die vielfältigen Störungen und Verstörungen der Romanfiguren auf diese Erfahrung der Eltern zu beziehen.“

Wer „Wahrheit“ nur als antisemitischen Kampfbegriff kennt, der muss es damit selbstverständlich nicht genau nehmen. Hauptsache, er kommt als Schriftsteller mal wieder ins Gespräch. Und ein Gespräch hat sich für Biller nur um Biller zu drehen. Vor zwei Jahren saß er mit mir zusammen und sprach über seinen Roman. Über seinen Verlag. Über seinen Lektor. Über seinen Stil, seine Ansichten, seine Absichten, seine Empfindlichkeiten, seine Erwartungen. Das war interessant, ich fragte immer weiter. Biller fragte nie. Was er heute über mich sagt, ist mal richtig geraten (Deutscher), mal falsch (Germanist). Er weiß wirklich nichts über mich. Denn um etwas zu wissen, hätte er ja mal fragen müssen. Das hätte er gedurft.

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