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Veröffentlicht: 25.11.2014, 11:34 Uhr

Landleben Was aufhört, was anfängt

Die urbanen Zentren: wachsend, wirtschaftsstark, jung und dienstleistend. Das Land: schrumpfend, wirtschaftsschwach, alt und agrarisch. Ist das unsere Zukunft - oder doch nur Statistik?

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© Röth, Frank Sieh nur die Windräder am Horizont: Mit ihnen anfreunden kann sich im malerischen Vogelsbergdorf Stornfels niemand, aber damit abgefunden haben sich die Leute.

Man kann eine deutsche Zukunft in Hessen besichtigen. Es ist die Zukunft von Stadt und Land. Nehmen wir den osthessischen Vogelsbergkreis und halten uns zunächst an Zahlen. Vor zwanzig Jahren hatte dieser Kreis knapp 120.000 Einwohner, heute sind es noch 106.000, also etwa 70 Einwohner pro Quadratkilometer. Manche Gemeinden schrumpfen pro Jahr um ein Prozent, große Städte gibt es ohnehin nicht: Alsfeld ist mit 16.000 Einwohnern die größte. Für 2030 prognostiziert das Hessische Statistische Landesamt für den Vogelsbergkreis einen Anteil der über 65-Jährigen von mehr als einem Drittel. Die Wirtschaftskraft der Region liegt unter der Mecklenburg-Vorpommerns, 22.800 Euro pro Einwohner waren es 2012, der hessische Landesdurchschnitt liegt bei 37.300 Euro. Nach einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zur „Zukunft der Dörfer“ pendelt mehr als ein Viertel aller Bewohner des Landkreises über seine Grenzen hinweg.

Jürgen Kaube Folgen:

Diese erhebliche und für ländliche Regionen lange ganz untypische Mobilität lenkt den Blick in die urbane Großregion. Denn nur dort pendeln von den Vorstädten und Wohngemeinden im Umkreis der Städte aus noch größere Anteile der Erwerbstätigen. Die einen pendeln, weil es am Ort keine Arbeit gibt, die anderen, weil man dort, wo es Arbeit gibt, nicht wohnen will oder kann. Der Entschluss, auf dem Land zu leben, kann viele Motive haben, setzt aber in jedem Fall Benzin voraus.

Statistiken zeichnen ein unvollständiges Bild

Es gibt kaum ein anderes Bundesland mit einer derart großen Disparität zwischen Peripherie und Zentrum wie Hessen. Im Ballungsraum Frankfurt leben 2,2 Millionen Einwohner, 880 pro Quadratkilometer. Manchen Städten der Großregion kann man beim Wachsen nachgerade zusehen. Darmstadt beispielsweise ist in den vergangenen zwanzig Jahren von etwa 138.000 auf 152.000 Einwohner gewachsen. Nur rund ein Fünftel davon ist älter als 65, und auch im Jahr 2030 soll es immer noch weniger als ein Viertel sein.

Das scheint die nächste Zukunft von Stadt und Land. Das Land: schrumpfend, wirtschaftsschwach, agrarisch, alt. Urbane Zentren: wachsend, wirtschaftsstark, dienstleistungsorientiert, jung. Doch das stimmt, wie Statistiken meist, nur eingeschränkt. Die Wirtschaftskraft des ländlichen Raums in Deutschland - also von Gemeinden mit weniger als 150 Einwohnern pro Quadratkilometer - ist im vergangenen Jahrzehnt eher gestiegen. Sein Wachstum übertrifft das der Kernstädte. Das schlägt sich aber weder in den Städten noch auf dem Land in Arbeitsplätzen nieder, die Extreme sozialer Verdichtung berühren sich, was die Arbeitslosenquoten angeht. Kommunale Gewinner sind demgegenüber das „verdichtete“ und das „ländliche Umland“, hässlich formuliert: die zu Schlaf-, Dienstleistungs- und Industriezentren transformierten Kleinstädte in urbanen Regionen.

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Zumindest Gasthäuser gibt es

Soziologisch heißt das, wie die Studie des Berlin-Instituts notiert, dass nicht die Siedlungsform, sondern die Lage eines Dorfes oder einer Stadt für ihre Entwicklungschancen ausschlaggebend ist. Fragen der Mobilität und der Infrastruktur überlagern alles. Das Leben im Raum ist eine Funktion von Fahrzeiten im Verhältnis zu Wirtschaftskraft geworden. Darum kann Nordrhein-Westfalen, in dem es außer der Gegend um Münster kaum einen ländlichen Raum gibt, genauso schrumpfen wie beispielsweise Sachsen mit seiner gesamten ländlichen Fläche. In anderen Regionen wiederum, etwa in Bayern, hat gut die Hälfte der ländlichen Gemeinden stabile Bevölkerungszahlen. Man kann auf der Grundlage von Gemeindegrößen darum kaum noch Aussagen über die Lebensverhältnisse machen. Begriffe wie „Dorf“ und „Stadt“ sind zumindest ökonomisch und demographisch nicht mehr informativ.

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