Gottfried Benns epochemachende Sammlung „Statische Gedichte“ von 1948 beginnt mit einem recht dynamischen Sehnsuchtsgedicht: „Ach, das ferne Land ...“ Es endet mit den Versen: „So fallen die Tage, / bis der Ast am Himmel steht, / auf dem die Vögel einruhn / nach langem Flug.“
Heute fallen nicht die Tage, sondern die Vögel selbst, und sie „ruhn“ nicht ein, sondern gehen ein. Auch in Deutschland werden nun tote Vögel gefunden, Graugänse und Enten. Und die am Himmel ziehenden Schwärme von Zugvögeln sind in diesen Tagen nicht mehr Symbole einer Sehnsucht, sondern unheilvolle Boten einer ungreifbaren Angst. Antike Seher wollten in der Vogelschau aus den Flugformationen noch die Zukunft lesen - heute braucht man das nicht mehr, das bloße Faktum ihres Zuges ist schon zum Menetekel geworden, das jeder versteht, der die Nachrichten von der unaufhaltsamen Westwanderung der Krankheit verfolgt, die auch für den Menschen eine tödliche Bedrohung ist. H5N1 ist kein Wort für ein Naturgedicht; allenfalls ein Peter Rühmkorf könnte sich einen - allerdings bösen, unreinen - Reim darauf machen.
Allegorisch aufgeladen
Was diese symbolische Umwertung des Vogelzugs bedeutet, kann man sich nur klarmachen, wenn man bedenkt, wie sehr der majestätische Flug gerade der Zugvögel über alle natürlichen und politischen Grenzen hinweg die Phantasie der Dichter beflügelt hat. „Die Kraniche des Ibykus“ in Schillers Ballade etwa sind hochgradig allegorisch aufgeladen - im Augenblick seiner heimtückischen Ermordung ruft sie der Sänger als Tatzeugen an, und am Ende sind es die Mörder selbst, die, als sie die Vögel erblicken, von ihrem Gewissen eingeholt werden und sich verraten. Bei Schiller sind diese Zugvögel, die sich jedes Jahr aus Nordeuropa in mediterrane Gefilde aufmachen, Sinnbilder der kosmischen Ordnung, ja einer höheren Gerechtigkeit, die in der Natur waltet.
Tatsächlich wurden diese größten Vögel Europas früher mit ihrem lauten Schreien als Aufpasser eingesetzt, die vor wilden Tieren und Feinden warnen sollten, und galten in der Wappenkunde als Symbole der Wachsamkeit. Auch diese Bedeutung findet nun eine perverse Umkehrung. Heute werden in Europa „Frühwarnsysteme“ gegen die Vogelgrippe eingerichtet - vor allem der Kot der Zugvögel wird bei diesem „Monitoring“ auf die Viren untersucht.
Von der Erhabenheit, die den ziehenden Vögeln auch noch in Brechts berühmtem Gedicht „Die Liebenden“ („Seht jene Kraniche in großem Bogen!“) eignete, ist nichts mehr übriggeblieben. Die Weltenthobenheit und Entrücktheit der Vögel ist gerade zur Gefahr geworden, so daß man sich jetzt an die irdischsten und profansten aller Spuren, nämlich an ihre Exkremente, macht und aus ihnen, als moderner Nachfahr der antiken Seher, das kommende Unheil vorhersehen will.
Medium des Fernwehs und der Sehnsucht
In der Romantik war der Vogel noch Medium des Fernwehs und einer unstillbaren Sehnsucht (die noch beim Benn-Gedicht als Projektion des fließenden, wallenden, „dionysischen“ Südens nachklingt). In einem der berühmtesten Kinderbücher der Weltliteratur, Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson“, reist der zum Däumling geschrumpfte Held mit einem Wildgansschwarm durch ganz Schweden. Auch beim Begriff „Wandervögel“ schwingt das geflügelte Erbe der Romantik mit.
In Justinus Kerners „Wanderlied“ heißt es: „Mit eilenden Wolken / Der Vogel dort zieht / Und singt in der Ferne / Ein heimatlich Lied. / So treibt es den Burschen / Durch Wälder und Feld, / Zu gleichen der Mutter, / Der wandernden Welt.“
In der Fremde, in die der Wanderer zieht, erwarten ihn die gefiederten Freunde schon und lindern den Schmerz der Trennung von der Heimat. Heute wäre das eher eine hitchcockartige Horrorvorstellung: Man flieht vor einer möglichen Epidemie (oder auch nur vor dem Klima) und wird erwartet: Alle Vögel sind schon da. Die infizierten womöglich auch.
Liest man dagegen noch einmal andere Gedichte aus nachromantischer Zeit, wirken sie auf unheimliche Weise aktuell. Bei Friedrich Nietzsche waren die ziehenden Krähen schon Sinnbild einer alles erfassenden kosmischen Einsamkeit: „Die Krähen schrein / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / Bald wird es schnein. - / Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat! ... Nun stehst du bleich, / Zur Winter-Wanderschaft verflucht, / Dem Rauche gleich, / der stets nach kältern Himmeln sucht.“ Das klingt doch schon sehr nach dem lyrischen Pendant zu einer Grippewelle, vor der man allein in Selbstquarantäne und Eremitentum fliehen könnte.
Das Klagen der Amsel
Geradezu wonnevoll-dekadent der Vergänglichkeit hingegeben ist dann Georg Trakls Sonett „Verfall“: „Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, / folg ich der Vögel wundervollen Flügen, / Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen, / Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.“
Das ist noch zeitlose Altweibersommer-Stimmung, die dann plötzlich in finstere Todesahnung umschlägt: „Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern. / Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.“
Fast frappierend findet man da jenes Umkippen von normaler Melancholie in Angst und Apokalypse beschrieben, die über diesen so katastrophischen Herbst 2005 mit Wirbelstürmen, Erdbeben und Seuchengefahr ihren bedrohlichen Schatten warfen.
Hoffen wir, daß der Mensch - diesmal - doch noch einmal davonkommt. Und daß wir dann eher mit Christian Morgensterns „Huhn“ die Sache mit dem Stallzwang und den Notschlachtungen von der humoristischen Seite nehmen können: „In der Bahnhofshalle, nicht für es gebaut, / Geht ein Huhn / Hin und her ... / Wo, wo ist der Herr Stationsvorsteh'r? / Wird dem Huhn / Man nichts tun? / Hoffen wir es! Sagen wir es laut: / Daß ihm unsere Sympathie gehört, / Selbst an dieser Stelle, wo es - ,stört'!“